© Theater des Westens, Foto: Joern Hartmann
Mit „Wir sind am Leben“ blendet das neue Musical im Theater des Westens zurück in das Berlin der 1990er Jahre nach dem Mauerfall. Die Premiere am 21.03. zeigt Hitpotenzial, musikalisch bleibt sie…
hinter den Erwartungen.
Story – Queeres Berlin zwischen Helfen und Rebellieren
Plötzlich konnten Träume erfüllt werden. Es stellten sich aber auch Zukunftsängste ein. Mit Musical-Drive erlebt das Publikum, wie das damals so war im queeren Berlin mit…
den Hausbesetzungen. Junge idealistische Antikapitalisten aus der DDR leben in einem Konsumladen, über dem früher die DDR-Telefonseelsorge residierte, als Wahlfamilie zusammen. Ihre Geschichten konzipierten Lukas Nimscheck und Franziska Kuropka, die bereits mit „Die Amme“ einen Volltreffer landeten als Erinnerungsmomente an die Wende nach dem Mauerfall. Die Musik stammt von den einstigen Rosenholz-Musikern Peter Plate und Ulf Leo Sommer, womit das neue Musical musikalisch nach „Ku’damm 56“ (2021) und „Ku’damm 59“ (2024) nicht viel Neues bietet.
Bühne – starke Bilder, aber ohne Bezug zu Berlin
In nächtlicher Atmosphäre leuchten die Fenster gemütlich auf, doch die aneinander vorbeieilenden Menschen auf der Straße signalisieren Einsamkeit. Bewegliche Hausmodule schaffen immer neue Perspektiven von Innen- und Außenräumen, Raum für persönliche Geschichten, große Auftritte, gesellschaftliche Rebellion und auf einer Dachterrasse auch für die Musiker. Das ruinöse Umfeld wandelt sich nach der Pause in eine perfekte Showbühne. Von oben schwebt Nina (Celina dos Santos) ein. Ihr Traum, Sängerin zu werden, hat sich erfüllt. Aber es gibt auch jede Menge Probleme.
Musical mit sozialen Werten – „Wie kann ich dir helfen?
Die roten Telefonkabel quer über die Bühne sind endlos lang, aber die Verbindung mit der „Konsum Hoffnung“ kommt immer zustande. Hier herrscht noch der Geist der Hilfe, aber auch das Chaos der Beziehungen. Nur Doris (Kathi Damerow hat die Ruhe weg. Mit stoischer Gelassenheit berät sie die Hilfesuchenden und findet dabei die Liebe ihres Lebens, Günther, der ausnahmsweise nicht schwul ist, aber sich in Frauenröcken am wohlsten fühlt.
Handlung als Episodenpuzzle
Brigitte (Lucille-Marren Mayr) zuerst schwanger, dann mit Baby, muss sich als alleinerziehende Mutter durchkämpfen. Bruno,, der leibliche Vater, ehemalige Dragqueen und Tänzerin im Friedrichstadt-Palast, großartig von Jörg-Felix Alt gespielt, ist an AIDS erkrankt. Ihre lesbische Freundin Ramona (Johanna Spanzel) verweigert die Vaterrolle und distanziert sich. Für ihre Karriere als Sängerin ist Nina bereit sich zu prostituieren. Ihr Bruder Mario (Markus Spargl will Fotograf werden, um „das Unsichtbare sichtbar zu machen“. Er hält den Flirt mit Nando (Daniel Pohlen), einem schwulen kubanischen Tänzer, für die große Liebe und taucht in der Berliner Schwulenszene unter. Und dann taucht auch noch Marios und Ninas Mega-Mutter Rosi (Steffi Irmen) auf. Noch schlimmer. Das Haus soll wegen Abriss geräumt werden. Rebellion ist angesagt. „Sonst wäre ja alles umsonst gewesen.“
Musik enttäuscht, die Choreografien sind schlicht
Was fehlt, ist der entsprechende Drive seitens der Musik. Der Rosenholz-Sound schlägt immer denselben Rhythmus. Brav bleibt Nandos Auftritt im Vierviertel-Takt stecken – keine Spur von der mitreißend kubanischen Rhythmik. Technisch übersteuert wirkt jeder Song nur laut und mit zunehmender Höhe extrem schrill und gepresst. Die endlos langgezogenen Vokale haben, schon viel zu oft gehört, ihre Rasanz verloren und wird im Wettstreit von Nina und Rosi zum beifallsheischenden Wettbewerb. Wie schön manche Stimme klingt, wie gut mancher Song getextet ist, wird vor allem in den leisen Szenen hörbar. Die „Freiheit – die schönste Stadt der Welt“ ist marktschreierisch laut. Getanzt wird viel und flott, allerdings in sehr einfachen und ähnlichen Bewegungsmustern ohne besondere Highlights.
Steffi Irmen – wieder der Star der neuen Premiere
Nur langsam kommt die Inszenierung in Fahrt. Erst als Steffi Irmen als beherzte Super-Mami aufkreuzt, wird sie rasanter. Ihr schauspielerisches Temperament, kombiniert mit ihrer fulminanten Musicalstimme, ist derzeit einzigartig und rettet die Produktion. Ihr Song „Salon Rosie“ macht den Unterschied hörbar. Celina dos Santos fesselt das Publikum mit dem Rosenholz-Klassiker „Die Schlampen sind müde“.
Das Publikum einmal hingerissen, lässt sich nur allzu gerne weitere Male begeistern, wird beim „Supernovadiscoslut“ zum Chor und tanzt bei der Applauszugabe euphorisch mit. Standing Ovations, wohin man blickt.
Resümee: Queer, frech, rebellisch hätte die Story von „Wir sind am Leben“ im Theater des Westens durchaus das Zeug zu einem Musicalhit. Doch die musikalische Präsentation ist derart übersteuert, dass viele Songs nur noch schrill wirken.
Tipp: Wer sich das Musical freitags anschaut, kann anschließend an der 90er-Jahre-Disco im Festsaal des Theaters des Westens teilnehmen.
⭐⭐⭐☆☆











