München – „Metamorphosen“ – Heidi Buchers Installationen als große Retrospektive im Haus der Kunst 

„Herrenzimmer“, Heidi Bucher@Michaela Schabel 

„Bodyshells“, Heidi Bucher©Michaela Schabel 

Die Ausstellung widmet sich nach den „Bodyshells“ im Entrée  in erster Linie den Latexhäutungen, mit denen sie nach der Rückkehr aus Kalifornien in die Schweiz, neue Wege beschritt. Die großräumigen Installationen kommen in den Räumlichkeiten des Erdgeschosses bestens zur Wirkung. Videos zeigen die Künstlerin bei der Arbeit, geben dokumentarisch einen Einblick in die handwerklichen Bereiche der Häutungen, verdeutlichen gleichzeitig, künstlerisch inszeniert, beim Abziehen der Latexschicht die psychischen Prozesse des Loslassens als Schwerstarbeit. 

Das Kühlzimmer einer Metzgerei wurde Heidi Buchers Atelier „Borg“, ein Ort der Geborgenheit. Hier begann sie 1973-1978 mit Häutungen und Balsamierungen von Kleidern, Kissen, Decken,Unterwäsche. Ab 1978 kamen die räumlichen Häutungen im Haus der Eltern, von Bekannten und renommierten Institutionen hinzu. 

Im großen Ausstellungsraum ballt sich die Energie dieses ungewöhnlichen Konzepts. Großflächig abgenommene dunkelbraun-rötliche Latexhäute mit den Fischgrätmustern der Holzböden (1980-82) frei im Raum schwebend gewinnen sie die spirituelle Magie die Dämonen von einst beflügelt zu haben. 

Ausstellung "Metamorphoses", Heidi Bucher, präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

„Häutungen“, Heidi Bucher@Michaela Schabel 

Die Ablösungen durch aufgestrichene, im trockenen Zustand abgezogene Latexschichten stehen für persönliche und kollektive Sozialisierungsprozesse und den zugeschriebenen Rollenzuweisungen, die damit symbolisch abgelegt wurden. In den kleineren Räumen rundherum werden exemplarisch einzelne Häutungsprozesse genau erklärt. Die  ganze Außenhaut des väterlichen „Herrenzimmers“ mit einzelnen Wänden inklusive der Türen schwebt im Raum, so dass man hindurchgehen kann. Der geheimnisvolle Status des Raums, der den Männern vorbehalten war, hat sich mit seinen patriachalischen Familienstrukturen in Bruchstücke aufgelöst. Doch die Bedrohungen von einst sind durchaus noch spürbar.

Ausstellung "Metamorphoses", Heidi Bucher, präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

„Herrenzimmer“, Heidi Bucher@Michaela Schabel 

Ein Kinderzimmer einer befreundeten großbürgerlichen Familie, mit vier fest verbundenen Wänden, in der Luft schwebend, nur von unten einsehbar, vermittelt den Balanceakt zwischen Schutz und Einengung, durch die Präsentation ein Gefühl der Befreiung von alptraumhaften Ambivalenzen.

Ausstellung "Metamorphoses", Heidi Bucher, präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

„Kinderzimmer“, Heidi Bucher@Michaela Schabel

Dokumentiert ist auch die mehrtägige Performance 1983 in einem ehemaligen Schlossgefängnis mit fünf Akteurinnen in Herrenunterwäsche, die mit ihren Häutungen Gewaltsamkeit und Gewaltbereitschaft in unterschiedlichsten Formen abstreifen. 

Mit ihrem Manifest „Parklibelle“ erklärte Heidi Bucher die Bedeutung ihrer Häutungen als „Metamorphosen“, als Wandlungsprozess und Chance durch Loslösung von festen sozialen Fixierungen neue Freiheiten zu erlangen. In diesem Kontext hinterfragen gerade ihre Häutungen von bekannten Bauwerken die Gräueltaten hinter den Mauern. 

Ein Mauerausschnitt des Grand Hôtel Brissago (1987) am Lago Maggiore, ehemaliger kosmopolitischer Treffpunkt, im Zweiten Weltkrieg Internierungsheim für jüdische Kinder und Frauen, zählt zu Heidi Buchers „Kartografie der negativen Räume“. Ein Türbogen lenkt den Blick in die bedeutungsschwangere Unheimlichkeit des Nichts. Im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee offeriert sie durch die Häutung des  „Audienzzimmer des Doktor Binswanger“, der im Austausch mit Sigmund Freud Hysterie als weibliches Krankheitsmerkmal kategorisierte, die Ambivalenz zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und hierarchischen, frauendiskriminierenden Dominanzen.

In der letzten Phase ihres Lebens schuf Heidi Bucher Modelle nach den „Weißleimhäusern“ auf Lanzarote, schmucklose Kubenhäuser mit nur einer Tür und „Die Wässer“ (1986), die Häutung einer Kammgarnfabrik in Schaffhausen, deren lila und dunkle Farbtöne bereits in den 1980er Jahren die ökologische Verschmutzung ins Bewusstsein riefen, der krasse Gegensatz zu ihren farb- und formschönen Wasserbildern in türkisen Wasserfarben.

Ausstellung "Metamorphoses", Heidi Bucher, präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de.

Heidi Bucher©Michaela Schabel

Heidi Bucher (*1926 Winterthur, †1993 Brunnen, Schweiz) studierte nach einer Schneiderausbildung (1941-44) an der Kunstgewerbeschule in Zürich, besuchte dort die Modefachabteilung. Stark beeinflusst von der Dreidimensionalität von Werkstoffen der Textilkünstlerin Elsi Giauque und Bauhaus-Meiser Johannes Itten suchte Heidi Bucher auch in ihrem Schaffen die enge Verknüpfung zwischen Kunst und Alltag, Gestaltung und Handwerk. Künstlerisch und privat führten ihre Lebensstationen von der Schweiz nach New York über Montreal nach Los Angeles und wieder zurück in die Heimat mit Feriendomizil auf Lanzarote. Nach ihrem Tod geriet Heidi Buchers Werk zunächst in Vergessenheit. Ab 2004 wurde sie wieder ausgestellt. Man wird sehen, ob „Metamorphosen“ im Haus der Kunst ein Comeback der Künstlerin provoziert.

Zur Ausstellung „Metamorphosen“  ist ein Katalog erschienen. Am 5. Februar 2022 ist ein Symposium über Heidi Buchers Schaffen geplant. Die Ausstellung ist im Haus der Kunst noch bis 13. Februar zu sehen.