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„Nurejew“ – Staatsballett Berlin begeistert bei Deutscher Erstaufführung – Ballettkritik zur bildstarken Premiere am 21. März

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„Nurejew“ – Staatsballett Berlin begeistert bei Deutscher Erstaufführung – Ballettkritik zur bildstarken Premiere am 21. März

©Carlos Quezada

Das Ballett „Nurejew“, getanzt vom Staatsballett Berlin sorgte schon im Vorfeld für eine extrem hohe Erwartungshaltung. Die deutsche Erstaufführung von Yuri Possokhov (Choreografie), Kirill Serebrennikov (Regie), Ilya Demutsky (Musik) sprengt mit 141 Darsteller:innen alle bisherigen Dimensionen in der Deutschen Oper Berlin (www.schabel-kultur-blog.de). „Nurejew“ ist mehr als…

ein Erzählballett, ist zugleich Oper und Theater, ein genreübergreifendes Großprojekt und ein politisches Statement, bezieht man seine Rezeptionsgeschichte mit ein. 

„Nurejew“ – Politiker vergehen, die Kunst bleibt

Um den Stellenwert dieser Inszenierung zu verstehen, muss man die Hintergründe kennen. Tanzikone Nurejew (1938 – 1993) in Russland ein Denkmal zu setzen, war für das künstlerische Team sehr schwierig, weil sich Rudolf Nurejew bei einer Tournee in Paris abgesetzt hatte und homosexuell war. Die Uraufführung wurde trotzdem ein hochbejubeltes Ereignis und mit der „Goldenen Maske“, dem wichtigsten russischen Theaterpreis ausgezeichnet. Alle Folgeveranstaltungen waren ausverkauft. Umso mehr überraschte es, dass die Inszenierung abrupt abgesetzt wurde. Nurejews Vermächtnis sollte zerstört werden, nachdem der Oberste Gerichtshof Russlands 2023 die LGBT-Bewegung als extremistisch eingestuft hatte und wegen negativer Vorbildwirkung diverse Werke verbot. 

Intendant Christian Spuck – eine Hommage an Nurejew

Christian Spuck war noch vor seiner Ernennung als Intendant der Deutschen Oper, bei der Uraufführung dabei und so begeistert, dass er beschloss, diese Choreografie gegen alle Widerstände nach Berlin zu holen. Nach dreieinhalbjähriger Arbeitszeit beweist die Premiere an der Deutschen Oper Berlin, „die Kunst hat gewonnen und das ist etwas ganz Besonderes.“ Die Porträts der Präsidenten werden gleich zu Beginn der Vorstellung ständig ausgetauscht. Politiker vergehen, die Kunst bleibt. Es ist Spucks Verdienst, dass durch diese imposanten Inszenierung Nurejew in Erinnerung bleibt.

Nurejew“ – der Mensch hinter dem Genie

Choreograf Possokhov begnügt sich nicht mit Nurejews Biografie. Es geht auch nicht darum, Nurejew als einzigartige Tanzikone vorzuführen. Possokhov interessiert der Mensch hinter der Spitzenleistung, seine rebellische und verletzbare Seite, damit verbunden die Entwicklung seines Tanzstils, seiner Karriere und Lebensweise. 

Handlung – künstlerisch erweitert

Chronologisch skizziert er Nurejews wichtigste Lebensstationen, in denen er auf Charaktereigenschaften fokussiert. In ineinander überleitenden Tanzsequenzen erlebt das Publikum Ausschnitte von berühmten Balletten, zauberhaft von den Tänzer:innen des Staatsballetts umrahmt. Ilya Demutskys Komposition lässt berühmte Ballette wie „Schwanensee, „Don Quixote“, „Giselle“ oder „La Bayadère“ anklingen, verwebt sie miteinander. Zusätzlich unterstreichen ein Jazztrio und ein Harfist auf der Bühne poetische und rasante Momente.

Serebrennikovs fulminante Bildwelten

Die choreografierten Szenen verbindet Regisseur Serebrennikov unter dem Aspekt, wie besessen Nurejew vom Tanzen war. „Ich tanze, weil ich muss“. Für ihn war der Tanz die einzige Möglichkeit zu überleben. Er respektierte die strenge Reglement der russischen Ausbildung. Sie war die Basis, darüber hinaus kreativ zu werden und die Freiheit im Tanz zu erleben. 

Serebrennikow konzipiert den chronologischen Lebenslauf aus der Rückschau, aus der distanzierenden Perspektive einer Versteigerung von Nurejews Besitztümern nach dessen Tod. Wie in einem Rondo schiebt sich dieser Part immer wieder zwischen die chronologisch aufgerollte Biografie Nurejews, wobei Schauspieler Odin Lund Biron als Auktionär und Vorleser von Briefen an Nurejew zum szenischen Bindeglied wird.

Staatsballett Berlin erzählt  aus der Erinnerung 

Antiquitäten, Teppiche, Gemälde, Fotografien werden im Auktionshaus versteigert, zur Begutachtung herumgetragen, und schweben in Videos irrlichternd über der Bühne. Die interessierten Käufer:innen, 40 gecastete ehemalige Tänzer:innen, drücken ihre Bewunderung in eleganten Bewegungen aus. 

Der Weg in die Freiheit

Nach diesem fulminanten Beginn wechselt die Szenerie zu Nurejews Ausbildung an die Waganowa-Ballettakademie in Leningrad. Ein weiter Sprung über die Absperrungen am Flughafen symbolisiert Nurejews neue Freiheit 1961 im Westen. Es ist ein Ausbruch aus einer Heimat, die er sich nicht selbst aussuchen konnte, sondern nur von den Eltern mitgegeben wurde. Leitmotivisch wiederholt ist es eine klare Absage an die Sowjetunion. 

Vom Nacktmodell zur Tanzikone

Im Westen lernt Nurejew schnell, sich zu vermarkten. Die Fotosession mit Starfotograf Richard Avedon, nackt unter einem Pelzmantel, wird zur spektakulärsten Szene des Abends. Nach der Pause rückt die „Grand Gala“ mit ineinander übergreifenden Tanzsequenzen Nurejews Aufstieg zur Tanzikone in den Mittelpunkt, tänzerisch der schönste Part. Vorgelesene Briefe an „Rudi“ zeigen, wie bewundert und verehrt er von Schülern und Kollegen wurde.

Nurejew – Sonnenkönig und Pierrot zugleich 

Nurejew als „Sonnenkönig“ mit einem höchst aufwändigen barocken Hofstaat vorzuführen, der genussvoll Opernarien hört, wird zum Ausstattungsspektakel. Doch die Gigantomanie verdichtet sich zur Vanitas-Metapher, als unter dem prunkvollen Gewand Nurejew als einsamer und todkranker Pierrot erscheint. Dazu passt als Abgesang die Schattenszene aus „La Bayadère“ Nurejews letzte Choreografie für das Ballett der Pariser Oper kurz vor seinem Tod. Wenn Nurejew mit dem Taktstock hinunter zum Orchestergraben steigt, wird final auch noch der Dirigent erlebbar. 

David Soares als Nurejew 

Kann man Nurejew nachtanzen? Natürlich nicht. David Soares meistert sein Debüt als Nurejew trotzdem mit Bravour. Er tanzt zwar nur kurze Passagen, zeigt aber sehr effektvoll, wie Nurejew auf andere wirkte. Anfangs schüchtern, neugierig, experimentierfreudig, doch gleichzeitig wird wird Nurejews spontane Arroganz und Eigenwilligkeit sichtbar. Beim Fotoshooting gelingt ihm in narzisstischer Überdrehtheit perfekte Adonisästhetik im Hochglanzformat. Beim Tanz mit dem dänischen, kettenrauchenden Tänzer Erik Bruhn (Martin ten Korenaar), leuchtet dezent die Liebe seines Lebens auf, zusammen mit Iana Salenko als Margot Fonteyn der Gipfelpunkt seiner Karriere. Polina Semionova verzaubert grazil und subtil als „Die Diva“.

Resümee: Jede Szene für sich ist ein Meisterwerk, alles zusammen – ein grandioses Gesamtkunstwerk.Mit „Nurejew“ hat Christian Spuck ein kulturelles Highlight über Berlin hinaus geschaffen.

Deutsche Oper Berlin – Termine

Zu sehen ist Nurejew bis zum 26. April 2026 an der Deutschen Oper Berlin.

ARTE überträgt die Premiere live auf arte.tv, wo die Produktion im Anschluss fünf Jahre europaweit abrufbar bleibt. Im linearen Fernsehen wird das Programm am Samstag, 11.04.2026 um 22.35 Uhr ausgestrahlt.

ProduktionsteamChoreografieYuri hkhov

Inszenierung, Libretto, BühneKirill Serebrennikov

MusikIlya Demutsky

KostümeElena Zaytseva

VideoIlya Shagalov

LichtDaniil Moskovich

Musikalische LeitungDominic Limburg

Einstudierung Tanz Dana Genshaft / Tiit Helimets

Einstudierung RegieEvgeny Kulagin / Ivan Estegneev