„Do You Love Me?“ © Rapid Eye Movies
Filmkritik zu „Do You Love Me?“ von Lana Daher: Ein essayistischer Dokumentarfilm über Beirut, Krieg, Erinnerung und die Zerrissenheit des Libanon
Kommt man im Libanon an, glaubt man nach drei Stunden alles zu verstehen. Nach drei Monaten weiß man, dass man gar nichts weiß. Lana Dahers Dokumentarfilm „Do You Love Me?“ verbindet persönliche Erinnerungen mit einem eindringlichen Porträt des Libanon zwischen Krieg, Sehnsucht und kulturellem Verlust.
„Desorientierung ist ganz normal“. Vor dem Hintergrund dieser persönlich erlebten Erfahrung entwickelte Regisseurin Lana Daher ihren Debütfilm „Do You Love Me?“ eine assoziative Filmcollage über Vernichtung und Aufbau, konfessionelle Spannungen und kulturelles Erbe. Lana Daher hinterfragt kritisch die Beziehung der Menschen zu ihrem Land und zeigt das Leben zwischen Bomben und Alltag.
Regisseurin Lana Daher
Lana Daher ist Libanesin und lebt in Beirut, wo sie als Regisseurin und interdisziplinäre Künstlerin aktiv ist. Mit ihrem Debütfilm „Do You Love Me?“ setzt sie sich mit dem Bürgerkrieg im Libanon und der damit verbundenen Sehnsucht nach Freiheit auseinander. In der Kindheit brachten die Eltern die Kinder ins Ausland, wenn sich die politische Lage im Libanon verschlechterte, aber sie wurden, sobald sich die Situation beruhigte, immer wieder zurückgeholt. Die Ansicht aus dem Flugzeug auf Beirut prägte sich ein, noch mehr das Leben, als sie mit sieben Jahren in eine völlig zerstörte Stadt zurückkehrte, in der sie sich nur zwischen der Schule und dem Zuhause bewegte.
Aus verschiedenen Perspektiven nähert sie sich der Frage „Do You Love Me?“. Eine Reiseleiterin hebt die geografischen Fakten hervor. Ein Künstler beklagt, dass das Museum, in dem er vor kurzem seine Werke ausgestellt hat, verschwunden ist. Es sind nur kurze Statements, persönliche Meinungen, aneinandergereihte Assoziationen.
„Do You Love Me?“: Inhalt
Mit über 20.000 Ton- und Bild-Archivaufnahmen hinterfragt Lana Daher in ihrem Debütfilm „Do You Love Me?“, was es mit den Liebesbeteuerungen der Libanesen gegenüber ihrer Heimat auf sich hat.
„Im Libanon lieben wir uns alle, niemand hasst den anderen, wir sind alle füreinander da“, erklärt ein Fischer im Film. Lana Daher beweist durch kurze Interviews das Gegenteil. Durch die unterschiedlichen Konfessionen geht der Bruch direkt durch die Gesellschaft. An erster Stelle steht die religiöse Zugehörigkeit. Ohne Kompromissbereitschaft eskalierte die Situation immer wieder. „Wollen wir so weitermachen?“ Die Frage bleibt offen.
Libanon-Dokumentarfilm: gegen touristische Klischees
Wegen seiner postkolonialen Wirkung klammert Lana Daher das Klischee „Beirut – Paris des Orients“ fast ganz aus. Statt toller Partys und besten Essens fokussiert sie auf explodierende Häuser, auf die Reaktionen der Einheimischen und auf Alltagsszenen. Lana Daher geht es darum, die Brüche in der libanesischen Gesellschaft zu zeigen, die ihr selbst erst durch die Archivarbeit bewusst wurden. Immer wieder verweist sie auf das große kulturelle Vermächtnis des Libanon, das durch die ständigen Bombardierungen zerstört wurde und wird. Plötzlich ist das Museum weg – für immer. Was bleibt, ist der Blick auf das Meer, das immer wieder eingespielt wird.
Essayistischer Dokumentarfilm
Filmtechnisch weitet Lana Daher deshalb ihren Film zu einer multimedialen Collage, die auf eine explizite zeitliche und räumliche Zuordnung verzichtet. Assoziativ verbindet sie dokumentarisches Material mit persönlichen familiären Foto- und Videoaufnahmen und mit Filmausschnitten libanesischer Regisseur:innen, beispielsweise von Chantal Partamian oder Ouladid Mouaness. Auch wenn man deren Filme nicht kennt, bringen sie ungewöhnlich lyrische Sehnsuchtsmomente nach Freiheit und ihrer Zerbrechlichkeit ein, wenn Vogelschwärme sich am Horizont formieren oder ein Reiter, der auf einem Schimmel die Straße entlang galoppiert, abgeknallt wird.
Musikcollage
Genauso assoziativ und atmosphärisch verwendet Lana Daher den akustischen Hintergrund. Zwischen Kirchenglocken und Maschinengeknatter färbt sich Wasser rot. Explosionen intensivieren das Flammeninferno, die traditionelle Musik beklagt das Leid, spiegelt in den Liebesliedern die Sehnsucht und lässt beim Tanzen unbeschwerte Fröhlichkeit aufkommen. Fairuz, „die Stimme des Libanons“, gibt dem Film eine populär beswingte Aura. Conscious-Raps bekannter Hip-Hop-Künstler bringen Gegenpositionen ein: „Ich muss hier weg.“ Vielleicht auch deshalb, weil der Weg, wohin sich der Libanon bewegt, irritiert – zu einer schlechten Unterhaltungsshow, wie die finale Sequenz dokumentiert.
Fazit aus der Kritik von „Do You Love me?“
Hinter der populären Fragestellung des Titels „Do You Love Me?“ verbirgt sich ein interessantes Filmporträt des Libanons, das den Zuschauer auffordert, selbst zu antworten. Lana Daher bietet dazu ein Puzzle von Impressionen, die man zwar als Nicht-Libanese in ihrer kulturellen Bedeutung nicht immer einordnen kann, von denen sich aber einige bildkräftig ins Bewusstsein einprägen. „Do You Love Me?“ ist ein sehr ehrlicher, aber auch ein sehr subjektiver und singulärer Blick auf den Libanon, mehr Essay als Dokumentarfilm.
Film-Infos zu Lana Dahers Debütfilm „Do You Love Me?“
| Künstlerisches Team: | Drehbuch, Regie: | Lana Daher |
| Produktion | Frankreich, Katar Deutschland, Libanon | |
| Dauer | 75 Min | |
| Kinostart: | 07.05.2026 | |
| Bewertung | ⭐⭐⭐☆☆ |














