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München – Mateja Koležnik verwandelt im Residenztheater Kleists „Der zerbrochene Krug“ überaus gekonnt in ein Emanzipationsstück

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München – Mateja Koležnik verwandelt im Residenztheater Kleists „Der zerbrochene Krug“ überaus gekonnt in ein Emanzipationsstück

©Residenztheater München, Foto:Sandra Then

Schmerzgebeutelt humpelt Richter Adam auf die dunkle Bühne. Das frühe Sonnenlicht lässt…

seine Jämmerlichkeit aufleuchten und die des Ortes, seine zwei Wunden am Kopf und das spärliche, marode Mobiliar. Der Schreiber, ein bizarrer Geck mit markanter Nase und verbogener Haltung, mahnt ihn zur Eile, weil Gerichtsrat Walter kommt, um den gesetzmäßigen Verlauf der Gerichtsverhandlung zu überprüfen, ausgerechnet einen Fall, wie der kundige Theaterbesucher weiß, in dem Richter Adam selbst der Täter ist.

In traditionell naturalistischer Manier, kafkaesk skurril zugespitzt, bringt Mateja Koležnik Kleists berühmte Justizkomödie auf die Kreisbühne des Cuvilliéstheaters. Sie begnügt sich nicht mit komödiantischem Spiel, sondern entdeckt genau das, was Kleist über den Umweg der Komik beabsichtigte, den rigorosen Verfall der Gerichtsbarkeit, die Eitelkeit und Verlogenheit der Mächtigen, die durch Bestechung und Manipulation Gerechtigkeit untergraben. In diesem verkommenen Rechtssystem hat der aufrichtige, ehrliche Mensch keine Chance. Das ist mitunter durchaus witzig.

Koležnik geht noch einen Schritt weiter, statt Komödie skurrile Surrealität, statt finales Happyend Emanzipation. Eve wird von ihrem Verlobten, den sie durch gewisse Gefälligkeiten dem Richter gegenüber vom Soldatendienst befreien wollte, als „Metze“ beschimpft und bespuckt. Nüchtern konstatiert sie in jambischen Versmaß, als wäre der Text aus der Feder Kleists: „Mein Körper war ja unterworfen stets der Mutter/Arbeit und Dressur. Nun, wo eigenmächtig ich/den selbigen für Dich verschleudert habe /da erst begreif ich, dass ich wohl gestern Nacht/zum ersten Mal mir selbst gehörte.“

„Der zerbrochene Krug“ als Emanzipationsstück? Die Transformation überzeugt.

Vom Ende her versteht man Eves Optik. Die flügelartigen Schulterpartien ihres Kleides geben ihr durch den hellschimmernden Stoff eine engelhafte Aura, womit sich Kleists umgekehrte Verführungssymbolik von Adam und Eva zum Teufel-Engel-Kontrast weitet. 

In allen Rollen, einschließlich der devoten Dienstmädchen, brillant gespielt, besticht die Inszenierung durch magisch skurrile Sequenzen mit slapstickartigen Wiederholungsstrukturen, körperlichen Verzerrungen und surrealer Tiefgründigkeit. Die Schauspieler:innen agieren in Kleistscher Manier als Zerrbild ihres Charakters. Einen herrlich intriganten Richter gibt Oliver Stokowski ab, körperlich zweifelsohne ein Genussmensch, charakterlich durch und durch verlogen und manipulierend bis zur letzten Sekunde ohne jegliches Mitgefühl für andere. Steven Scharf als Gerichtsrat, durch eine obskure Zylinderkreation zwei Köpfe größer, versinnbildlicht die zunehmende Lächerlichkeit mit steigender Macht. Ständig stößt er gegen Türrahmen, stürzt zu Boden, nicht viel mehr als eine Lachnummer. Es gelingt ihm nicht einmal einen Bestechungsessen abzulehnen. Wie verbogen und verlogen das ganze Gerichtswesen ist, offenbart Moritz Treuenfels als devoter Gerichtsschreiber durch seine eitlen Verrenkungen nicht nur vor dem Spiegel. Als Nachfolger Adams sind von ihm keine Verbesserungen zu erwarten. In Pujan Sadris unwirschen Verhalten spiegelt sich die Ausweglosigkeit als Angeklagter, aber auch die männliche, frauenverachtende Dominanz im Volk. 

Dem gegenüber wirken die Frauen überaus wehrhaft, aber charakterlich genauso abstoßend. Katja Jung entdeckt in Frau Mathe, die nicht nur für den Schadensersatz ihres zerbrochenen Kruges, sondern auch für die Ehre ihrer Tochter kämpft, deren ungeheuren Egoismus, von Mutterliebe keine Spur. Hanna Scheibe offenbart als Frau Brigitte, überaus klar artikuliert, deren Wichtigtuerei. Lea Ruckpaul verwandelt Eve in eine Jeanne d’Arc für alle Frauen, indem sie das Recht auf ihren eigenen Körper fordert. Gierig nach Informationen, windschnittig eng aneinander gedrückt, verdeutlichen die Bediensteten, wie das Volk ausgegrenzt wird.

Koležniks Version vom „Zerbrochenen Krug“ ist ein theatrales Kleinod, das völlig aus dem Rahmen zeitgenössischer Inszenierungen fällt und sich gerade dadurch im Gedächtnis festhakt.

Künstlerisches Team: Mateja Koležnik (Regie), Christian Schmidt (Bühne), Ana Savić Gecan (Kostüme), Verena Mayr (Licht), Constanze Kargl (Dramaturgie) 

Mit: Steven Scharf, Oliver Stokowski, Moritz Treuenfels, Katja Jung, Lea Ruckpaul, Pujan Sadri, Hanna Scheibe und der Statisterie des Residenztheaters Kai Mesinovic, Christian Schulz, Alexandra Hacker, Marie Höhne, Karin Buras, Marietta Diehl.