"Kultur macht glücklich"


Kulturmobil 2026 – Theaterkritik zur Inszenierung von „Faust 1 2 3“ von Felix Krakau 

Veröffentlicht am:

von

Kulturmobil 2026 – Theaterkritik zur Inszenierung von „Faust 1 2 3“ von Felix Krakau 

Ensemble Kutlurmobil 2026 © Michaela Schabel

Das Kulturmobil tourt mit Felix Krakaus „Faust 1 2 3“ durch Niederbayern und bringt Goethes „Faust“ aus heutiger Perspektive rasant, witzig und atmosphärisch auf die Bühne.

Kulturmobil 2026 begeistert mit „Faust 1 2 3“

Szenenapplaus mitten in Goethes Faust in einer niederbayerischen Gemeinde? Das ist mehr als ungewöhnlich und beweist, dass Goethes Faust immer noch eine Botschaft vermittelt, wenn er so verpackt ist, dass die Menschen ihn verstehen. Dr. Laurenz Schulz, Intendant des Kulturmobils, entschied sich deshalb ganz bewusst nicht für das Original, sondern für Felix Krakaus famose Version von „Faust 1 2 3 nach und mit Johann Wolfgang von Goethe“. 

In dieser Neuinterpretation, uraufgeführt im September 2024 im Düsseldorfer Schauspielhaus, funkt es vom ersten Moment an. Das liegt an Felix Krakaus flotter, multiperspektivischer Textcollage, an der rasanten Umsetzung durch Regisseur Achim Bieler und dem witzig burlesken Spiel des Kulturmobil-Ensembles. 

Felix Krakaus „Faust 1 2 3“

Felix Krakau (*1990, Hamburg) wurde als Regisseur und Autor vielfach ausgezeichnet. Durch sein Talent, klassische Theaterstücke wie „Ödipus“, „Die Räuber“, „Elektra“ und „Faust“ in heutiger Sprache und aus gegenwärtiger Perspektive auf die Bühne zu bringen, ermöglicht er dem Publikum einen ganz neuen Zugang zu den „alten“ Klassikern. Gnadenlos streicht er den Originaltext auf zentrale Passagen zusammen. 

Warum „Faust 1 2 3“ so gut funktioniert

Fünf Schauspieler:innen spielen im fliegenden Wechsel zehn Rollen. Die beiden Theaterdirektor:innen moderieren das Bühnengeschehen aus heutiger Sicht, raffen Passagen, zielen auf Tempo und auf das Wesentliche, auf des „Pudels Kern“, den Teufelspakt in Blut geschrieben, die Auerbach- und Verjüngungsszene, das Gretchen-Drama und die Waldpurgisnacht. 

Goethes selten inszenierter zweiter Teil wird im Zeitraffer zu einer Parodie, in ihrer Verkorkstheit von Fausts Abendteuern, die vom kaiserlichen Berater über die Ehe mit der schönen Helena, dem Treffen mit dem künstlich geschaffenen Wesen Homunkulus allesamt mit Tod und „Rest in Peace“ enden. Doch Goethes berühmter Spruch „Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ fehlt in dieser Version. 

Stattdessen hinterfragt Felix Krakau im dritten Teil, Fausts Lebensstil „von immer höher und schneller“ womit er elegant den Bogen zur Gegenwart schlägt. „Wo wollen wir hin? Welches Leben wollen wir führen?“ Es geht um das Grundsätzliche. Fahren wir die Welt gegen die Wand fahren oder kreieren wir eine neue Welt? Geht der Mensch, dieses komische Wesen, unter oder gibt er Hoffnung?

Bühne – eine Himmelstreppe

Als Symbol für Untergang und Hoffnung führt eine leicht geschwungene Treppe höllenrot vom Boden hinauf in die goldene Region Gottes. Sie wird zum Dreh- und Angelpunkt des Spielgeschehens. Herausgelöste Treppen fungieren als Möbel. Sie erweitern die Spielfläche in immer neuen Variationen und eröffnen neue Blickwinkel. Der goldene Schnürvorhang vor schwarzem Hintergrund, durch den die Schauspieler:innen temperamentvoll verschwinden und erscheinen, akzentuiert die spielerische Rasanz.

Achim Bielers rasante Inszenierung

Vor dem Spiel stimmt Daniel Zacher das Publikum durch seine feierlichen, zugleich melancholischen Akkordeonkompositionen auf eine ganz andere Welt ein, die Regisseur Achim Bieler als groteske Commedia dell’Arte konzipiert und zwischendurch als Waldpurgis-Drogen-Techno-Party offeriert. 

Kurze Spielsequenzen wechseln mit frechen Moderationen, fetzige Dialoge mit karikierenden Zusammenfassungen, magisches Spiel mit klaren, ironischen Ansagen. „Wir machen das, weil wir einen Bildungsauftrag haben.“ Und der wird überaus amüsant vermittelt, vor allem durch die abrupten Übergänge zwischen lyrischem Spiel und magischen Momenten, die die physischen und psychischen Spannungen der Figuren über den Text hinaus erlebbar machen und durch die Akkordeonmusik sehr dezent, aber wirksam untermalt werden.

Hannes Kainz brilliert als Mephisto

Das Schauspielquintett, größtenteils an der Athanor Akademie für darstellende Kunst in Passau ausgebildet, ist bestens eingespielt und wird zuweilen nahtlos durch Daniel Zacher erweitert. 

Schauspielerisch im Mittelpunkt steht Hannes Kainz als Mephisto. Durch seine behende Körperlichkeit, seine starke Körperspannung und seinen durchdringenden Blick, von der Maske sehr gekonnt betont, hat er das Spiel so im Griff, dass alle anderen als Marionetten wirken, zuallererst Faust.

Ensemble überzeugt auf ganzer Linie

Ihn spielt Kolja Heiß sehr differenziert, bewusst zögerlich, zwischen Verzweiflung, Narzissmus und Einsicht in die eigenen Fehler. Mit Sequoia Kroll wird Gretchen zu einem Mädchen von heute, das die traditionellen Rollenerwartungen von einst immer wieder kritisch hinterfragt, ohne sie abwenden zu können. Dabei klingt auch die Thematik männlicher Pädophilie an, aber Goethe hat das Alter Gretchens ja nicht festgelegt, so die ironische Bemerkung im Spiel. Mit ihrem Lächeln sorgt Sequoia Kroll mitten im schauspielerischen Spektakel immer wieder für empfindsame Momente. Eva Gottschaller und Stephan Leitmeier geben ein vortrefflich burleskes Moderationspaar ab, weniger Theater- als Zirkusdirektor:innen, teilweise mit österreichischem Charme.

Fazit der Kritik

Dem Kulturmobil 2026 gelingt mit Felix Krakaus „Faust 1 2 3“ ein unterhaltsamer und intelligenter Goethe-Abend. Achim Bielers temporeiche Inszenierung und das schauspielerische Potential des Ensembles machen den Theaterabend zu einem Höhepunkt des niederbayerischen Kultursommers.

Man spürt die Spielfreude der Mitwirkenden und diese wird in der besuchten Vorstellung in Mamming durch viel Applaus honoriert. Ja, so kann man zu Klassikern, die heute sprachlich die meisten Menschen überfordern, noch einen Zugang schaffen. 

Im Tourenplan findet man alle Termine und Ortschaften, in denen das Kulturmobil Station macht. 

Infos zu „Faust 1 2 3“

Autor:                                           | Felix Krakau

Dauer:                                          | 1 Std. 30 Min. 

Premiere:                                     | 6. Juni 2026

Künstlerisches Team

Regie:                                           | Achim Bieler

Bühnenbild:                           | Claudia Weinhart

Kostümbild:                           | Lena Baumann

Komposition, Bühnenmusik: | Daniel Zacher

Maske:                                   | Sabine Tanriyiöver

Requisite:                               | Hanna Schnelle

Mit:                                         | Kolja Heiß (Faust)

                                               | Hannes Kainz (Mephisto)

                                               | Sequoia Kroll (Gretchen)

                                               | Eva Gottschaller, Stephan Leitmeier

                                                  (Zirkusdirektor:innen)