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Houellebecqs Roman „Serotonin“ auf der Bühne – Theaterkritik zur Hartmanns fünfstündiger Inszenierung beim Berliner Theatertreffen

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Houellebecqs Roman „Serotonin“ auf der Bühne – Theaterkritik zur Hartmanns fünfstündiger Inszenierung beim Berliner Theatertreffen

„Serotonin“ nach Michel Houellebecq am Hans Otto Theater Potsdam mit Guido Lambrecht © Thomas M. Jauk

Sebastian Hartmanns überrascht mit minimalistischer Inszenierung von Houellebecqs Roman „Serotonin“ am Hans Otto Theater Potsdam. Eine kritische Theateranalyse

Houellebecqs Roman sorgte für ambivalente Schlagzeilen, Hartmann Bühnenversion genauso. Zumutung oder spannendes Ereignis? Beides trifft zu.

Houellebecqs Bestseller „Serotonin“ 

Sebastian Hartmanns minimalistische Inszenierung fokussiert ganz auf den Text und der ist leitmotivisch immer unter der sexuellen Gürtellinie. Nach einem hedonistisch-narzisstischen Leben zieht der 46-jährige Agraringenieur Florent-Claude Labrouste, desillusioniert Bilanz. Gegen seine Depressionen verschreibt ihm der Arzt Serotonin, dann Capaix, Stimmungsaufheller, die allerdings seine Impotenz verstärken, wodurch sich wiederum seine psychische Situation verschlechtert und er Selbstmordgedanken hegt. Ein Teufelskreis. In dieser Romanfigur bringt Houellebecq zwischen Sex und Alkohol nicht nur viel Biografisches von sich selbst sein, sondern auch den gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Verfall unserer Zeit. 

Wie Sebastian Hartmann Houellebecqs ‚Serotonin‘ auf die Bühne bringt“

Ein klinisch weißer Raum mit weißer Bank auf der schwarzen Bühne signalisiert bereits vor Spielbeginn Isolation, Vereinsamung. Guido Lamprecht, ganz in Weiß gekleidet inklusive weißen Socken und Schuhen lässt ein klinisches Umfeld assoziieren. Seine Haltung, Mimik und gedämpfte Sprechweise, nur durch ein Richtmikrofon in drei Meter Entfernung etwas verstärkt, verraten seinen psychischen Zustand. Die Hände entspannt gefaltet, der Blick in die Ferne gerichtet, sitzt Guido Lambrecht fast die ganze Zeit bewegungslos da und monologisiert, zunächst nur über seine Frauenabenteuer und über Figuren, die von Hartmann in Houellebecqs Sprachduktus ergänzt, um die Entwicklung vor familiären Hintergrund zu erklären.

Ganz ohne Musik und Lichteffekte gelingt ein spannender Theaterabend, soweit man als Zuschauer stundenlang ausharren und man das bis zu einer halben Stunde zu späte Erscheinen mancher Zuschauer:innen aushalten will. 

Guido Lambrecht als Florent-Claude Labrouste

Wie Guido Lambrecht diese Rolle meistert ist bewundernswert. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, selbst das bis zu einer halben Stunde Zuspätkommen mancher Theaterbesucher und die damit verbundenen Störgeräusche nimmt er gelassen hin. Er macht nur eine Pause und spricht dann in genau derselben Tonlage weiter. 

Guido Lambrecht zeichnet Monsieur Labrouste wie im Roman als einen hedonistisch-narzisstischen Schwerenöter, der Liebe über Sex definiert, Frauen allein nach ihrer Fickqualität beurteilt, nur nimmt, ohne zu geben und im Nachhinein bedauert, wie immer nichts unternommen zu haben, um dem eigenen Scheitern eine Wende zu geben. 

Während dieses gigantischen Monologs wirkt Guido Lambrecht immer apathischer, psychisch gedämpft durch immer stärkere Tabletten. Ohne Sexualtrieb fehlt dieser Figur jegliche Lebensenergie. Guido Lambrecht reflektiert im Konjunktiv Experimente der Unerträglichkeit. Wie kann man nur auf die Idee kommen, den Sohn der Geliebten zu erschießen, um sich die Liebe der Geliebten nochmals zu erschleichen, die er vor Jahren betrogen und an den Rand des Absturzes gebracht hat? Wie menschenverachtend ist dieser Mensch, der sich nach der Lebensmaxime orientiert, „Wer nicht den Mut hat zu töten, hat auch nicht den Mut zu leben“?

Und dennoch gibt Guido Lambrecht diesem Unsympathling durch seine angenehme Stimme, seine schlanke gepflegte Körperlichkeit und schicksalsergebene Haltung eine versöhnliche Aura als Opfer und Spiegelbild des gesellschaftlichen Niedergangs.

Als 15 Minuten lang nur der Verkehrslärm einer belebten Autobahn zu hören ist, wird das Drama unseres Lebens hörbar: mit Karacho ohne Kontaktaufnahme am anderen vorbei in lebensbedrohlicher Geschwindigkeit. 

Labroustes Leben endet deprimierend völlig vereinsamt in einer 1-Zimmer-Wohnung reduziert auf Schlafen, Fernsehen und Kochen. Dass er final den Ärger Jesu versteht gegenüber der Erbärmlichkeit der Primaten, schraubt die pessimistische Weltensicht noch um eine Etage tiefer.

Resümee zur Potsdamer Bühnenversion von „Serotonin“ 

Ungeachtet der dramaturgischen und schauspielerischen Leistung fragt man nach dem Sinn einer über fünfstündigen Inszenierung, die sicher nur eingefleischte Theaterfans interessiert, insbesondere ältere Männer, die während der Aufführung des Berliner Theatertreffens auffällig präsent und begeistert waren. 

Man kann die Länge der Inszenierung durchaus als entschleunigtes Gegenmittel in unserer schnelllebigen Zeit legitimieren, aber auch kritisieren, weil sie voll im Trend liegt, mit spektakulären, sensationellen Theateraufführungen auf sich aufmerksam zu machen. Von zehn nominierten Inszenierungen bei Berliner Theatertreffen haben fünf Stücke Überlänge. Hängt die begehrte Einladung zum Berliner Theatertreffen zunehmend von der sensationellen Dauer ab?  Michel Houellebecq hat noch mehrere Romane für Inszenierungen anzubieten.

Infos zur Inszenierung von „Serotonin“ 

Künstlerisches Team:Textfassung, Regie, Bühne:Sebastian Hartmann

Licht:Lothar Baumgarte

Kostüme: Adriana Braga Peretzki

Dramaturgie:Christoper Hanf
Mit:Guido Lambrecht
Dauer beim Berliner Theatertreffen:5 Std. 15 Min.ohne Pause, Türen durchgängig offen
Premiere:13.12.2025ca. 6 Stunden
Ort:Hans Otto Theater