© Deutsches Theater Berlin, Foto: Eike Walkenhorst
Anna Bergmann inszeniert zum dritten Mal eine Uraufführung des amerikanischen Erfolgsautors Noah Haidle. „Spirit and the Dust“ ist eine Geschichte über den Verlust menschlicher Beziehungen, ein sehr ernstes Thema, das Bergmann als „American Dream of Life“ der 1960er Jahre ironisiert. Trotz Starbesetzung mit Corinna Harfouch…
zündet die Uraufführung im Deutschen Theater in Berlin nicht. Corinna Harfouch spielt – sehr gekonnt – eine amerikanische Immobilienmaklerin mit leidvollem Erfahrungshintergrund. Mit flotten Sprüchen vermarktet sie ihr eigenes Haus. „Zuhause ist der Ort, wo sich das eigene Schicksal abspielt.“ Sie gibt Ratschläge, für die die Betroffenen noch nicht bereit sind.
Haidles Stück „Spirit and the Dust“ bringt Verlustängste auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin
Genau das macht Hope. Nach 20 Jahren hat sie den Tod ihrer vierjährigen Tochter, die mit dem Nachbarsmädchen im Swimmingpool ertrank, immer noch nicht überwunden. Der Verlustschmerz hat sie so sensibel gemacht, dass sie das Leid in den Augen anderer Menschen zu erkennen vermag. Über den Hausverkauf verknüpft Haidle boulevardmäßig weitere Personen mit Verlustängsten. Margaret, schwanger, wird ihren Freund Will, einen Alkoholiker, mit dem sie das Haus besichtigt, verlassen und das Kind verlieren. Wills Vater hat den Verlust seiner verstorbenen Frau noch nicht verkraftet. Hopes Haus belebt sich. Zwischendurch erscheint die Nachbarin, um das jährliche Verlustritual auszuführen, bei dem Schritt für Schritt Erinnerungsstücke der beiden Kinder entsorgt werden.
Bergmanns Uraufführung von „Spirit and the Dust“ oszilliert zwischen traumatischer Symbolik, Boulevardkomödie, Rührstück und Groteske
Diese Verlustszenarien packt Bergmann bei der Uraufführung am Deutschen Theater in Berlin in ganz unterschiedliche Formate. Projizierte Wasserwellen auf der Hausfassade machen die bedrückenden Erinnerungen lebendig. Doch diese subtilen Momente durchkreuzt durch eine halbe Drehung der Kreisbühne der irritierende Blick auf eine gigantische, zerbrochene Micky-Mouse-Skulptur im Pool als Parodie auf Disneyland-Optimismus. Die Ritualszene mit Kinderregenschirm und Plüschtieren wiederum wird zum Rührstück. Um Haltung zu bewahren, zwängt sich Hope immer wieder in ein enges rosafarbenes Kleid. Harfouch spielt Hope mit den Facetten einer emotionalen Frau, die leidet und doch immer wieder die Kraft findet, die Chancen, die das Leben ihr bietet zu nutzen. Beim Tanzen träumt sie sich in schöne Erinnerungen. Endet die Musik, bricht sie depressiv zusammen. Doch als Wills Vater, ein arbeitsloser Lateinlehrer, in ihr Leben tritt, treffen zwei Seelenverwandte zusammen. Das Leben hellt sich auf. „It’s wonderful“, dazu boulevardmäßiger Schlagabtausch in Latein und später großformatige Bilder von einer Reise zu zweit nach Berlin. Wills erneuter Alkoholabsturz schürt dagegen neue Verlustängste. Trotzdem gibt es ein Happyend mit ironischem Verweis auf den berühmten Filmvorspann des Metro-Goldwyn-Mayer-Löwen. Doch Haidles Stück wirkt bei der Uraufführung in Bergmanns inszeniertem Pool der Verluste derart konstruiert und aufgesetzt, dass man sich wie in einer früheren amerikanischen TV-Serie vorkommt.
Resümee: Warum funkt Haidles neues Stück nicht bei der Uraufführung?
Anna Bergmanns plakativer Genre-Mix funkt nicht, bleibt ohne Tiefgang an der Oberfläche, weil er innere Verbindung zu den emotionalen Verlustsituatioinen nur grell übermalt. Was in Erinnerung bleibt, ist eine simple Parodie des „American Way of Life“, der alles unter einem schönen Schein verdeckt und letztendlich den ständigen Griff zum Alkohol als sich wiederholende Problembewältigungsstrategie in den Mittelpunkt rückt. Von Haidles Titel „Spirit and the Dust“, eine poetische Formel für das Geistige und Körperliche, Göttliche und Vergängliche, ist in der Uraufführung im Deutschen Theater leider gar nichts zu spüren.
| Künstlerischer Team | Regie | Anna Bergmann |
| Bühne | Kathrin Frosch | |
| Kostüme | Lane Schäfer | |
| Musik | Hannes Gwisdek | |
| Video | Sebastian Pircher | |
| Choreografie | Rônni Marcel | |
| Licht | Cornelia Gloth | |
| Dramaturgie | Daniel Richter | |
| Mit: | Corinna Harfouch (Hope) | Abak Safaei-Rad (Donna, Hopes Nachbarin) |
| Alexander Khuo (Lee) | Frieder Langenberger (Jerry, Hopes Freund) | |
| Lenz Moretti (Will, Lees Sohn) | Wiebke Mollenhauer (Margaret, Lees Freundin |











