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Simon Elias Hüttel – „Die Geburt des Vampirs“ – Vampirismus als Ausdruck von Gesellschaftsformen

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Simon Elias Hüttel – „Die Geburt des Vampirs“ – Vampirismus als Ausdruck von Gesellschaftsformen

©zu Klampen Verlag, 2025

Wann wurde der Vampir geboren? Mit dieser paradoxen Frage beginnt Simon Elias Hüttel seine Recherchen „Die Geburt des Vampirs – Zur Geistesgeschichte einer Schreckensvision“. Die Untoten, die aus ihren Gräbern wieder auferstanden, verbreiteten…


schon in den alteuropäischen Mythen Angst und Schrecken. Aber wie kamen die Wiedergänger auf den Geschmack des Bluts und warum verwandelten sich die aufgedunsenen Untoten Alteuropas in aristokratische Gentlemen-Vampire?
Nach einem etwas langatmigen historischen Einstieg über diverse Mythensammlungen enthüllt Hüttel interessante Aspekte, angefangen von den Zusammenhängen der Untoten mit der Pest im Mittelalter bis zum Energievampir unserer Tage.
Schritt für Schritt erklärt Hüttel exemplarisch mit Angabe der Quellen, wie sich im 18. und 19. Jahrhundert die Rolle des Vampirs von Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“ (1797) bis zu Bram Stokers Schauerroman „Dracula“ (1897) veränderte. Der grobschlächtige Vampir der Altzeit verwandelt sich in einen aristokratischen Gentleman, der alle Normen und Regeln des aufgeklärten, naturwissenschaftlichen Weltbildes durchbricht und unter dessen preziösem Gehabe sich animalische Triebkräfte verbergen.
Der Professor Van Helsing muss auf Methoden des Aberglaubens wie Vampirabwehr durch Knoblauch ausweichen, aber er erprobt auch neue Strategien, indem er mit Blutkonserven vampirischen Attacken entgegenwirkt. Nicht Aberglaube hilft gegen Vampirismus, sondern Einfallsreichtum und Kreativität.
Hüttel verfolgt den Vampirismus in den Neuenglandstaaten der USA, wo in H. P. Lovecrofts Schauerroman „The Shunned House“* eine ganz neue Komponente hinzukommt, in der sich der Wandel von Aristokratie in die Demokratie spiegelt. Ein galanter Vampir mit aristokratischer Blutspur würde nicht zu den Yankees der demokratischen Nordoststaaten passen, die von Namenlosigkeit, Anonymität und Gesichtslosigkeit geprägt sind. Lovecrofts Vampir behält nicht wie Graf Dracula seine Identität durch Blutsaugen. Er ist kein einheitliches Wesen. Er absorbiert über das Blut ein Bündel von Biografien, womit er das Denken der Menschen ins Chaos, in den Wahnsinn stürzt.
Im letzten Kapitel „Der Vampir ist tot, es lebe der Vampir“ spannt Hüttel den Bogen zum vampirischen Umfeld unserer Zeit. Energievampire rauben sensiblen, empathischen Menschen die Zeit und Freiheit. Auch als Filmmotiv ist der Vampir auf Unsterblichkeit programmiert. Robert Eggers neue „Nosferatu“-Verfilmung ähnelt noch sehr der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Version von 1922. Andere Filme wie Jemaine Clements „What We Do in the Shadows“ (2014) oder Genndy Tartakovskys „Hotel Transsilvanien“ (2012) kombinieren den alten Mythos mit heutigem Lebensstil und parodieren Konsumsucht und Helikoptereltern. „Die Geschichte des Vampirs ist längst nicht zu Ende gezählt.

Simon Elias Hüttel (1995) studierte Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte. Er ist Doktorand an der Universität Oldenburg. Zuletzt erschien sein Buch „Europa. Im Blick bedeutender Kartografen in der Neuzeit“.*
Simon Elias Hüttel – „Die Geburt des Vampirs“, zu Klampen Verlag, Springe 2026, 140 S.