„Die Glasmenagerie“ © Theater Basel, Foto: Lucia Hunziker
Die Glasmenagerie Kritik 2026: Inszenierung von Jaz Woodcock-Stewart beim Theatertreffen Berlin – Analyse von Bühne, Schauspiel und Deutung.
Modern, radikal, ganz anders als gewohnt, präsentiert Jaz Woodcock-Stewart Williams Familiendrama hyperaktiv als Ausdruck psychischer Anspannung. Verloren wirken Mutter, Sohn und Tochter in der weiten Wüstenei der Bühne. Sie singen zwar das Vespergebet zusammen, durchgeschüttelt von Powerplates, Vibrationsplatten in Gymnastikstudios, aber jeder lebt in seiner eigenen Welt.
Tennessee Williams „Glasmenagerie“: Handlung
Im Lichtspot erhellt erklärt Jan Bluthardt, wer wen spielt. Er selbst ist wie bei Tennessee Williams Original der Erzähler, gleichzeitig Tom, der Sohn, aus dessen Perspektive sich das „Spiel der Erinnerungen“ zu einem Familiendrama verdichtet.
Wie sein Vater einst, wird er bald die Familie verlassen. Dazwischen liegt der verzweifelte Versuch der Mutter, über das Minigehalt Jims als Lagerarbeiter, die Familie über Wasser zu halten und über einen Arbeitskollegen des Sohnes einen Verehrer für die Tochter zu finden. Es gelingt ein romantischer Abend, der wie eine Seifenblase zerplatzt, weil Jim schon vergeben ist. „Und tschüss!“ Das ist auch das Signal für Tom zu gehen.
Jaz Woodlock-Stewarts Inszenierung: Bühne & Regiekonzept beim Theatertreffen
Die Schutzlosigkeit dieser Familie spiegelt die karge Bühne, das pure Gegenteil von „Il Gattopardo“ https://schabel-kultur-blog.de/theater/il-gattopardo-beim-theatertreffen-berlin-2026-kritik-zu-pinar-karabuluts-inszenierung/. Dem Haus fehlen die Wände. Die Weite rückt die drei Menschen auseinander. Eine Rampe rundherum führt mehr hinaus in die Welt als hinein. Eine Treppe, Symbol für den American Dream of Life, führt ins Nichts. Wie in einer Wüstenei liegt alles verstreut umher, darunter auffällig acht Powerplates, mit denen sich Mutter, Sohn und besonders die Tochter immer wieder durchrütteln lassen, die zur Technomusik sich ekstatisch befreit, das einzige emotionale Ventil in ihrer kommunikationslosen, nerdhaften Existenz zwischen PC-Berieselung und manischer Glasfigurensammlung. Der Bruder verbringt die Nächte im Kino und die Mutter träumt immer noch von den vergangenen Verehrern und rennt sich die Haken ab, die kleine Familie zusammenzuhalten. Immer intensiver outen sich die Vibrationen als Ausdruck innerer Verzweiflung und Vereinsamung und alltäglicher Langeweile. Ein Verehrer in Aussicht verändert alles. Die Mutter vollbringt Wunder.
„Die Glasmenagerie: Wenn Träume zerplatzen“
Nach der Pause präsentiert sich die Familie Wingfield umhaust in bürgerlicher Idylle: weiße Wände, blauer Teppich, hellblaues Tischtuch und weiße Klamotten – ein satirischer Traum, der schon beim Abendessen vibratorisches Erdbeben, dann zärtliche Annäherung auslöst und wie das Mini-Einhorn aus Lauras „Glasmenagerie“ aus Versehen zerbricht.
Das Ensemble in der „Glasmenagerie“: Figurenanalyse
Antoinette Ullrich spielt Laura zwischen Nerdin und Autistin, die, völlig abgenabelt selbst von ihrem engsten sozialen Umfeld, nur noch auf Technomusik reagiert und deren Emotionen auf orgiastische Vibrationen reduziert sind. Hilke Altefrohne spiegelt das konventionelle Rollenbild der Frau, die für ihre Kinder alle eigenen Interessen hintenan stellt und dem tradierten Männerverständnis als Beschützer hinterherläuft. Jan Bluthardt bleibt als Sohn den Problemlösungsstrategien des Vaters verhaftet, blickt aber als Erzähler aus der Gegenwart milde und verständnisvoll auf die Erinnerungen zurück.
Fazit: „Die Glasmenagerie“ beim Theatertreffen 2026
Mit dieser bewusst irritierenden Interpretation gelingt Jac Woodcock-Stewart eine überzeugende Transformation von Williams tristem US-Familiendrama der 1930er Jahre in die Gegenwart. Der extrem überzogene erste Teil findet nach der Pause eine tiefgründige Verdichtung, die zeigt, wie sich Rollenklischees über Generationen hinweg erhalten und weiterentwickeln. Das Premierenpublikum reagierte beim Berliner Theatertreffen begeistert. Nichtsdestoweniger war vor allem der erste Teil zwischen Technosound und vibrierender Bewegungshektik in Wiederholungsschleife eine Herausforderung.
Infos zu Jaz Woodcock-Stewarts „Glasmenagerie“
| Künstlerisches Team: | Inszenierung: | Jaz Woodcock-Stewert |
| Bühne & Kostüme: | Rosie Elnile | |
| Sounddesign | Josh Grigg | |
| Lichtdesign | Alex Woodlock-Stewart | |
| Dramaturgie | Inga Schonlau | |
| Besetzung: | Mutter, Amanda Wingfield: | Hilke Altefrohne |
| Sohn Tom | Jan Bluthardt | |
| Tochter Laura | Antoinette Ullrich | |
| Jim O’Connor, ein junger Mann | Julian Anatol Schneider | |
| Dauer | 3 Std. 30 Min. | |
| Premiere am Theater Basel | 30.01.2025 |














