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Jette Steckels „Mephisto“ nach dem Roman von Klaus Mann an den Münchner Kammerspielen – Prädikat „bemerkenswert“ 

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Jette Steckels „Mephisto“ nach dem Roman von Klaus Mann an den Münchner Kammerspielen – Prädikat „bemerkenswert“ 

©Münchner Kammerspiele, Foto: Armin Smailovic

Nur „bemerkenswerte“ Inszenierungen werden für das Berliner Theatertreffen ausgewählt. Jette Steckels „Mephisto“ ist dabei. Es gelingt ihr…

über verschiedene Genres Realität und Fiktion, Vergangenes in seiner Relevanz für die Gegenwart mit erschreckenden Zukunftsszenarien zu verbinden. Auf der Basis von Klaus Manns Roman präsentiert sie eine großartige Szenencollage, in der sie zwischen Theaterproben und Diskursraum in den Pausen vergangene und gegenwärtige Inszenierungsstile hinterfragt und parodiert. Gleichzeitig bringt sie über die Inszenierung von Manns „Mephisto“-Protagonisten Heinrich Höfgen im politischen Diskurs über Kunst und Theater eine extrem antinationalsozialistische Haltung ein. Sehr gekonnt fusioniert sie so theoretisierendes Diskursdrama mit „Mephisto. Der Weg einer Karriere“. Trotz Typisierung ist dieser Höfgen eine Blaupause von Gustaf Gründgens, dem legendären Goethe-Mephisto-Darsteller während des Nationalsozialismus. Er macht durch seinen Opportunismus erlebbar, wie sich die historischen Zeitbezüge in der Zukunft der gegenwärtigen politischen Situation wiederholen könnten.

Schräge Töne, skurrile Figuren, lächerliche Tanzbewegungen, nichts stimmt in der ironisch antikisierenden Hamletprobe zu Beginn dieser Inszenierung. In den Pausen prallen die Meinungen über den Zweck von bildungsbürgerlichen Inszenierungen und radikal politischem Theaters aufeinander. Die Schauspieler wollen ein Theater für alle, mit revolutionärem Potenzial. „Es ist Zeit für Experimente.“ Sie bilden Fraktionen, mobben und stützen sich. Der Direktor besänftigt, wirkt hilflos. „Wenn wir uns nur noch mit uns selbst beschäftigen, können wir den Laden dichtmachen.“ Das ist zwischen zunehmend stilisiertem revueartigem Bühnengeschehen und leger direktem Umgang in den Probenpausen sehr kontrastreich und unterhaltsam konzipiert. Variable Lichtplatten in leuchtenden Farben und originelle Kostüme sorgen für nahtlose, atmosphärische Übergänge. Das Ensemble glänzt durch facettenreiche, extrem unterschiedliche Persönlichkeiten, wodurch Fragen der Macht und Unterdrückung noch vielschichtiger in Erscheinung treten und die Faszination von Schönheit neu ausgeleuchtet wird. Wenn sich Höfgen (Thomas Schmauser) von seinem dunkelhäutigen Geliebten (Bless Amada) dominieren lässt, gelingen tiefgründige Szenen, in denen koloniale Knechtschaft satirisch zurückschlägt. Das ist, kombiniert mit jazzigem Sound dazwischen, gehobene Unterhaltung mit Tiefgang.

Durch die kammerspielartige Verdichtung im zweiten Teil gewinnt die Inszenierung in magischen Bildsequenzen, vom ganzen Ensemble hervorragend gespielt, eine bedrückende Intensivierung. Die nationalsozialistische Machtergreifung stoppt jeglichen Diskurs. Zur Auswahl stehen devote Gefolgschaft, opportunistische Anpassung oder Emigration. Höfgen wählt den Weg der Karriere und bleibt. Als Schauspieler weiß er um Taktiken der Verstellung, die ihn allerdings von innen aushöhlen. Zu spät merkt er, dass er mit dieser Entscheidung tatsächlich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, der sich über fratzenhaftes Ausstrecken der Zunge als leitmotivisches Ritual überall dort wiederholt, wo das Böse kulminiert. Der Ministerpräsident schwingt Mephistos rotes Tuch höchstpersönlich als lustvolle Kampfansage. Individualität löst sich im Schattenspiel auf. Wer nicht spurt, wird verhaftet. In einem langem Lichtkegel quer durch das Foyer wird das Schicksal der Opfer bedrückend nah erlebbar. Die historische Vergangenheit spiegelt, was aus der Gegenwart erwachsen kann. 

Dass Erwin Aljukić, der famos eine Reihe von Nebenrollen spielt, final als Hitler auftritt, pointiert einmal mehr, wie Macht aus dem Unauffälligen geboren, sich über alles erhebt. Selbst dem wortgewandten Hötgen kommt der Text abhanden. Sprachlos ist er ein armer Tor.

Thomas Schmauser gibt Hötgen eine mitreißend schillernde Aura zwischen leidenschaftlichem Schauspieler, einem der Schönheit verfallenden Geliebten und egozentrischem Karrieristen, der sein Maskenspiel sehr wohl durchschaut, um seine Liebsten kämpft, konfrontiert mit deren Verhaftung und Ermordung in Abgründe stürzt, aber sich trotzdem nicht unterkriegen lässt. Doch was bleibt, ist doch nur die Maske eines Mitläufers, der den Faschismus legitimiert. Berührt und nachdenklich verlässt man das Theater. Es ist in der Tat eine sehr bemerkenswerte Inszenierung!

Künstlerisches Team: Jette Steckel (Fassung, Regie), Florian Lösche (Bühne), Pauline Hüners (Kostüme), Mark Badur, Elias Krischke (Musik), Maximilian Kraußmüller (Lichtdesign), Emilia Heinrich (Fassung), Johanna Höhmann (Fassung, Dramaturgie), Theresa Schlesinger, Carl Hegemann (Dramaturgie)

Mit: Bless Amada, Erwin Aljukić, Johanna Eiworth, Elias Krischke, Linda Pöppel, Thomas Schmauser, Maren Solty, Edmund Telgenkämper, Martin Weigel