„Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ © Komische Oper Berlin, Foto: Jan Windszus
„Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ an der Komischen Oper Berlin begeistert mit DDR-Schlagern, Kabarett und Witz. Kritik zur Musikrevue von Axel Ranisch und Adam Benzwi.
Der Countdown läuft. Beim Knall swingen Band und Orchester auf der Bühne des Schillertheaters. Es wird schmissig getanzt, gesungen und geröhrt, ironisiert, parodiert und kritisiert. „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ funkt vom ersten Moment an und mit jeder Szene steigt die Stimmung.
„Ein Kessel Buntes“
Vorlage für Regisseur Axel Ranisch und Dirigent Adam Benzwi war die DDR-Unterhaltungsshow „Ein Kessel Buntes“ der 1970er Jahre. Sehr aufwändig inszeniert, mit internationalen Stars und einer Brise witziger Selbstkritik wollte die DDR mit dem Westen auch im Showbusiness mithalten. Die Musikrevue wurde Kult, ein „kollektives Familienerlebnis“. Im Westen blieb sie weitgehend unbekannt.
Vom heiteren Musiktheater der DDR zur Musikrevue
Axel Ranisch begeisterte bereits 2024 mit Gerd Natschinskis heiterem Musiktheater „Messeschlager Gisela“ im roten Zelt neben dem Rathaus. Mit dem neuen DDR-Format wollte die Komische Oper während des Umbaus und des damit verbundenen Umzugs ins westliche Schillertheater neue Akzente setzen. 2025 fiel das Projekt wegen der Berliner Sparmaßnahmen aus. In diesem Sommer überraschten Axel Ranisch und Adam Benzwi mit einer DDR-Musikrevue.
Konzept der DDR-Musik-Revue: Aufwertung statt Abwertung
Beide wählten jeweils 50 Lieblingslieder aus und reduzierten sie im Blick auf das Ensemble, die Tänzer:innen, Sänger:innen und den Chor auf ein zweieinhalbstündiges Programm, garniert mit Ausschnitten aus dem Berliner Kabarett „Distel“ und Radio-Eriwan-Witzen.
Eine breite diagonale Freitreppe vor dem Glitzervorhang im Hintergrund gibt Raum für „Ein Kessel Buntes“, alias „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“. Ein Song toppt den nächsten. Das Publikum schwelgt in Erinnerungen. Genau das ist das Ziel: statt propagandistischer Abwertung eine Aufwertung deutscher Lieder, in denen sich die Sehnsüchte der Menschen über Grenzen hinweg spiegeln. Der Fokus liegt nicht auf der Abgrenzung, sondern auf dem, was die Deutschen in Ost und Westverbindet – angesichts der derzeitigen politischen Polarisierung eine sinnvolle Botschaft.
DDR-Geschichte als Schlager-Revue
Über die Songs ergibt sich automatisch ein Spannungsbogen über die wichtigsten politischen Ereignisse. Dem Kriegsende folgte die Aufbau-Euphorie, eingeleitet mit dem Bau des Admiralspalastes. Doch bald machte sich Ernüchterung breit. 1953 wurde gegen das SED-System demonstriert. Der 40. Jahrestag der Oktoberrevolution spiegelt sich im Hanns-Eisler-Lied „Zwei liebevolle Schwestern“. Der Lipsi-Tanz, kreiert von einem Leipziger Tanzehepaar, ironisiert sehr charmant die Suche nach einer eigenen Vergnügungskultur für die erste DDR-Tanzkonferenz 1959.
Als der Glitzervorhang im Hintergrund der Mauer mit Stacheldraht weicht, wandelt sich die Stimmung nach 1963, verstärkt durch den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei 1968. Demonstranten schwenken Protestplakate und werden abgeführt. Zwar wurde 1969 zum 20. Jahrestag der DDR jubiliert: „Das ist die Welt, in der ich glücklich bin.“ Propaganda oder echtes Lebensgefühl? Die Antwort hängt davon ab, wo man seine Jugend verbracht hat.
In den 70er Jahren begann man auch in der DDR zu rocken. Tanz als Ausdruck der Freiheit wurde geduldet. Kritische Künstler mussten die DDR verlassen. Andere flüchteten. „Wie viele sind wir eigentlich noch“, so ein Song nach Thomas Brasch. Erst 1989 wurde die Freiheit durch den Mauerfall real.
Das Konzept von Axel Ranisch & Adam Benzwi
Aber gerade durch diese Widersprüche und deren ironische Zuspitzung wirkt „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ so unterhaltsam und auch versöhnlich. In der DDR war man frustriert, weil es nichts zu kaufen gab, nach der Wende war man wieder frustriert, weil man sich nichts leisten konnte. Jede Perspektive hat ihre eigene berechtigte Wahrheit. Die verborgene Botschaft kristallisiert sich durch eine Mini-Rahmenhandlung heraus, die final an den Anfang zurückkehrt, den Frieden und das menschliche Miteinander in den Mittelpunkt rückt.
Mitreißendes Ensemble
Die Umsetzung ist großartig, ein Feuerwerk von Schlagern, Sketchen und Witzen, ohne Moderation, nahtlos, flott und schmissig inszeniert, bunt und glitzernd in immer neuen amüsanten Outfits, von elegant, neckisch folkloristisch bis zum Glitzer-Overall samt Glitzerstiefel.
Die sieben Solist:innen Maria-Danaé Bansen, Gisa Flake, Mirka Wagner, Johannes Dunz, Philipp Meierhöfer, Nico Holonics und Thorsten Merten überraschen bei jedem Auftritt aufs Neue. Die zehn Tänzer:innen begeistern durch Rasanz, Timing und Synchronität, nicht zuletzt durch ihre erotische Ausstrahlung ganz im Stil von einst. Chor, Orchester und Band wechseln gekonnt zwischen den unterschiedlichsten Stilrichtungen. Von wegen graue DDR! Aber auch die bunte Unterhaltungswelt wird zynisch kritisiert: den Verstand abgeben und sich blöde lachen.
Fazit zu „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“
Das Konzept von Axel Ranisch und Adam Benzwi, Musik aus der DDR wieder zu entdecken, geht auf und ist längst überfällig. Hier bewirkt Theater tatsächlich etwas – Verständnis füreinander, eine Eigenschaft, die in unserer Zeit viel zu kurz kommt. Schade, dass die Produktion nicht ins Repertoire aufgenommen wird.
Infos zur DDR-Musikrevue „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“
| Künstlerisches Team: | Musikalische Leitung: | Adam Benzi |
| Inszenierung: | Axel Ranisch | |
| Bühnenbild: | Saskia Wunsch | |
| Kostüme: | Alfred Mayerhofer | |
| Choreografie: | Christopher Tölle | |
| Dramaturgie: | Wolfgang Behrens, Knut Eltermann | |
| Chöre: | Inge Diestel | |
| Licht: | Johannes Scherfling | |
| Mit: | Solisten: | Maria-Danaé Bansen, Gisa Flake, Mirka Wagner, Johannes Dunz, Philipp Meierhöfer, Nico Holonics m Thorsten Merten |
| Tanzensemble, Chor, Orchester und Komparserie der Komischen Oper | ||
| Spielort | Schillertheater | |
| Uraufführung | 15.Juni 2026 | |
| Zu sehen | 1., 3., 5., 6. Juli |
















