© Landestheater Niederbayern, Foto: Peter Litvai
Stefan Tilch überrascht in Landshut mit einer modernen Inszenierung von Wagners „Parsifal“ zu Ostern. Wann erlebt man schon einen kurzweiligen „Parsifal“? Stefan Tilch gelingt…
das Kunststück im Landestheater Niederbayern. Er belebt Wagners umstrittenstes Werk durch eine farbsymbolisch atmosphärische Inszenierung, ermöglicht durch Videos und ironische Brechung des romantisierten Mythos einen distanzierten Blick auf das schwülstige Geschehen und beweist damit, dass auch ein kleines Theater ohne Stars große Oper kann.
„Parsifal“ im Landestheater Niederbayern: Dauer nur fünf Stunden
Bis zu sechs Stunden dauert zuweilen Wagners letzte Oper „Parsifal“ (1882), eine religiöse Parabel, die die Menschheit und auch den Erlöser durch Mitleid zu retten versucht. Im Landestheater Niederbayern schafft man das in viereinhalb Stunden.
Handlung: Parsifals Weg vom dummen Tor zum Wissenden
Parsifal unwissend im Wald aufgewachsen, zieht in die Welt, ohne sie zu verstehen. Er kommt zur Gralsburg, stellt aber an den verwundeten Gralshüter Amfortas nicht die entscheidende Mitleidsfrage, weshalb er die Burg wieder verlassen nach. Nach vielen Abenteuern findet er den Weg zurück. Er heilt Amfortas’ Wunde mit dem Speer, der sie geschlagen hat, und wird der neue Gralshüter. Dieses aus der Welt entrückte Bühnenweihespiel spannend auf die Bühne zu bringen, ist eine Kunst für sich. Stefan Tilch weiß damit umzugehen und hinterlässt mit dieser letzten Inszenierung seiner Intendantenzeit ein nachhaltiges Kunsterlebnis.
Starkes Bühnenbild von Thomas Dörfler
Linear geschwungene Lichtsäulen bestimmen die Szenerie und erweisen sich als effektvolles, atmosphärisches Stimmungsbarometer. Sie wirken wie Palmen, verwandeln sich in architektonische Strukturen, visualisieren Innen- und Außenräume, formieren sich zur Gralsburg. Ein Gazevorhang dient als Projektionsfläche. Videos während der Ouvertüren machen neugierig.
Regisseur Stefan Tilch: ausgefallene Visualisierungen im Landestheater Niederbayern
Wenn junge Menschen alte Bücher lesen oder heimlich Magazine bevorzugen, entsteht eine Perspektive aus heutiger Zeit. Klingsors verführerisch, exaltiert überdrehte Frauenwelt umschwärmt Parsifal vor dem zweiten Aufzug und vor dem dritten werden Parsifals Abenteuer als individuelle Kämpfe gegen die vier Elemente durch die Mimik des Protagonisten erlebbar.
Kritik – Inszenierung mit ironischen Akzenten
Dem schwulstigen Libretto setzt Tilch gesellschaftskritische Details und romantische Ironie entgegen. Die Gralsgefolgschaft wirkt mit weit ausgebreiteten Armen, gesenkten Häuptern und kleinen Schrittkombinationen wie eine Sekte. In dieser patriachalischen Welt werden Frauen als verführerische Wesen von der keuschen Männerwelt brutal ausgegrenzt. Die mythischen Grals- und Speerszenen entzaubert Stefan Tilch durch pantomimischen Witz, wodurch er amüsant den ritualisierten Schematismus ironisch überzeichnet, aber immer so subtil, dass sich die szenische Dramaturgie nicht zu sehr in den Vordergrund drängt.
Premiere in Landshut: beachtliches sängerisches Niveau
Die Sänger:innen stehen im Mittelpunkt. Es sind keine Medienstars, aber sie beweisen, dass sie wagnerianisches Potenzial haben, allen voran Stephan Bootz, der sich sein Wagnerrepertoire über den „Ring“ am Landestheater Niederbayern erarbeitet hat (schabel-kultur-blog.de/oper/landshut-wagners-goetterdaemmerung-am-landestheater-niederbayern/). Er gibt Gurnemanz durch seinen durchdringenden, wohl intonierten Bass und durch seine Textklarheit. die Aura des erhaben Wissenden. Bariton Hans-Georg Wimmer zeigt die Gegenseite, Parsifal als unwissenden Suchenden. Mehr in der Alten Musik verankert, meistert er seinen Part versiert und zuverlässig, aber ohne markante Hörmomente. Kyung Chun Kim dagegen ist als dessen Gegenspieler Klingsohr als absolute Karikatur angelegt und trotz Stimmvolumen einer lächerlichen Wirkung ausgesetzt. Janina Maarmar begeisterte schon als Brünnhilde im„Ring“ (schabel-kultur-blog.de/oper/landshut-die-walkuere-im-landestheater-niederbayern/). Jetzt lotet sie mit ihrer kraftvollen Stimme kombiniert mit ihrer schauspielerischen Expression Kundrys Facetten zwischen unfreiwilliger Verführerin und sehnsüchtig Liebende sehr emotional aus. Peter Tilch überrascht im ersten Aufzug als leidender Amfortas durch stimmliche Präsenz. Youngkug Jin lässt trotz seines kleinen Parts als Titurel aufhorchen. Man würde gerne mehr von ihm hören.
Ein großes Kompliment gilt dem Chor, dessen harmonische Klangfarbe und flexibles Auftreten das Weihespiel belebt.
Niederbayerische Philharmonie: das orchestrale Pianissimo fehlt
Die Niederbayerische Philharmonie hat sich unter der Leitung von Basil H. E. Coleman durch „Der Ring“-Produktion eine beachtliche Wagnertonalität erarbeitet. Die Dynamik hat sich verfeinert, neigt aber immer noch zum überbordenden Forte. Es fehlt das Klangerlebnis aus dem Pianissimo heraus, die spirituelle Transparenz als Gegenpol zum fulminanten Brausen, wobei die Trompeten viel zu schrill und differenziert die Klangharmonie des Orchesters durchbrechen. Wie wirkungsvoll laute Instrumente im Decrescendo sind, beweist Paukist Davide Lovato Menin.
Resümee:
Auch wenn der wagnerianische Musikkosmos nicht in seiner Vielfalt zu hören ist, lohnt die kurzweilige Inszenierung einen Besuch im Landestheater Niederbayern.
Infos:
| Dauer | 4 Stunden 30 Minunten | |
| Termine | Landshut: 14. MaiPassau: 17., 24, 29, Mai | |
| KünstlerischesTeam | Musikalische Leitung | Basil H.E. Coleman |
| Inszenierung | Stefan Tilch | |
| Choreografie | Sunny Prasch | |
| Bühne | Thomas Dörfler | |
| Kostüme | Ursula Beutler | |
| Video | Florian Beutler | |
| Choreinstudierung | Guiran Jeong | |
| Dramaturgie | Swantje Schmidt-Bundschuh | |
| Musikalische Assistenz | Peter WesenAuer | |
| Empfehlung | ⭐⭐⭐☆☆ |











