"Kultur macht glücklich"


Theaterkritik: Gorki ins Heute katapultiert – Laura Linnenbaums Inszenierung „Kinder der Sonne“ am Berliner Ensemble – Premiere 21.02.2026 

Veröffentlicht am:

von

Theaterkritik: Gorki ins Heute katapultiert – Laura Linnenbaums Inszenierung „Kinder der Sonne“ am Berliner Ensemble – Premiere 21.02.2026 

©Berliner Ensemble, Foto: Gianmarco Bresadola

Regisseurin Laura Linnenbaum bringt Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ in einer gekürzten, überarbeiteten Version von Jakob Nolte sehr zeitgenössisch auf die Bühne. Ursprünglich ein Abgesang auf die russische Intelligenzija setzt Nolte das Stück…

in die Gegenwart. „Das Tor war offen!“ Zigmal gesagt wird dieser Satz zum boulevardesken Leitmotiv der Inszenierung. Jeder kann ohne Probleme eintreten in das herrschaftliche Haus der Familie Fürst. Mit ein paar weißen Liegen, Stühlen und Tischen zwischen Straßenlaternen und einem gerade reparierten Ventilator assoziiert man allerdings weniger eine Behausung als vielmehr verbrannte Erde, auf die das Stück zusteuert.

„Kinder der Sonne“ am Berliner Ensemble – Egozentrik statt gesellschaftlicher Wachsamkeit 

Der Grund liegt in der  Egozentrik der Menschen, die eigentlich die Intelligenz hätten, gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten, sich aber mit allgemeinen Plattitüden in ihren Elfenbeinturm zurückziehen und weder gesellschaftlich noch politisch Verantwortung übernehmen. Nolte benennt Gorkis extrem konträren Figuren symbolisch als Fürst und Gauner und reduziert deren ausufernde Dialoge auf das Sprachschablonenniveau unserer Zeit, wodurch das Stück kürzer, aber nicht interessanter wird. 

Jakob Noltes Gorki-Version reduziert auf heutige Typisierung

Das Stück kreist um drei Paare und deren Beziehungen. Paul Fürst, Literaturwissenschaftler, ist mit Jelena, einer arbeitslosen Geisteswissenschaftlerin verheiratet. Weil sie sich von ihm nicht gesehen fühlt, verbringt sie viel Zeit mit dem Künstler Nils Lund. Gleichzeitig himmelt die Unternehmerin Melanija Schmitt Paul an. Sie träumt von einer eleganten Rochade der Partner als elegante Lösung. Pauls Schwester Lisa versucht die Trauer um ihr verstorbenes Kind durch Dichten zu kompensieren und findet im Tierarzt einen seelenverwandten Menschen, der ihr zuhört. 

So palavern sie intellektuell, flirten kreuz und quer, tafeln beim Osterbrunch und bemerken nicht, was sich gesellschaftlich zusammenbraut. Symbolfigur dafür ist der Zimmerer. Er wird auf seine Arbeit reduziert, ansonsten ausgegrenzt, als Rechtsradikaler verdächtigt und beginnt aus Abhängigkeit vom Vermieter wieder zu trinken. Schlau agiert nur das Au-pair-Mädchen. Die Zeichen der Zeit erkennend hat sie durch Aktienspekulationen für die Zukunft vorgesorgt.

„Die Kinder der Sonne“ am Berliner Ensemble – Oberflächlichkeit und Egozentrik als Gestaltungsprinzipien 

Wie bereits in den „Verstreuten“ (www.schabel-kultur-blog.de) fokussiert Regisseurin Linnenbaum auf entemotionalisierte, in ihr eigenes Ego verstrickte Menschen. Aktuelle Themen wie Klimawandel, Mietwucher, Rechtsradikalismus klingen an, schweben aber nur als hohle Phrasen im Raum. Das Ensemble verstärkt die textliche Oberflächlichkeit ganz bewusst durch laszives Spiel, allen voran Pauline Knof. Als sexuell unbefriedigte Ehefrau posiert sie wie eine Influencerin in eleganten Abendkleidern. Lili Epply gibt Lisas Gedichtvortrag der Lächerlichkeit preis. Marc Oliver Schulze bleibt als Paul Fürst so blass wie seine Statements. Bettina Hoppe als Unternehmerin und Sebastian Zimmler als Tierarzt setzen emotionale Akzente. Das Bühnenbild unterstreicht durch vereinzelte Stühle die Vereinsamung, am langen, weiß gedeckten Ostertisch die menschliche Entfremdung. Das Proletariat über die Figur des Roman Gauner (Maximilian Diehle) bereits namentlich negativ aufzuladen, aber auch schauspielerisch dumm und manipulierbar darzustellen, wirkt sehr klischeehaft. 

Resümee:

Maxim Gorkis Theaterstück „Kinder der Sonne“ hat über 120 Jahre hinweg nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Intellektuelle Versponnenheit und egozentrische Lebensweise  beschleunigen politische Veränderungen. Die einen palavern, die anderen handeln.  „Das Tor war offen!“, so die Leitmetapher in Jakob Noltes Version am Berliner Ensemble, aber eben nicht für alle und genau deshalb bricht das gesellschaftliche Gefüge zusammen. Weder Noltes textliche Umsetzung noch Linnenbaums Inszenierung bringen neue Erkenntnisse. Nach über zwei Stunden Spielzeit ohne Pause fühlt man nur noch Leere, um nicht zu sage Langeweile.

Künstlerisches Team:TextfassungJakob Nolte

RegieLaura Linnenbaum

BühneDaniel Roskamp

KostümeMichaela Kratzer

MusikDavid Kosel 

LichtMario Seeger

DramaturgieAmely Joana Haag
Mit:Marc Oliver Schulze, Pauline Knof, Lili Epply, Maeve Metelka, Bettina Hoppe, Jannik Mühlenweg, Sebastian Zimmler, Maximilian Diehle, Oliver Kraushaar