Gounods „Faust“, Bayerische Staatsoper © Bayerische Staatsoper, Foto: Geoffroy Schied
Regisseurin Lotte de Beer entdeckt in Gounods romantischer Oper „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper in der Liebe den existenziellen Spannungsbogen zwischen Egoismus und sozialer Verantwortung.
Eine romantische Melodie führt hinab in die Tiefe romantischer Todesstimmung und weitet sich nahtlos zu glücklichen Momenten. Licht erhellt die Bühne in Schwarz-Weiß-Optik. Der Boden, leicht gewölbt, verweist symbolisch auf existenzielles Weltenrund a lá Beckett, noch mehr der uralte Faust in zerfledderter Kleidung im Rollstuhl.
Gounods „Faust“
Ohne Prolog, ohne Gott, beginnt Charles Gounod seine romantische Oper „Faust“ (1859), die in Frankreich euphorisch gefeiert wurde und in ihrer Abwendung vom italienischen Belcanto für die lyrische Oper Frankreichs stilbildend wurde. Faust ist am Ende, weniger wegen seiner vergeblichen Studien, die Welt zu begreifen, vielmehr als todesmutiger Greis, der seine Libido verloren hat. „Wenn der Tod mich nicht nimmt, gehe ich auf ihn zu.“ Er sucht nicht wie bei Goethe nach Erkenntnis. Gounods Faust will „Jugend, Liebe, Glauben.“ Schon ist Méphistophélès zur Stelle, nicht als Inkarnation des Bösen, sondern als eleganter Kavalier, der das Unmögliche zur Wahl anbietet. Erst durch Fausts Annahme und Ausführung wandelt sich das Angebot ins Böse, wenn über die egoistische Genussbefriedigung das soziale Verantwortungsgefühl verloren geht.
Lotte de Beers „Faust“-Inszenierung
Von der ersten Szene an weitet Regisseurin Lotte de Beer Gounods romantische Oper ins Existenzialistische und fokussiert in ständig wechselnden Szenenbildern auf Fausts egoistischen Hedonismus, völlig losgelöst von sozialen Regeln der Dorfgemeinschaft.
Zusammen mit Christof Hetzer (Bühne) und Benedikt Zehm (Licht) visualisiert Lotte de Beer Gounods romantischen Faust in historischen Genrebildern wie in einem Bilderbuch, das auf Christof Hetzers Drehbühne mit stilisierten Miniatur-Architekturen und durch Benedikt Zehms kontrastierende Beleuchtung inklusive Schattenwirkungen bestens zur Wirkung kommt..
Mephisto als Weltenlenker
Méphistophélès avanciert an der Bayerischen Staatsoper zum Weltenlenker, zum Deus ex machina. Der Erscheinungsform eines Pudels oder einer Hexe zur Verjüngung Fausts bedarf er nicht. Er schält Faust einfach aus seinen alten Klamotten und nimmt ihm die Perücke ab. Der Teufelspakt ist marginal, verwandelt sich raffiniert über einen dunklen Tuschefleck auf der Videoprojektion symbolisch in den Schattenriss einer verführerischen jungen Frau, der immer wieder leitmotivisch auftaucht. Auerbachs Keller weitet sich zum Dorfspektakel inklusive der idealisierten Soldaten, die ihr Leben für die Sicherheit der Menschen aufs Spiel setzen. Die Walpurgisnacht wandelt sich zu einem Barockspektakel, einem lebendigen Gemälde zwischen exotischer Blumenpracht und einer Heerschar verführerischer Frauen vor rot leuchtendem Hintergrund. Währenddessen ertränkt Marguerite ihr Kind. Wie ein Hund wird sie in einen Käfig gesperrt und trägt doch den Sieg davon, weil sie ihre Schuld erkennt und Erlösung durch den Glauben findet.
Kyle Ketelsen als Méphistophélès
Méphistophélès, fantastisch von Bariton Kyle Ketelsen gesungen und gespielt, schiebt die Kreisbühne an. Er hat das Geschehen im Griff, beobachtet es auf dem Dach von Marguerites Haus, um schnell zur Stelle zu sein, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Er stellt sich quer vor die Minikapelle, um Marguerites kirchliche Zuflucht zu verwehren. Im Schatten verborgen spielt Méphistophélès vor, wie Faust sich zu verhalten, wie er zu kämpfen hat. Nur das Kreuzzeichen des Volkes zwingt ihn einmal in die Knie. Kyle Ketelsen ist das Highlight der besuchten Vorstellung am 30. Juli 2026.
Aufhorchen lässt Mezzo-Sopranistin Emily Sierra als Siebel. Durch ihre angenehm kraftvolle Stimme rückt sie diese Nebenfigur als Beschützerin Marguerites und Gegengewicht zu Méphistophélès in den Mittelpunkt.
Piotr Beczała, weltberühmter lyrischer Tenor, wirkte an diesem Tag als Faust in den Höhen angestrengt. Nicole Car begeisterte als Marguerite durch ihre facettenreiche Interpretation. Lyrische Verspieltheit verwandelte sich in rasante Leidenschaftlichkeit und explosive Schulbekenntnisse, wobei Schrillheit in der Höhe durchaus als Ausdrucksmittel existentieller Angst zu werten war.
Dirigent Daniele Rustioni
Unter dem Dirigat von Daniele Rustioni leuchtete das Bayerische Staatsorchester die romantischen Tonlinien der Komposition aus, zuweilen zu temperamentvoll für die Sänger:innen, sodass sich anfangs die klaren Gesangslinien des Chores und der Solisten verwischten, am schönsten in den subtil ausbalancierten Pianissimi von Orchester und Sänger:innen, volkstümlich ausgelassen, bewusst etwas geschrammelt in den Volks- und Tanzszenen und mit weihevoller gläubiger Würde durch die Orgelklänge.
Fazit:
Lotte de Beers Neuinszenierung von Gounods „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper kommt sicher gut an. Manche Bilder prägen sich nachhaltig ein. Doch wer innovative Oper erleben möchte, wird mit dieser konventionellen historisierenden Inszenierung nicht ganz zufrieden sein.
Über die Sucht nach Jugend und Schönheit gäbe es für Gounods „Faust“ genügend Schnittstellen für eine zeitgenössischere Interpretation.
Infos zu Gounods „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung: | Daniele Rustioni |
| Inszenierung: | Lotte de Beer | |
| Co-Regie: | Florian Hurler | |
| Bühne: | Christof Hetzer | |
| Kostüme: | Jorine van Beek | |
| Licht: | Benedikt Zehm | |
| Chor: | Christoph Heil | |
| Dramaturgie: | Peter te Nuyl, Ana Edroso Stroebe | |
| Besetzung: | Faust | Piotr Beczała |
| Méphistophélès | Kyle Ketelsen | |
| Valentin | Boris Pinkhasovich | |
| Wagner | Anrew Hamilton | |
| Marguerite | Nicole Car | |
| Siebel | Emily Sierra | |
| Marthe | Dshamilja Kaiser | |
| Bayerisches Staatsorchester, Bayerischer Opernchor, Statisterie und Kinderstatisterie der Bayerischen Staatsoper | ||
| Dauer | 3 Std. 30 Min. inklusive Pause | |
















