Film – Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“

„Ich will, dass du mich spielst, aber ich will es nicht sehen“, sagt Salvador Mallo
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©El Deseo/Manolo Pavón

In „Dolor y Gloria“, „Schmerz und Ruhm“, so der Originaltitel, findet sich jedermann, denn worum es immer geht, ist  die Geborgenheit durch einen Mitmenschen.

Aus einer Collage von glücklichen und belastenden  Erinnerungen entwickelt  Pedro Almodóvar, warum es diesem Salvador Mallo so schlecht geht, warum der Tablettenmix nichts hilft. Die emotionale Einsamkeit zermürbt ihn.

Beim Wäschewaschen lauscht der kleine Salvador, 1949 geboren, den Liedern der  Mutter mit ihren Freundinnen. Er lernt dem Maurer im Dorf das Lesen und Schreiben. Im Gegenzug malt der die Höhle der Eltern aus. Als sich der junge Mann wäscht, fällt Salvador bewusstlos um. Doch hinter der Diagnose Sonnenstich steckt sein erstes sexuelles Erwachen. Später lebt Salvador drei Jahre mit einem Mann zusammen, eine innige Beziehung, die an der Heroinsucht des anderen scheitert. Am Heroin scheitert auch die Beziehung zu dem Schauspieler, der in einem frühen Film „Sabor“  die Rolle  viel zu schwer interpretierte, weil er statt auf Koks auf Heroin war. 32 Jahre war Sendepause zwischen den beiden. Als  „Sabor“  in einer restaurierten Fassung neu uraufgeführt werden soll,  Salvador den Kontakt aktiviert, geht er auch auf Heroin. Seine Erinnerungen intensivieren sich, an seine arme, aber letztendlich glückliche Kindheit, die frühe Leidenschaft für das Kino, wo es immer nach „Pisse und Jasmin“ roch, weil die Jungs beim Rauschen des Wassers immer dringend mussten und neben die Projektionsfläche pinkelten und die Gespräche mit der Mutter.

Es ist der schlichteste Film Pedro Almodóvars und der beeindruckendste, indem seine typischen Problemfelder dominante Mütter und  abwesende Väter, sexuelles Begehren und sexuelle Befreiung keiner extravaganten Schrillheiten mehr bedürfen, sondern sich ganz alltäglich, oft auch wortlos nur durch Blicke oder ein Lächeln entwickeln.

Gleichzeitig zeichnet Pedro Almodóvar ein berührendes Bild seiner spanischen Heimat, die Armut der Menschen in der Mancha, die  unter der sengenden Hitze in Höhlen leben. Die verbalen Verweise  auf den Hexenkessel Madrid mit seinem abgründigen Konkurrenzkampf, die Problematik der Arbeitslosigkeit und deren depressive Folgen visualisiert der Absturz Salvadors mit seinen körperlichen Schmerzen, die selbst mit Pillencocktails kaum auszuhalten sind, besser mit Heroin, dessen psychedelische aufputschende Wirkung  in den komplementären Farbvisionen des Vorspanns schon vorweggenommen wird. Großartig besetzt berührt der Film wie ein Kammerspiel, das mitten ins Herz trifft. Mit Italo-Charme spielt Penélope Cruz die resolute arme Nachkriegsmutter. Trotz herrischer Dominanz und zunehmender Lebensverbitterung leuchtet ihre vernachlässigte Sinnlichkeit immer wieder auf  wie das weiße Linnen beim Trocknen als Inbegriff der Unschuld und Reinheit des Lebens. Er sei kein guter Sohn gewesen, wirft die alte Mutter (Julieta Serrano),in der sich so gar nichts mehr von der jungen spiegelt,  Salvador vor und hinterlässt ihn durch ihren einsamen Tod mit einem Rucksack von Schuldgefühlen.

Doch der Film endet nicht als Tragödie. Hoffnung gibt neue Ausblicke. Das Gefühl, immer noch zu lieben und geliebt zu werden, gibt Salvador die Schaffensfreude. Leid weicht neuer Herrlichkeit des Lebens.