©Komische Oper, Foto: Monika Rittershaus
Ohne Bühnenbild, trotzdem sehr spannend präsentiert Barrie Kosky Schostakowitschs „Lady Macbeth in Mzensk“ als Opernthriller an der Komischen Oper, derzeit mit Domizil im Schillertheater…
Die schöne Katerina langweilt sich zu Tode. Als Kaufmannsfrau hat sie nichts zu tun. Ihre Lebensaufgabe wäre die Erziehung des Nachwuchses. Doch die entfällt wegen der Potenzschwierigkeiten ihres Mannes. Sie sehnt sich nach Liebe und wird zur Mörderin der Männer, die ihrer Liebe zu einem Schürzenjäger im Wege stehen, der sie als Trittbrett für ein besseres Leben benutzt und sie dann wegen einer anderen verlässt.
„Lady Macbeth von Mzensk“ – trotz Erfolgs in der Sowjetunion verboten
Das Libretto basiert auf einer Geschichte Nikolai Leskows (1831-1895), der nach seinem Tod als bürgerlicher Autor in der Sowjetunion nur mit Einschränkungen geduldet war. Sein „derb-erotisches und kriminalistisches Schauerstück“ sollte ein abschreckendes Beispiel weiblicher Sinnlichkeit sein. Schostakowitschs Oper (1934), die er seiner Frau zur Hochzeit widmete, zielt auf das Gegenteil, die Darstellung männlicher Brutalität und Dominanz. Als Stalin nach zwei Jahren Erfolgsgeschichte eine Vorstellung besuchte, ordnete er die Absetzung der Oper an. Stalin war Schostakowitschs Musik zu „Wirr!“ und von der Prager Zeitung „Prawda“ wurde sie als „Chaos statt Musik“ abgewertet. Brachial ist die Musik in der Tat. Regisseur Barrie Kosky inspirierte die martialische Kompostion zu einer ausgesprochen bildstarken Inszenierung.
Koskys Version der „Lady Macbeth von Mzensk“ – statt Bühnenbild hochdramatisches Schauspiel
Ein hellgraues Rechteck auf mittelgrauem Bühnenhintergrund genügt Regisseur Kosky, um die Hoffnungslosigkeit der Kaufmannsfrau Katerina in neun Bildern zu vermitteln, davor Stühle und Tische, vor allem ein großes Doppelbett, um drei Morde und einen Selbstmord spannend zu inszenieren, nur möglich durch Koskys pointierte Personenregie und das schauspielerische Talent der Sänger:innen und die packende Bewegungsdynamik des Chores.
Sehr kreativ, mit dramaturgischem Fingerspitzengefühl inszeniert Kosky die Brutalität der Männer, die psychische Verwandlung Katarinas von der selbstbewussten Kaufmannsfrau in eine kaltblütige Mörderin, den grenzenlosen Narzissmus ihres Geliebten Sergei und die stumpfe Schaulust des Volkes. Es gelingen brutale Szenen, wie die Massenvergewaltigung Aksinjas (Mirka Wagner) im Schubkarren, die Vergiftung des widerlichen Schwiegervaters, die kaltblütige Ermordung von Katerinas Ehemann, die Erdrosselung Sonjetkas, Sergeis Geliebter.
Dazwischen enthüllen kurze Bettszenen die heimlichen Treffen von Katerina und Sergei, auf und – humorvoll – unter dem Bett, durch groß projiziertes Schattenspiel ironisiert. Wie Slapstickeinlagen wirken ständig betrunken herumirrende Schäbige und der übergriffige Pope. Nach der Pause spitzt der wuchtige Chor als Polizistenparodie die Inszenierung grotesk zu. Der Hochzeit folgt die Verhaftung und der Marsch in das Straflager, das mit abgehängter Decke einen U-Bahn-Schacht in Richtung asozialen Abstiegs assoziieren lässt und durch Katerinas Selbstmord durch Schuss in den Mund, der so gern küsste, betroffen macht.
„Lady Macbeth von Mzensk“ – musikalisch brachial interpretiert
Von James Gaffigan überaus präzise und wuchtig dirigiert, eskaliert das Orchester immer wieder zum Inferno mit krachenden Schlagwerken, schrägen Bläsern, die selbst die fulminanten Stimmen der Sänger überdeckten. Nur kurz leuchten dazwischen lyrische Melodien von Geige, Querflöte und Harfe auf und als pulsierende Bedrohung aus der Tiefe das Fagott, wobei das anhaltende Fortissimo adäquat zur grotesken Zuspitzung nach der Pause dann doch etwas monoton wirkt.
„Lady Macbeth von Mzensk“ – großartig besetzt
Die Glanzlichter der „Lady Macbeth von Mzensk“ sind die Hauptdarsteller. Ihre sängerische Fulminanz in Kombination mit der schauspielerischen Umsetzung ist großartig.
Ambur Braid weiß ihre Rolle von der gelangweilten schönen Kaufmannsgattin, die sich nach Freiheit und leidenschaftlicher Liebe sehnt, facettenreich auszuleuchten. Durch die Ausbeutung der Männer wird sie zur manischen Täterin à la Shakespeares Lady Macbeth. Kein Wunder bei dem Schwiegervater, dessen rigorose Dominanz Bariton Dmitry Ulyanov zwischen herrisch zornigem Patriarchen und Süßholz raspelndem Lustmolch zur Wirkung bringt. Sergei ist mit Charaktertenor Sean Panikkar außergewöhnlich gut getroffen. Durch seine gesangliche Flexibilität, optische Aura und sein differenziertes, versiertes Rollenspiel enthüllt er Sergeis kalkulierendes Spiel mit der Liebe als Mittel sozialen Aufstiegs und seine verantwortungslose Egozentrik. Elmar Gilbertsson bleibt rollenadäquat ein blasser, impotenter Ehemann. Dimitry Ivashchenko als Pope und Caspar Krieger als „schäbiger“ Asozialer sorgen, ständig voll besoffen, für groteske Heiterkeit.
Nach der Pause steigert der wuchtige und spielfreudige Chor als gigantischer Polizeieinsatz die Groteske zur Farce und intensiviert als Wanderzug ins Straflager das soziale Aus.
Resümee: Koskys „Lady Macbeth von Mzensk“ – ein Publikumsrenner
Koskys bildkräftige Inszenierung prägt sich nachhaltig ein und beweist, dass auch mit wenigen Mitteln ganz große Oper möglich ist. Allerdings werden auch die Grenzen der Groteske und musikalischen Fulminanz sichtbar, wenn Parodie die Tragik überspielt und ständiges Fortissimo die Ohren überschallt. Eine Empfehlung ist diese „Lady Macbeth von Mzensk“ auf jeden Fall.
Besucht wurde die 5. Vorstellung am 26.02.2026
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung | James Gaffigan |
| Inszenierung | Barrie Kosky | |
| Bühnenbild | Rufus Didwiszus | |
| Kostüme | Victoria Behr | |
| Dramaturgie | Daniel Andrés Eberhard | |
| Chöre | David Cavelius | |
| Licht | Olaf Freese | |
| In den Hauptrollen | Boris (Schwiegervater) | Dmitry Ulyanov |
| Sinovi (Ehemann) | Elmar Gilbertsson | |
| Katerina | Ambur Braid | |
| Sergei | Sean Panikkar | |
| Aksinja | Mirka Wagner | |
| Schäbiger | Caspar Krieger | |
| Pope | Dimitry Ivashchenko | |
| Polizeichef | Marcel Bakonyi | |
| Sonjetka | Susan Zarrabi |











