Wie lebte Berlin in den 1920ern? Die Ausstellung „Ruin und Rausch“ in der Neuen Nationalgalerie zeigt Glanz, Armut und Extreme.
In drei Kapiteln zeigt die Ausstellung Berlin in seiner sozialen Diskrepanz: „Berlin im Taumel“, „Schatten der Großstadt“ und „Die urbane Frau“. Im Einst entdeckt man die Wurzeln heutiger sozialer Verwerfungen.
Über Werke der klassischen Moderne aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie, und durch Filmausschnitte und Höraufnahmen erleben Besucher:innen Berlin zwischen „Ruin und Rausch.“
Berlin von 1910–1930: Leben zwischen Aufbruch und Krise
Geprägt vom Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik klafft das Leben zwischen 1910 und 1930 in der deutschen Metropole extrem auseinander. Berlin wuchs durch die enorme Zuwanderung rasant. Die Technisierung beschleunigte den Lebensrhythmus. Die maschinelle Massenproduktion schuf eine neue Freizeitkultur. Der Potsdamer Platz galt als verkehrsreichster Platz Europas. Die Traumata des Ersten Weltkriegs überschatteten das Leben, erklären das kontroverse geistige Klima, aber auch das große Bedürfnis nach Ablenkung und Glanz der sogenannten „Goldenen Zwanziger“. Berlin war ein Babylon, wo moralische Grenzen überschritten wurden, tagtäglich „Ruin und Rausch“ aufeinanderprallten.
„Berlin im Taumel“
Mit rund 35 Werken unterschiedlicher Stilrichtungen, macht die Ausstellung diese Ambivalenzen erlebbar. Ernst Ludwig Kirchners großformatiges Gemälde „Potsdamer Platz“ stimmt bereits im Eingangsbereich auf das zerrissene Lebensgefühl jener Zeit ein. Bilder mit Blick auf die Architektur, den rasanten Verkehr und das Nachtleben zeigen „Berlin im Taumel“. Lesser Ury taucht den „Nollendorfplatz bei Nacht“ (1925) in eine durchglühte Atmosphäre. Ausschnitte von Fritz Langs richtungsweisendem Stummfilmklassiker „Metropolis“ (1927) vermitteln den Fortschrittsglauben, die Beschleunigung und die damit verbundene Hektik.
„Schatten der Großstadt“: Armut und soziale Gegensätze
Deutlicher werden die Schattenseiten der Technisierung durch Filmausschnitte aus Walther Ruttmanns experimentellem Dokumentarfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“: statt Harmonie herrscht Großstadtlärm. Schreibmaschinentasten und Druckmaschinen klappern, Autos hupen sich den Weg frei, Straßenbahnen bimmeln. Zeitungsverkäufer überschreien sich gegenseitig. Taxis überholen Pferdekutschen. Mangels Ampeln überqueren die Menschen rennend zwischen den Limousinen die Straßen. Vor einem edlen Juwelierladen verkauft eine alte Frau Streichhölzer. Ein Obdachloser raucht die weggeworfene Kippe eines Gentlemans weiter.
Die einzelnen Facetten gesellschaftlicher Diskrepanzen zeigen sich in den ausgestellten Gemälden. George Grosz bringt sie in „Grauer Tag“ (1921) auf den Punkt, indem er einen herausgeputzten Bürokraten im Hintergrund mit einem Kriegsveteranen konfrontiert. Dazwischen verweist eine unfertige Ziegelmauer auf die zunehmenden Abgrenzungen der Gesellschaft. Gedichte von Anita Berber, Mascha Kaléko und Erich Kästner, individuell über Hörstationen erlebbar, intensivieren die gesellschaftlichen Dissonanzen.
„Die urbane Frau“: selbstbewusst in männlicher Optik
Das dritte Kapitel fokussiert auf die neue Rolle der Frau und darüber hinaus auf den freieren Umgang mit Queerness. Mit kurzen Haaren, androgyner Figur, betont durch Hemd und Hose dokumentierten Künstler:innen das neue Selbstbewusstsein der Frauen. Durch ihr männliches Aussehen bringen sie ihre Selbstbestimmung und soziale Gleichstellung zum Ausdruck, unterstützt von der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland 1918.
Otto Dix malte das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ (1925) mit bleichem, maskenhaftem Gesicht, in einem hautengen, roten Kleid als „Femme fatale“, die heute weniger verführerisch, sondern ausgemergelt und ironisch wirkt. Als Schauspielerin, Schriftstellerin und innovativ grenzüberschreitende Ausdruckstänzerin war sie eine skandalumwitterte Figur des Berliner Nachtlebens. Interessant ist die Filmsequenz aus „Unheimliche Geschichten“ (1919), in der sie aus der Perspektive eines Betrachters sehr verführerisch tanzt, um ihn zu bezirzen. Noch interessanter ist der Vergleich mit einer Filmsequenz mit „Josephine Baker“ (1906), deren hektisch exaltierter Tanz aus heutiger Sicht nur als lächerliches Gezappel zu werten ist.
Final lässt Lotte Laserstein in ihrem melancholischen Werk „Abend über Potsdam“ (1930) den erstarkenden Nationalsozialismus aufleuchten. Die Zeiten ändern sich, aber in Richtung Ruin.
Lohnt der Ausstellungsbesuch?
Es ist zwar im Vergleich zu anderen Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie eine kleine, aber dafür sehr tiefgründige Ausstellung, die auf das Wesentliche zielt und die Bedeutung Berlins in der Kunst spiegelt.
Welche Künstler:innen sind in der Berliner Ausstellung „Ruin und Rausch“ zu sehen?
Künstler*innen der Ausstellung: Josephine Baker, Anita Berber, Rudolf Belling, Otto Dix, Heinrich Ehmsen, Paul Fuhrmann, George Grosz, Hans Grundig, Thea von Harbou, Hannah Höch, Karl Hofer, Constantin Holzer-Defanti, Mascha Kaléko, Erich Kästner, Ernst Ludwig Kirchner, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Fritz Lang, Lotte Laserstein, Tamara de Lempicka, Jeanne Mammen, Carlo Mense, Otto Nagel, Oskar Nerlinger, Ernest Neuschul, Walther Ruttmann, Renée Sintenis, Jakob Steinhardt, Georg Tappert, Lesser Ury, Gustav Wunderwald














