„Il Gattopardo“ beim Theatertreffen Berlin 2026: Kritik zu Pinar Karabuluts opulenter Inszenierung des Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusas zwischen Historiendrama und Satire.
Funktioniert der Filmklassiker „Der Leopard“ als Theater? Die Inszenierung Pinar Karabuluts nach dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa polarisiert als traditionelles Historienstück zwischen opulenter Bildsprache und erzählerischen Leerstellen.
Pinar Karabulut
Die Geschichte „Il Gattopardo“ faszinierte Pinar Karabulut schon seit langer Zeit. Vor sieben Jahren entstand die Idee, den Roman zu inszenieren. Realisieren konnte sie dieses anspruchsvolle Theaterprojekt erst 2025 bei ihrer ersten Inszenierung als Intendantin und Regisseurin am Schauspielhaus Zürich. Was ist das Besondere an der Inszenierung?
Lampedusas Romanvorlage
Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman kreist um den Satz des Fürsten von Salina: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“ Er spielt damit auf die Monarchie und den Adel an, die durch die italienische Freiheitsbewegung unter der Führung Garibaldis gefährdet sind. Der eigene Großneffe kämpft auf der Seite der Revolutionäre, kehrt aber wieder in royale Dienste zurück, womit sich die Behauptung des Fürsten bestätigt.
„Il Gattopardo“: Familiengeschichte und Sizilienporträt
Schwer erkrankt beginnt Lampedusa mit 50 Jahren, der letzte Nachkomme einer der ältesten sizilianischen Adelsgeschlechter sein erstes und letztes Buch zu schreiben. Es ist die Geschichte seiner Urgroßeltern und zugleich die wechselvolle politische Geschichte des Risorgimento, wobei er die sizilianische Landschaft und die Menschen mit ungewöhnlicher Plastizität einfängt, sich die politischen Zustände in der Atmosphäre Siziliens und im Gemütszustand der Menschen spiegeln.
Gigantisches Bühnenbild, aufwändige Ausstattung
Möglichst pur wollte Pinar Karabulut den Roman auf die Bühne bringen, inklusive des räumlichen Ambientes. Unter enormen Aufwand verwandelte sie in Zürich das Schiffbau-Industriedenkmal und beim Theatertreffen die Bühne der Berliner Festspiele in ein italienisches Palais. Räumlichkeiten und Ausstattung sind dem Palazzo des sizilianischen Fürsten von Salina originalgetreu nachgebildet. Zwischen zwei Salons gibt es, etwas nach hinten versetzt, einen dritten Raum, der alternierend als Schreibzimmer, Garten, Badezimmer fungiert oder einen Gang mit weiteren Räumen freigibt. Wie im Film können so unterschiedlichste Szenen nahtlos verbunden werden, wodurch die schauspielerische Akzentuierung sehr lebendig wirkt. Effektvoll ausgeleuchtet und musikalisch subtil untermalt signalisieren die Raumatmosphären die seelischen Befindlichkeiten der Figuren.
Inszenierung: opulent und vielschichti
Die ersten sechs Kapitel entfaltet Pinar Karabulut als opulente Szenenfolge. Mit jedem Auftritt in einem anderen Zimmer und in einer anderen Atmosphäre ergibt sich ein grandioses Historiendrama, das sie immer wieder durch skurrile Übertreibungen durchbricht. Plötzlich verwandeln sich die Figuren insbesondere die erwachsenen Kinder des Fürsten und der Konkurrent des Fürsten, Don Calogero Sedàra, ein neureicher Emporkömmling, in psychotische Plaste-und-Elaste-Wesen.
Kostüme: pompös, witzig, symbolisch
Die Kostüme unterstreichen politische Haltungen und persönliche Psychosen. Sedàras Hosen in Schottenkaro spielen auf die schottische Rebellion im 18. Jahrhundert an. Die fürstliche Familie Salinas im konservativen Schwarz signalisiert deren traditionelle katholische Werteorientierung, die der genusssüchtige Pater wiederum witzig kontrastiert. Nobel wirkt nur der Fürst im Frack mit weißem Hemd, der Sohn lediglich mit weißem Hemdkragen hat das Format des Vaters nicht. Gattin und Tochter wirken in wuchtigen Reifröcken reizlos, düster, zunehmend verhärmt. Umso mehr strahlt Angelica, die Tochter Sedàras, in ihren raffinierten großzügig dekolletierten, teilweise transparenten Reifrockmodellen. Klar, dass sich der rebellische Tancredi in sie verliebt und die Tochter des Fürsten den Kürzeren zieht.
Theaterversion: raffinierte Details
Abgedunkelt verwandeln sich alle in dunkle Schatten, eine Szene, die in Wiederholung das Leitmotiv des Todes ins Bewusstsein bringt. Raffiniert bremst Pinar Karabulut das Spieltempo ab, um die Kernsätze zu unterstreichen. „Solange es den Tod gibt, ist noch Hoffnung“. Den festlichen Tisch lässt sie extrem lange decken, was so mancher Zuschauer moniert, aber gerade die Tortur des Dienens für die Herrschaft, egal ob konservativ oder rebellisch sehr klug und atmosphärisch in Frage stellt.
Bühnenbild: persönlich erlebbar
Damit das Publikum diese Atmosphäre am eigenen Leib erlebt, darf es bereits zu Beginn über den Seiteneingang die Szenerie durchwandern und in der Pause in den Räumlichkeiten des Palazzos zwischen der Dienerschaft flanieren. Was hat das mit unserer Welt zu tun?
Historiendrama: mit aktuellen Spiegelungen
In Zeiten zunehmender politischer Polarisierung ist diese Spiegelung durch die Machtverhältnisse Italiens im 19. Jahrhundert durchaus interessant, zumal überall die Vergänglichkeit aufblitzt. Die Tapeten sind vergilbt. Ein Gerüst verweist auf Sanierungsarbeiten. Mit allen Mitteln will man das, was vergangen ist, erhalten. Mit vereinten Kräften wäre dies möglich, denn „die gesamte menschliche Existenz basiert auf dem, was sein könnte.“
In den markigen, philosophischen Formulierungen des Fürsten leuchten allgemein gültige Prinzipien auf. Aber die Wiederholung der Ereignisse beweist, dass sich im Wesentlichen eben nicht verändert.
Pinar Karabuluts Walzerszene
Im Gegensatz zur ausladenden Ballszene im Film reduziert sie Pinar Karabulut auf der Bühne auf einen Tanz, in dem Angelica, Symbol der neuen Zeit, von der Aura des eleganten Fürsten einer vergangenen Ära ganz geblendet ist.
„Il Gattopardo“: Markus Scheumann
Diese kokette Szene toppt final Markus Scheumanns halbstündiger Todesmonolog als Fürst, in dem er über sein Leben und seine Erkenntnisse resümiert. „Wir waren Leoparden und Löwen. Was kommt, sind Schakale und Hyänen“ sinnierte er schon früher und jetzt muss er erkennen. „Der Tod ist letztendlich die einzige Hoffnung.“ Dieser Existenzialismus kombiniert mit Tschechowscher Lethargie gibt dem „Leoparden“ Tiefgang.
Fazit: zu Pinar Karabuluts Inszenierung von „Il Gattopardo“
Pinar Karabulut beweist mit dieser Inszenierung einmal mehr eine neue Facette ihres Regietalents. Nach exaltierten schrillen Inszenierungen wie „Der Sprung aus dem Elfenbeinturm“ nach Texten von Gisela Elsner https://schabel-kultur-blog.de/theater/muenchen-der-sprung-vom-elfenbeinturm-nach-texten-von-gisela-elsner-in-den-kammerspielen/ und Anthony Turnages Oper „Greek“ https://schabel-kultur-blog.de/oper/berlin-mark-anthony-turnages-oper-greek-auf-dem-parkdeck-der-deutschen-oper/ beweist sie, dass sie auch ein traditionelles Historiendrama durch ein skurril satirisches Figurenspiel zeitkritisch brechen kann, politische und literarische Bezüge herzustellen vermag. „Il Gattopardo“ ist ein spannendes Erlebnis für Theaterbesucher:innen, die sich in den Puls der Inszenierung einfühlen können.
Zu hinterfragen ist allerdings der Aufwand, dieses opulente Historiendrama für nur drei Vorstellungen im Berliner Ensemble aufzubauen.
Infos zu Pinar Karabuluts Inszenierung „Il Gattopardo“
| Künstlerisches Team? | Bühnenfassung, Regie: | Pinar Karabulut |
| Bühnenbild: | Michela Flück | |
| Kostüme: | Sara Valentina Giancane | |
| Musik: | Daniel Murena | |
| Licht: | Michel Güntert | |
| Dramaturgie, Bühnenfassung: | Hanna Schünemann | |
| Besetzung in den Hauptrollen | Fürst von Salina | Markus Scheumann |
| Fürstin von Salina | Sophia Waibel | |
| Concetta, Tochter des Fürsteh | Sophia Mercedes Burtscher | |
| Pater Saverio Pironne | Peter Knaack | |
| Tancredi Falconeri | Mouataz Alshaltouh | |
| Paolo, Sohn des Fürsten | David Rothe | |
| Don Calogero Sedàra | Alexander Angeletta | |
| Angelica Sedàra | Mirjam Rast | |
| Dauer: | 3 Std. 30 Min. | |
| Weitere Vorstellungen: | TV- Aufsstrahlung | 1. Mai 2026, 20:15 Uhr auf 3sat |
| Weitere Vorführungen | online über 3sat und Festspiele Mediatthek | 16. Mai 2026 um 20:15 |














