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Orgelmusik, Insasse John deklamiert Shakespeare. Vom Bühnenhintergrund fokussiert die Kamera auf den fallenden Vorhang und den Applaus. Es ist keine „normale“ Theatervorstellung. Regisseur Greg Kwedar stellt filmisch…
das Leben im „Sing Sing“, dem berühmten Gefängnis am Rande von New York City nach. Seit den 1930er Jahren wurden hier Szenen für Gangsterfilme gedreht. Greg Kwedar dreht in anderen aufgelassenen Gefängnissen. Es geht ihm nicht um Action, sondern um das besondere Rehabilitationsprogramm im Sing Sing. Über das Theaterspielen bekommen ausgewählte Häftlinge die Möglichkeit im Rollenspiel neue Perspektiven auf sich selbst zu finden, verborgene Talente zu entdecken, Selbstbewusstsein und Hoffnung zu entwickeln.
In nur 18 Tagen mit einer Handkamera, vorwiegend bei natürlichen Lichtverhältnissen gedreht, die Gesichter ganz nah gezoomt, entstand bezüglich des Rehabilitationsprogramms ein sehr authentisch wirkender Gefängnisfilm.
Die Kamera folgt dem Casting für die nächste Aufführung, bei der bis auf die drei amerikanischen Schauspieler Colman Domingo, Paul Raci und Sean San Jose nur ehemalige Häftlinge des Sing Sings mitwirken.
Das nächste Stück soll auf Vorschlag von Devine Eye, einem neuen Theatermitglied, von John angeworben, eine Komödie werden, eine Zeitreise vom alten Ägypten über römische Gladiatorenkämpfe und Hamlet bis zu den Cowboys des Wilden Westens.
Kwedar filmt die Proben und spürt dabei genau den menschlichen Prozessen nach, die durch das Spielen ausgelöst werden, Eifersucht, Kontrollverlust, aber eben auch die gegenseitige Anerkennung und Hilfe, zum Kern der Rolle und damit zu sich selbst zurückzufinden. Die Häftlinge ziehen andere Kleider an, spielen, tanzen, genießen und fühlen sich wieder als Teil einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt und trauert, als einer in seiner Zelle stirbt.
Sehr geschickt verbindet der verantwortliche Spielleiter (Paul Raci) als Warming-up psychologische Methoden. Er ermutigt die Häftlinge mit geschlossenen Augen den Ort anzupeilen, wo sie gerne wären, lässt dann darüber sprechen und ihre Sehnsuchtsorte erklären. So gibt er ihnen die Möglichkeit, wenigstens mental auszubrechen und Hoffnung zu schöpfen. Diese kleinen Geschichten berühren zutiefst. Mike fühlt sich sogar wohl im Gefängnis, wo er weit weg von den Drogen ist, die ihn hierher gebracht haben. Jo, war Balletttänzer und träumt davon, was er geworden wäre, wenn er durchgehalten hätte.
John (Colman Domingo), der Schauspielstar der Gruppe, unschuldig zu lebenslang verurteilt hat ein Gnadengesuch eingereicht mit geringen Erfolgschancen, da sein Rettungsanker ein Zeuge, dessen Aussage im Prozess nicht erfasst wurde, inzwischen verstorben ist. John gibt die Hoffnung nicht auf und hat die Kontrolle über sich, auch wenn Devine Eye, der ehemalige Drogenboss, Clarence McLin spielt sich selbst. Er wurde von John für die Theatergruppe geworben. Jetzt ist Clarence McLin schauspielerisch sein Konkurrenten wird, was neue Herausforderungen bringt. Ein kleines offenes Fenster, durch das man gerade noch eine Hand hinausstrecken kann, symbolisiert leitmotivisch den großen Wunsch nach Freiheit.
„Sing Sing“ ist ab morgen, 27. Februar
Künstlerisches Team: Greg Kwedar (Drehbuch, Regie), Clint Bentley (Regie), Bryce Dessner (Komponist), Patrick Scola (Chef-Kameramann), Parker Laramie (Cutter), Desira Pesta (Kostüme)
In den Hauptrollen: Colman Domingo, Paul Raci, Sean San Jose, Clarence Devine Eye McLin