Berlinale – „My Favorite Cake“ (Mein Lieblingskuchen) berührt – Prädikat sehr sehenswert 

Filmkritik "My Favourite Cake" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Und immer wieder sind es die Filme über alte Menschen, aber auch die Filme aus dem Iran, die besonders berühren und in ganz einfachen alltäglichen Geschichten das ganze gesellschaftliche Drama des Menschen erzählen.
In „My Favorite Cake“ treffen beide Aspekte zusammen. Die Dreharbeiten begannen kurz vor der „Woman Life, Freedom Movement“ im Iran. Vor diesem Hintergrund ist der an sich alltägliche Film über die Einsamkeit des Alters hochpolitisch zu sehen, schon allein dadurch, dass eine Frau im Mittelpunkt steht. Durch ihr mutiges Auftreten und sehr umsichtiges Vorgehen ist die Bedrohung durch die Sittenpolizei und die politischen Repressalien ständig präsent. Humorvoll, mit großer Empathie, sehr poetisch gelingt Maryam Moghaddam und  Behtash Sanaeeha mit „My Favorite Cake“ ein latent politischer, trotzdem herzerfrischender Film…

Berlin – „William Forsythe“ – tosender Applaus für das Berliner Staatsballett und Choreografie-Legende William Forsythe

Ballettkritik "William Forsythe" vom Berliner Staatsballett präesentiert von www.schabel-kultur-blog.de

TänzerInnen verwandeln sich in Vogelwesen, außer Rand und Band geratene Arbeitsmaschinen oder in stereotype Schönheitsobjekte. Sie begeistern das Publikum bei jedem Stück von William Forsythes dreiteiligem Tanzabend. Er selbst war drei Wochen in Berlin präsent, um die komplexen Stücke mit dem Berliner Staatsballett einzustudieren und die Premiere zu feiern. Es ist auch ein rauschender Erfolg für den neuen Intendanten Christian Spuck, der nach seiner eigenen traditionellen Erzählchoreografie „Bovary“ William Forsythe, einem der innovativsten Tanzerneuerer, nach Berlin holte. Oft auf Spitze getanzt, das klassische Bewegungsrepertoire immer wieder kurz präsent entwickelte er ein zauberhaftes Tanzvokabular, das nun über drei seiner wegweisenden Stücke, inzwischen Klassiker der modernen Tanzszene, vom Berliner Staatsballett in der Deutschen Oper zu sehen ist… 

Ein Kosmos von Filmen

Filmkritik "Little Things Like These" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Ganz gegen die Gewohnheiten der letzten Jahren beginnt die 74. Berlinale fern glamouröser Besetzungen und unterhaltsamer Sujets mit einem sehr nachdenklichen Film. „Little Things Like These“, eine irische, belgische, englische Koproduktion, ist ein Spielfilm auf der dokumentarischen Basis der Skandale über die Magdalenenheime für gefallene Mädchen in Irland. Anstatt Zuflucht zu finden wurden Mädchen und Frauen auf das Schlimmste malträtiert und misshandelt. 

Landshut – Daniel Kehlmanns systemkritisches Stück „Heilig Abend“ im Landshuter Kammerspiel

Theaterkritik "Heilig Abend" iim Kleinen Theater Landshut präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Warum hat „Heilig Abend“ im Februar Premiere? Unwillkürlich denkt man an eine christliche Thematik. Doch weit gefehlt, Daniel Kehlmanns Stück kreist um ein geplantes Attentat, inspiriert von den Ereignissen um Whistleblower Edward Snowden. Eine junge Philosophieprofessorin steht unter Verdacht an Heilig Abend eine Bombe zünden zu wollen. In einem 90-minütigen Verhör, Uraufführung 2017 in Wien, prallen System und Systemkritik aufeinander. Die Polizei muss die Menschen vor Gewalt schützen. Die Philosophin verfolgt das Gegenteil. Sie will die Welt von der kapitalistischen Ausbeutungswillkür schützen, womit sie jeden Widerstand legitimiert. „Schnee von gestern“ kontert der Polizist. Doch die globale Verteilungsungerechtigkeit, Armut und Hunger sind immer noch nicht gelöst.Auf der Bühne des Kleinen Theaters sitzen sich Judith und Thomas nicht verhörmäßig gegenüber, sondern kreisen in einer raffinierten Mischung von Distanz und Nähe umeinander. Seine Fragen prallen zunächst auf ihr verweigerndes Schweigen und provozieren doch so sehr, dass ihre gebündelten Aggressionen gegen kapitalistische Ausbeutungsstrategien explodieren…

Landshut – „Schlachtfeld“ – Fotografien wie Gemälde von Ursula Hentschläger in der Galerie Litvai 

Ausstellung "Schlachtfeld" von Ursula Hentschläger in der Galerie Litvai präsentiert von von www.schabel-kultur-blog.de.

Der Titel „Schlachtfeld“ lässt Panzer und Kampfjets assoziieren, zu sehen sind sie in Ursula Hentschlägers Fotografien nicht. Sie zielt auf ein biologisches Schlachtfeld. Als ein alter Götterbaum wegen wachsenden Risikos auf die umgebende Bausubstanz gefällt werden musste, fotografierte sie den Prozess und präsentiert jetzt in der Galerie Litvai die einzelnen Stadien in großformatigen schmalen Triptychen und quadratischen Einzelbildern… 

München – „Im Menschen muss alles herrlich sein“ in den Münchner Kammerspielen

Theaterkritik "Im Menschen muss alles herrlich sein" in den Münchner Kammerspielen präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Vor einer eisernen Wand, Sinnbild für den Kalten Krieg, stehen Edi und Nina, zwei junge Frauen, die sich kaum kennen, aber durch die Freundschaft ihrer Mütter in Beziehung stehen. Edi ist Journalistin, will mitten im Leben sein und die Lügen und Wahrheiten ergründen. Nina schottet sich ganz ab. Beide sind extreme Gegensätze, geformt von denselben gesellschaftspolitischen Verhältnissen. Gemeinsam gehen sie symbolisch durch eine Tür in der eisernen Wand in den Osten von einst, um ihre Vergangenheit zu recherchieren…

Stuttgart – “ Begegnungen“ – Japanische Holzschnitte und taiwanesische Keramik in der Galerie ABTART

Ausstellung "Begegnungen" in der Galerie Abtart präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

Eine extravagante Ausstellung präsentiert die Stuttgarter Galerie ABART. Selten sind japanische Holzschnitte und taiwanesische Keramik gemeinsam zu sehen. Zu Gast ist der Künstler Sen-Hao Lo (geb. 1965) aus Taiwan, der seine Tenmoku-Keramiken zeigt. Tenmoku hat eine lange Tradition in Asien. Bereits während der chinesischen Song-Dynastie, die im 13. Jahrhundert zu Ende ging, entstanden die typischen Trinkschalen, die sich durch einfache Formen und ausgefallen glänzende Glasuren auszeichneten. Japanische Mönche, die Klöster in China besucht hatten, brachten einige Stücke mit nach Hause, Tenmoku wurde dort imitiert und so sehr geschätzt, dass es heute zum nationalen Kulturerbe Japans zählt…

München – Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ in der Staatsoper

Opernkritik "Pique Dame" in München präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Aus der melancholischen Grundstimmung entwickeln sich wuchtige Crescendi, durchbrochen von galoppierenden Tempi, gewaltige Paukenschläge und verebben in einer ruhigen Liebesmelodie. Im Spannungsfeld großer Leidenschaften entfaltet sich Tschaikowkis  „Pique Dame“ an der Münchner Staatsoper. Zu hören und zu sehen gibt es viel russische Seele im modern reduzierten Kontext, einen atmosphärischen, spannenden Opernabend ohne politische Bezüge

Berlin – Brechts „Mann ist Mann“ als groteskes episches Theater im Berliner Ensemble

Theaterkritik von Brechts "Mann ist Mann" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Galy Gay ist ein Mann, der nicht nein sagen kann. Das wird ihm zum Verhängnis. Eigentlich wollte er nur einen Fisch kaufen, dabei wird er von den Soldaten über einen vorgetäuschten Elefantenhandel geangelt, um einen verlorengegangen Kumpel zu ersetzen. Schritt für Schritt wird Galy Gay militärisch umprogrammiert. 
In seiner Parabel „Mann ist Mann“ (1926) will Brecht beweisen, dass man einen Menschen total umpolen kann. „Man kann, wenn wir nicht über ihn wachen, ihn uns über Nacht zum Schlächter machen.“ In Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch erwartet den Besucher ein groteskes Spektakel mit typischen Elementen von Brechts epischem Theater…

Stuttgart – „ARTe Kunstmesse“ vom 5. – 7. April in der Phoenixhalle des Römerkastells 

ARTe Kunstmesse Stuttgart präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Die ARTe hat sich seit 2016 zum Schaufenster für Gegenwartskunst in der Mittleren Neckarregion etabliert. Mit Pendancen in Konstanz, Wiesbaden, Dortmund und Osnabrück rücken die ARTe Kunstmessen von Nord- bis Süddeutschland immer stärker ins Bewusstsein von Kunstschaffenden und Kunstinteressierten. Junge, innovative Kunst steht im Mittelpunkt. Die Nachfrage ist groß.

Zum ersten Mal präsentiert sich die ARTe Kunstmesse Stuttgart dieses Jahr vom 5. – 7. April in der architektonisch beeindruckenden Phoenixhalle des Römerkastells. Raum und Kunst schaffen eine einmalige Atmosphäre, Kunst zu erleben, sich von Kunst inspirieren zu lassen, KünstlerInnen selbst kennenzulernen…

Ferdinand von Schirach tourt mit seiner Lesetournee „Regen“ ein Jahr durch deutsche Lande

Lesetour "Regen" von Ferdinand von Schirach präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Leise, unspektakulär betritt Ferdinand von Schirach die Bühne. Wie ein sanfter Regen beginnt er mit seiner aparten Stimme zu monologisieren. „Mögen Sie Regen?“ Bereits als Theatermonolog angelegt liest er nicht aus seinem neuen 57-seitigen Text „Regen“ vor, er erzählt frei und tritt durch direkte Anreden in Interaktion mit dem Publikum. Nur ab und zu nimmt er seine Lieblingspose am kleinen Kaffeehaustisch ein und lässt eine Zigarette vor sich hinqualmen. Er bewegt sich lieber von einem Ende der extrem breiten Bühne zum anderen und hält immer wieder inne. Lakonisch elegant, wie er schreibt, spricht er. Schirach intoniert mit balsamisch klangvoller Stimme, artikuliert sehr genau, akzentuiert dynamisch die Satzbögen, dialogisiert mitunter in zwei Stimmlagen, setzt markante Pausen und entwickelt dabei trotz der kühlen Hallenatmosphäre eine intime Erzählstimmung.
900 Besucher folgen hoch konzentriert seinen Ideenassoziationen, eine für ihn typische Mischung, ergänzt durch einige neue erheiternde Momente. Melancholische Gedanken, intime Selbstbekenntnisse über die Mühsal des Schreibens kombiniert mit seiner andernorts wiederholten Einsicht „Ich bin eine Enttäuschung. Ich weiß.“ Mit alltäglichen Situationen und Beispielen wechselt  quer durch die Kunst- und Literaturgeschichte, Geistes- und Naturwissenschaften, durchsetzt von grotesk formulierten Pointen als Entspannung zwischen den anspruchsvollen Gedankenvernetzungen…

München – Thomas Bernhards Monolog „Minetti“ im Residenztheater mit neuen Facetten

Theaterkritik zu Thomas Bernhard "Minetti" im Reisdenztheater präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Silvester in Ostende mit Schneetreiben an der Atlantikküste in einer Hotelhalle, mittendrin in einer illustren Runde von Maskierten und Betrunkenen ,„einer Welt von Verrückten“, wartet der alte Schauspieler Minetti auf einen Theaterdirektor aus Flensburg, seine letzte Chance, „noch ein einziges Mal den König Lear zu spielen“. 
Hört man „Minetti“ denkt man zurecht an den großartigen deutschen Schauspieler Bernhard Minetti (1905 – 1998). Für ihn, seinen Lieblingsschauspieler schrieb Thomas Bernhard das gleilchnamige Stück und er sollte es auch spielen, gleichsam Komödie und Tragödie als wuchtiger Monolog einer gescheiterten Künstlerexistenz. 
Jetzt ist das Thomas Bernhards Kultstück von einst noch einmal im Residenztheater zu sehen. Das Besondere ist, drei Urgesteine der Theaterwelt inszenieren auf und hinter der Bühne. Regisseur Claus Peymann ist 86 Jahre alt, Manfred Zapatka als Minetti 81 und Bühnenbildner Achim Freyer 89. Sicher ein renommiertes Trio, das Fanpublikum ist begeistert, honoriert die Altmeister der Theaterkunst mit lang anhaltendem Applaus, auch wenn der Text längst seine provokante Kraft verloren hat… 

Regensburg – Die Uraufführung von Peter Eötvös’ neuer Komposition „Valuschka“, ein groteskes Theater mit Musik und politischem Tiefgang

Opernkritik Peter Eötvös "Valuschka" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

Düster, grotesk, surreal präsentiert Peter Eötvös seine neue, 14. Oper in zwei Versionen, in Ungarisch als Auftragsarbeit für die Staatsoper in Budapest seit Ende 2023 und in Deutsch mit 30-prozentiger Neubearbeitung jetzt in Regensburg, so Intendant Sebastian Ritschel. Es ist eine bitterböse Satire über Macht und Machtmissbrauch, Männerdominanz und apokalyptische Endzeitstimmung, komplex, spannend mit irrlichternden Bezügen zur Gegenwart. Die Realisation war eine Mammutaufgabe, die sich über zweieinhalb Jahre hinzog. Die künstlerische Umsetzung ist ein weiterer Erfolg den künftigen Status als Staatstheater schon im Visier…

Michael Brückner – „Die Akte Wikipedia“ 

Buchkritik "Die Akte Wikipedia" präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

2012 ging eine Ära zu Ende. Die Encyclopædia Britannica Inc. wurde drucktechnisch eingestellt. 244 Jahre lang war diese Enzyklopädie die führende Nachschlagquelle. Die Online-Version hatte gegen Wikipedia keine Chance. 2001 gegründet, war der Siegeszug des digitalen Informationsnetzes nicht mehr zu stoppen. Inzwischen ist es weltweit das führende Nachschlagwerk, aber Vorsicht ist geboten. Schon 2014 veröffentlichte Wirtschaftsjournalist Michael Brückner „Die Akte Wikipedia“ und recherchierte über „Falsche Informationen und Propaganda in der Online-Enzyklopädie“. Bei der Lektüre wird man nachdenklich…

Landshut – „Franz Weickmann“ – Holzskulpturen im Umfeld von Epitaphen im Koenigmuseum als auratisches Erlebnis

Ausstellung Franz Weickmann im Koenigmuseum präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

Ein Windhund schleicht mit hochgestellten Ohren den Gang entlang. Ein archaisches Warzenschwein wirft geheimnisvolle Schatten und passt bestens zu Fritz Koenigs gesammelten afrikanischen Brett- und Kopfmasken. „Hanglip“, der Löwe, überblickt sein Umfeld, wirkt traurig ob der Epitaphe mit den gemordeten Menschenmassen und -paaren. Selten gelingt eine Retrospektive, deren Werke jeder Kunstfreund in der Region kennt, so eindrucksvoll und auratisch wie in der Ausstellung „Franz Weickmann. Eine Intervention zum 85. Geburtstag“. Seine lebensgroßen Tierskulpturen aus Holz, Weickmann selbst spricht von „abstraktem Realismus“, gewinnen in den leicht abgedunkelten Räumen umgeben von Fritz Koenigs Eisenskulpturen, Mahnmalen und afrikanischen Sammelobjekten, eine bislang so noch nie erlebte Ausstrahlung.