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Uraufführung – Albert Obermaier „Munich Machine“ im Residenztheater unter der Regie von Ersan Mondtag – ein überbordendes Spektakel 

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Uraufführung – Albert Obermaier „Munich Machine“ im Residenztheater unter der Regie von Ersan Mondtag – ein überbordendes Spektakel 

©Residenztheater, Foto: Birgit Hupfeld

Der Münchner Filmemacher Klaus Lemke liegt abgestürzt in der Gosse. Er wollte immer schon einmal…

einen Science-Fiction-Film über Utopien machen. Aber die Zeit der Visionen ist vorbei, eine Finanzierung nicht in Sicht. So entsteht der Film zusammen mit Amore als Kopfkino begleitet von KI, einer weiblichen künstlichen Intelligenz, die in einem UFO in Weißwurstform neben der Staatskanzlei landet, um nach belebenden Utopien für ihren Planeten Gynäa zu suchen, auf dem seit hunderttausend Jahren Frauen in Harmonie leben. Zu dritt machen sie analytisch betrachtend eine Zeitreise zurück in die Räterepublik und über revolutionäre Utopien und Image-Label zurück in die Gegenwart. Nach dem Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ sollte die Bevölkerung wachgerüttelt werden. Was ist aus den einstigen Utopien geworden?

„Zum heulen/ howl/ das ist münchen.“ Es leuchtet nicht mehr, gerade die Stadt, die vom Leuchten lebte. Doch „wenn zwei es wollen/ ist die stadt eine wonne/ scheint hell die sonne/ und alles ist sonnenklar es /ist wie es immer schon nie/ war“, verheißt das Münchner Kindl und irrt mit der Sense durch die Gassen düster wie der Tod.

Als überbordendes Triptychon, „Munich Howl“ „Munich Machine“„Munich kills me“ legt Albert Ostermaier seine zehnte Auftragsarbeit für das Residenztheater an. Es ist eine Aneinanderreihung revolutionärer Situationen und markanter Persönlichkeiten, die durch Ostermaiers sprachliche Zuspitzung und personelle Vernetzung zu einer Revolutions-Groteske fusionieren, in der das „männliche Prinzip“ durch „Exklusivität, Hierarchie, Gewaltverherrlichung und die Konstruktion eines Feindbildes“ ausgeleuchtet wird. Das klingt intellektuell aufgebrezelt und ist es auch, was Ostermaier selbstironisch als „geschwollenen Sprachstil“ formuliert und damit ganz bewusst den Münchner Dialekt kontrastiert und sein komplex assoziatives Stück auch sprachlich sehr subtil komprimiert.

Sein Sprachwitz erschließt sich mitunter in der Textversion besser als auf der Bühne, wo Regisseur Ersan Mondtag in Kooperation mit Lorenz Stöger ein opulentes atmosphärisches Spektakel inszeniert, in dem Optik und Sound das Stück überfluten. Die Kreisbühne zeigt in 15 Bildern, leitmotivisch immer wieder den „Bräu“ als Wahrzeichen bayuwarischer Versoffenheit und alternierend Fassaden, Straßen, Plätze als Ausdruck städtischer Bürgerlichkeit, die alle Utopien schadlos überlebt hat, aber wie eine Kulisse wirkt. Über den Dächern von München flimmern Dokumentarsequenzen über die Massendemonstrationen während der Räterepublik. Ja, damals wäre die Zukunft noch verhinderbar gewesen, wäre Eisler nicht erschossen worden. Aus den Schubladen in den Mauern des Schelling-Salons herausgezogen, werden die Leichen von Lenin, Brecht, Hitler und Strauß, lebendig. Über Live-Projektionen rückt das Minenspiel in den Mittelpunkt, aber ebenso die skurrilen, oberflächlichen Gespräche, wodurch die linksorientierten Utopien voll der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Die RAF bekommt ihr Fett mit der „Kaufhausbrandprobe“ ab, mit Fokus auf das Klo. „Hier wird alles, was gekauft und gegessen wird, sozusagen zum zweiten Mal umgeschlagen. Somit ist das Klo eines Kaufhauses der zweifach potenzierte Exponent unserer heutigen kapitalistischen Konsumgesellschaft.“ 

Nach dem historischen Rundumschlag folgt als pathetisch aufgeblasenes Fallbeispiel der klerikale Missbrauch, die nachhaltigste Szene des Abends. Als Stellvertreter Gottes fordert der Weihbischof den absoluten Gehorsam der Ministranten ein. Das bringt selbst ein riesengroßes Kreuz ins Wanken, eine Standardrequisite bei Mondtags Inszenierungen. Es kippt nach vorn und steht auf dem Kopf als Symbol eines augehebelten Glaubens. Die Ankündigung der Olympischen Spiele 1972 hellt schließlich die Stimmung vor der Pause auf.

Sie wird als überzeugendestes Utopiemodell von KI bewertet. Was folgt, sind die bekannten Münchner Image-Slogans. Bavaria rühmt München als „Hauptstadt der Nackadn, der nackte Wahnsinn“ und als „Freistaat“ mit Größenwahn. Entsprechend visioniert sie die ganze Theresienwiese als Dancefloor. München als Disco, Musicalstadt, „Sexmachine“ und queere Performance. Donna Summer singt Giorgio Moroders „I feel love“. Die Wehrsportgruppe Hoffmann agitiert in karnevalistischer Verkleidung. Über Suchscheinwerfer und Sirenen wird der Partystadt der Garaus gemacht. Aus der Perspektive eines frustrierten, sich krank geschufteten Gastarbeiters verdüstert sich die Stimmung in eine bitterböse Remigrationsdystopie über München hinaus mit Blick auf Deutschland, indem er Deutsch als die Sprache der Herrschenden verteufelt und droht „Ihr werdet euch wundern, wie es ist, wenn ihr allein seid mit eurem Deutschland.“ 

Jetzt reicht es Lemke und auch der KI. „Wir haben in den letzten hunderttausend Jahren nichts verpasst“, kommentiert sie. „Die Spezies Mann ist unbrauchbar.“  Damit offenbart Ostermaier über Münchner Lokalkolorist hinaus den Verlust jeglicher Utopien und eine provokante Aburteilung der Spezies Mensch.

„Munich Machine“ ist ein komplexes Stück, das durchaus eine spektakuläre Umsetzung fordert, aber in der Inszenierung Mondtags durch Videoprojektionen bis zu bühnenweiten Formaten die schauspielerische Leistung verzwergt und als Panoptikum-Collage wenig berührt. Ostermaiers Pointen zünden selten. Ein einziger zaghafter Zwischenapplaus, leere Sitze nach der Pause signalisieren, dass die Inszenierung alles andere als ein großer Wurf ist. Kein Wunder in einer Welt ohne Utopie, fern jeglicher München-Hommage.

Künstlerisches Team: Ersan Mondtag (Inszenierung, Bühne und Kostüme), Lorenz Stöger (Mitarbeit Bühne und Kostüme), Benedikt Brachtel, DJ Hell (Komposition, Musikproduktion), Luis August Krawen (Video), Gerrit Jurda (Licht), Michael Billenkamp, Till Briegleb (Dramaturgie)

Mit: Brigitte Hobmeier, Thomas Hauser, Cathrin Störmer, Pia Händler, Isabell Antonia Höckel, Myriam Schröder, Vincent Glander, May Mayer, Niklas Mitteregger und Chor