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Tanzkritik – John Neumeier „Die Unsichtbaren“ – Bundesjugendballett an den Berliner Festspielen – 04. – 05. Mai 2026 – eine Tanzhommage

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Tanzkritik – John Neumeier „Die Unsichtbaren“ – Bundesjugendballett an den Berliner Festspielen – 04. – 05. Mai 2026 – eine Tanzhommage

©Kiran West

Egal, wo das Bundesjugendballett John Neumeiers Tanzcollage „Die Unsichtbaren“ aufführt, es ist immer ein besonderes Ereignis, eine Hommage an alle Tänzer:innen, die während des Nationalsozialismus unsichtbar gemacht wurden. Gleichzeitig ist es eine Hommage an Mary Wigman, die…

mit ihrem modernen Ausdruckstanz den klassischen Bühnentanz revolutionierte, wobei die kritische Bewertung ihrer Haltung gegenüber dem politischen System nicht ausgespart bleibt. 

John Neumeier macht „Die Unsichtbaren“ sichtbar

„Und man sieht nur die im Lichte / Die im Dunklen sieht man nicht“, schrieb Bertolt Brecht in seiner „Dreigroschenoper“. Genau darum geht in John Neumeiers Tanzcollage (2022). Er nennt sie „die Unsichtbaren“ und meint Hunderte von Tänzer:innen die im Nationalsozialismus ausgegrenzt, verfolgt, getötet oder Kollaborateure des menschenverachtenden Systems wurden. 

5125 Tanzschaffende gab es 1933 nach offizieller Zählung. Viele verschwanden von der Bühne, ohne dass jemals nachgeforscht wurde, warum. Neumeiers spannende Tanzcollage, eine Symbiose von dokumentarisch inszenierten Spielszenen und unterschiedlichsten Musikstilen macht Tanzgeschichte emotional erlebbar. Sie offenbart, wie während des Nationalsozialismus die Tanzszene hinter den Kulissen gesäubert wurde, und hinterfragt kritisch die Haltung der bekannten Tänzer:innen, die in Deutschland blieben. 

John Neumeiers Tanzcollage „Die Unsichtbaren“ fokussiert auf die Geschichte des Tanzes während der Zeit des Nationalsozialismus 

Die Bühne verwandelt sich in einen alten Ballettsaal. Die elf Tänzer:innen des Bundesjugendballetts stellen sich persönlich vor, wie sie heißen, woher sie kommen, wie alt sie sind. Das schafft bereits eine sehr große Authentizität und ermöglicht kritische Distanz. Wie ausdrucksstark sie tanzen können, beweist Neumeiers dreistündige Choreografie der „Unsichtbaren“. Entlang der Biografie von Mary Wigman erlebt das Publikum, wie sie als Ausnahmetänzerin berühmt wird, junge Tänzer:innen ausbildet und Nachwuchstalente wie Gret Palucca fördert. Im hellen Licht entwickelt sich Wigman zur außergewöhnlichen Ausdruckstänzerin, deren Choreografien nicht zuletzt durch die außergewöhnlichen Kostüme, Perücken und Accessoires immer noch eine faszinierende Magie ausstrahlen, die das Bundesjugendballett unter der Leitung von John Neumeier weniger pathetisch, dafür zeitgenössisch dynamisch erleben lässt. 

Das Bundesjugendballett spiegelt im Tanz staatliche Willkür

Doch in den Texten, von Louisa Stroux rollenadäquat, sehr schrill und autoritär vorgetragen, deutet sich eine Zeitenwende an. Das Licht wird matter, die kammermusikalische Tonalität von Klavier und Geige experimenteller. 

Zuerst nimmt man Wigman das Tanzstudio weg, dann wird sie dem politisch observierten Tanzsystem in Dresden einverleibt. Rennen, Flatterbewegungen, eckige Wendungen visualisieren die zunehmende Verunsicherung und Nervosität. Homosexuelle Tänzer nehmen Abschied. Schritt für Schritt verschwinden Tänzer:innen. Die Tanzbewegungen verlieren ihre Leichtigkeit, loten expressiv die physischen und psychischen Belastungen aus, erzählen von Ausweisungen, Verhaftungen und Ermordungen. Sprünge enden als Bruchlandungen. Hebungen signalisieren durch plötzliche Muskelerschlaffung den Tod. Die breitbeinigen Vergewaltigungen werden zum Spiegelbild vernichtender Autorität. Dazwischen lassen bunt jazzige Szenen, Country-, Rock- und Pop-Atmosphäre eine freie Welt jenseits des Atlantiks aufleuchten. Mary Wigmans Haltung im Dritten Reich wird zwischen Staatsanwalt und Verteidiger ins Kreuzverhör genommen, aber die Sympathie für sie bleibt. Sie war nie ein Star, aber sehr berühmt und beliebt. Doch was war mit den Opfern?

John Neumeiers Choreografie „Die Unsichtbaren“ mutiert zum stillen Gedächtnis

Diese Frage wird nur allgemein abgehandelt und weitet die Tanzcollage zum Gedenken, indem die aktiven Tänzer:innen final, an den Seiten des Foyers, die „unsichtbaren“ Tänzer:innen benennen, deren Leben durch den Nationalsozialismus eine plötzliche Wende erfuhr. So rücken „Die Unsichtbaren“, wenn auch reichlich spät, ins Bewusstsein als Impuls, auch auf diesem Gebiet zu forschen und die dunklen Seiten der Tanzgeschichte aufzuarbeiten. 

Resümee: Das ist Kunst, die etwas bewirkt. 

Am 13. und 14. Mai sind die „Unsichtbaren“ in Altenburg/Gera zu sehen. Weitere Vorstellungen sind leider noch nicht publiziert.

Das Bundesjugendballett ist eine Compagnie von jungen internationalen Tänzer:innen, die ihre professionelle Ausbildung abgeschlossen haben. Unter der künstlerischen und pädagogischen Leitung von Kevin Haigen arbeiten sie zwei Jahre zusammen. Gegründet wurde es von John Neumeier, dem vielfach ausgezeichneten Choreografen und langjährigen Ballettintendanten der Hamburgischen Staatsoper. 

Künstlerisches TeamKonzept, Regie, Choreografie, AusstattungJohn Neumeier
Künstlerische und pädagogische LeitungKevin Haigen
Musikalische LeitungJay Grummert-Kock, Marshall McDaniel
Wissenschaftliche Beratung, dramaturgische BeratungRalf Stabel
MitTanzBundesjugendballett
Schauspieler:inneMaximilian von Mühlen, Louisa Stroux, Isabella Vértes-Schütter
MusikKammerspielorchester