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Virginia Woolfs „Orlando“ an der Komischen Oper – Kritik zu Olga Neuwirths Opernversion in Berlin 2026

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Virginia Woolfs „Orlando“ an der Komischen Oper – Kritik zu Olga Neuwirths Opernversion in Berlin 2026

Olga Neuwirths „Orlando“ © Komische Oper Berlin, Foto: Jan Windszus

Kritik zu Olga Neuwirths Oper „Orlando“ an der Komischen Oper Berlin: Warum die deutsche Erstaufführung musikalisch und inszenatorisch enttäuscht.

Mit Olga Neuwirths Oper „Orlando“ bringt die Komische Oper Berlin erstmals die wuchtige Musiktheaterversion von Virgina Woolfs Romanklassiker nach Deutschland. 

Ohne zu altern, wechselt Virginia Woolfs Orlando durch verschiedene Zeitepochen bis 1928. Komponistin Olga Neuwirth erweitert „Orlando – eine fiktive musikalische Biografie“ zusammen mit Librettistin Catherine Filloux bis in die Gegenwart. Was bringt das? 

Virginias Romanklassiker „Orlando“

Virginia Woolf widmete ihren Roman „Orlando“ (1928) ihrer Geliebten, der queeren Schriftstellerin Vita Sackville-West. Er ist eine feinsinnige, amüsante Satire auf die Geschlechterrollen. Orlando, ein englischer Adeliger, wird in der Renaissance geboren, fällt immer wieder in einen Tiefschlaf und erwacht in einer anderen Epoche, vom Barock bis nach dem Ersten Weltkrieg 1928. Dabei wandelt sich Orlando in eine Frau. Obwohl Orlando sich selbst treu geblieben ist, wird er als Frau plötzlich ganz anders behandelt. Als Frau muss sie sich den gesellschaftlichen Konventionen beugen, die Abhängigkeit von Männern aushalten und die Ignoranz gegenüber ihrem schriftstellerischen Schaffen ertragen. Dieser erkenntnisreiche Blick auf das gesellschaftliche Rollengefüge aus der Perspektive einer Frau, die außerdem noch Schriftstellerin ist, machte „Orlando“ zu einem attraktiven Film- und Bühnenprojekt. 

Wie gelungen ist Olga Neuwirths „Orlando“-Oper? 

Komponistin Olga Neuwirth erweitert zusammen mit Librettistin Catherine Filloux Orlandos Epochenreise inhaltlich bis in die Gegenwart, inklusive des Zweiten Weltkriegs, des Atombombenabwurfs, des Missbrauchs von Kindern und Frauen, der Genderidentität und des Wiedererwachens des Nationalsozialismus. Dazu integriert sie in ihre zeitgenössische Komposition neben klassischen Musikzitaten, vor allem im zweiten Teil, Rock, Pop und Rap. Renaissance-Madrigale übersprudelt sie mit Glissandos. Man hört verstimmte Cembali, wuchtige Schlagwerk-Perkussionen, Vogelgezwitscher und Donnerbleche, infernale Crescendi. Unter dem Dirigat von Johannes Kalitzke darf das Orchester mit aller Wucht agieren.

Das klingt durchaus interessant, macht schon allein durch den Titel „Orlando“ neugierig, zündet aber an der Komischen Oper nicht, weil sich die bombastischen Klangwuchten letztendlich schnell abnutzen und die sängerischen Partien häufig nur als echoartig wiederholen. Vor allem im ersten Teil fehlen lyrische Momente als Gegengewicht zu dissonantem Klangfortissimo und Schlagzeuggewittern.

Die Inszenierung von Eweline Marciniak: zu schrill, zu plakativ

Auf die musikalische Wucht antwortet Eweline Marciniak mit einem gigantischen personellen Aufgebot, neben vielen Sänger:innen mit verschiedenen Chören und Choreografien, die sie plakativ arrangiert.

Auf einer grünen Wiese stolpert Orlando, von Erna Nikolovska sehr facettenreich in Szene gesetzt, von einer Epoche zur anderen, satirisch verfremdet, musikalisch überdonnert und umrahmt von sexy Tanzeinlagen, begleitet von der Erzählerin, alias Virginia Woolf, gespielt von Alma Sadé, die schreibend in einem Zimmer oder als Orlando-Begleiterin ständig präsent ist. 

Unter dem Reifrock versetzt Orlando die alte Königin in sexuelles Entzücken. Später werden mit aufgeblähten Brüsten und umgebundenen Penissen Identitätsfragen grotesk kolportiert. Dokumentationen verorten das Geschehen im Zweiten Weltkrieg. Im größten Kampfgewitter verliebt sich Orlando und die Musik gewinnt eine poetische Note, die schnell in der Reklamewelt des Wiederaufbaus ins Poppige abdriftet. Und eine Transvestitenparty fehlt natürlich auch nicht. Immerhin kann Orlandos Sohn endlich schreiben, wie er will. Eine erfreuliche Botschaft, die aber final, kombiniert mit moralischen Imperativen wie „Solidarität!“, „Humanität!“, „Nehmt euch das Recht nicht zu gehorchen“ und „Sei wachsam“, arg pathetisch klingt. 

Schade, denn die Geschichte und das musikalische, sängerische, tänzerische Können sind an sich vortrefflich. 

Resümee zur deutschen Erstaufführung „Orlandos“ in der Komischen Oper Berlin

Dass „Orlando“ erst sieben Jahre nach der Uraufführung an der Wiener Oper in der Komischen Oper Berlin zur deutschen Erstaufführung kam, sagt schon einiges aus. Wie in Wien enttäuscht „Orlando“ auch in Berlin sowohl musikalisch als auch inszenatorisch. Musikalische Paraphrasen und häufiges Fortissimo ermüden. Die Visualisierung wirkt in schriller Groteske plakativ und oberflächlich. Das Publikum applaudierte respektvoll. 

Infos zu „Orlando“-Version in der Komischen Oper

Vorlage:Virginia Woolfs Roman „Orlando“ 2028
Uraufführung an der Wiener Staatsoper Olga Neuwirth „Orlando – eine fiktive musikalische Biografie“08.12.2019
Deutsche ErstaufführungKomische Oper Berlin16.05.2026
Künstlerisches Team Musikalische Leitung:Johannes Kalitzke

Inszenierung Ewelina Marciniak

Bühne:Mirek Kaczmarek

Kostüme:Julia Kornacka

Choreografie:Agnieszka Kryst

Dramaturgie:Sophie Jira

Kinderchor:Dagmar Barbara Fiebach

Licht:Olaf Freese 

Video:Natan Berkowicz

Tonmeister, KlangregisseurJulien Aléonard, Thorsten Hoppe

SounddesignMarkus Noisternig 
In den Hauptrollen: OrlandoErna Nikolovska

ErzählerinAlma Sadé

Guardian Angel Eric Jurenaz
Bewertung⭐☆☆☆☆