"Kultur macht glücklich"


Niederbayern – Noa Lazar-Keinans zeitgenössisches Stück „Kurzschluss“ im Kleinen Theater Kammerspiele Landshut thematisiert Autismus – Premiere am 20.02.2026

Veröffentlicht am:

von

Niederbayern – Noa Lazar-Keinans zeitgenössisches Stück „Kurzschluss“ im Kleinen Theater Kammerspiele Landshut thematisiert Autismus – Premiere am 20.02.2026

©Kleines Theater Kammerspiele Landshut, Foto: Stefan Klein

Noa Lazar-Keinans zeitgenössischem Erfolgsstück „Kurzschluss“, zum ersten Mal in Niederbayern zu sehen, fokussiert auf Autismus. Die Eltern sind schockiert, das Publikum ist durch die immersive Dramaturgie überrascht und durch überspitzte Parodie amüsiert…

David begrüßt die Gäste im Foyer des Kleinen Theaters persönlich. Er will sein neues Buch „Der Super-Doktor“ vorstellen. Doch schnell wandelt sich der Vortrag in ein immersives Theater, in dem die Zuschauer Rollen übernehmen und Teil des Spiels um eine junge Familie werden, das in Rückblenden auf das vergangene Jahr erklärt, warum die Nerven blank liegen und die Ehe am Kippen ist. 

Noa Lazar-Keinans Stück kreist um überforderte Eltern

Die Eltern sind berufstätig, David vermarktet sich als Buchautor selbst und ist viel unterwegs, seine Frau Neta als Ernährungsberaterin ebenso. Wenn sich das Timing überschneidet, springen Opa und Oma ein, um auf die neunjährige Tochter Noga und den fünfjährigen Sohn Itamar aufzupassen. Doch warum hat Itamar keine Freunde, warum meidet er den Augenkontakt und warum reagiert er nicht auf Anweisungen? Die Diagnose der Psychologin enthüllt, dass Itamar ein Kind im Autismus-Spektrum ist. Die Eltern sind zunächst schockiert. Wie kann man ein Kind nach einem eineinhalbstündigen Test so diagnostizieren? „Das ist keine Hilfe, sondern eine Institution der Kindheitserniedrigung,“ tobt David. „Und wenn es doch stimmt?“, überlegt Neta. Auf jeden Fall ist es eine Lebenswende. 

Die Mutter versucht, Itamars Verhalten zu verändern, ihm mittels der „Aug-in-Aug-Methode“ Brücken zu bauen, um Kontakt aufzunehmen und sich zu integrieren. Der Vater will seinem Sohn durch sein „Super-Doktor-Kinderbuch“ helfen, sich so zu akzeptieren, wie er ist. Kein Wunder, dass es zwischen diesen beiden Erziehungsstilen zunehmend funkt und die Sicherungen durchbrennen, Neta und David immer radikaler streiten.

Regisseur Sven Hussock inszeniert „Kurzschluss“ als immersives Theater

Noa Lazar-Keinans Stück „Kurzschluss“, in Israel ein Publikumserfolg, eroberte 2024 nach der deutschen Erstaufführung in Zittau die kleinen Theaterbühnen. Die vierköpfige Familie ist überall denkbar und durch die Einbeziehung der Zuschauer, vor allem für die Mitwirkenden als Kinder, Großeltern, Psychologin und Rezeptionistin, ein besonderes Erlebnis, dramaturgisch allerdings nicht unbedingt die spannendste Lösung.

Unter der Regie von Sven Hussock kommt die Familienkonstellation nach einem etwas langatmigen Prolog im Kleinen Theater allmählich in Fahrt. David-Darsteller Daron Yates agiert nahtlos als Moderator, Kommentator und Regisseur, als Stichwortgeber und Applausanimateur bewusst hektisch. Dazwischen spielt er den verständnisvollen, gelassenen Vater, den neurotisch überängstlichen Heimwerker und übertrieben eifersüchtigen Ehemann, das pure Gegenteil seines Superhelden im Buch. Wenn auf Zuruf ein Zuschauer als Sohn immer wieder den Löffel auf den Boden wirft, eine Besucherin als Tochter stereotyp den Satz wiederholt, „Wann werdet ihr euren Sohn endlich so erziehen, dass er endlich in die Welt passt?“, entwickelt sich in leitmotivischer Wiederholung ein parodistisches Vorhersagepiel à la „Dinner-For-One“, wobei die Eltern immer hilfloser erscheinen. Sie kompensieren ihren Frust in Auszeiten mit Seitensprüngen, malträtieren sich gegenseitig mit Eifersuchtsszenen und Vorwürfen, die in klischeehafter Zuspitzung sehr hohl wirken, wenn Daron Yates sich in roter Unterhose über blauer Fahrradhose als Superman neu erfindet, sich Cornelia von Fürstenberg als ausgenutzte Frau und Mutter in der Präsidentensuite eines Top-Spot-Hotels einmietet und in der Rolle einer Femme fatale auf einer fremden Prunkhochzeit abhebt, verliert sich das Stück in klamaukigen Nebensächlichkeiten. Umso wirkungsvoller sind die Sequenzen, in denen die soziale Vorverurteilung autistischer Kinder thematisiert wird und die psychische Belastung für die Familie deutlich wird, in der sich nur noch alles um Itamar dreht. Wie Cornelia von Fürstenberg die Ängste über ihr autistisches Kind zum Ausdruck bringt, aber auch die Freude, als Itamar zum ersten Mal ohne seinen „Schutzmantel“ bei den Großeltern einschläft, berührt. 

Resümee: „Kurzschluss“ ist ein wichtiges Stück, weil es ein Tabu-Thema auf die Bühne bringt und dabei den Fokus von der Degradierung auf die Anerkennung des Andersseins richtet und Verhaltensänderungen als trainierbar erlebbar macht. Bei den Theaterbesuchern kommt das Stück bestens an. „Super!“ „Mal ganz was anderes“. In einer traditionellen Inszenierung ohne immersiven Klimbim könnte die Spannbreite zwischen Problemen und Qualitäten allerdings noch viel besser herausgearbeitet werden. 

Künstlerisches Team: Sven Hussock (Regie), Irina Kollek (Kostüme), Matthias Ernst, Erika Höcht, Josef Samweber, Julian Wiese (Licht, Technik), Dramaturgie (Dorothea Streng-Hussock)

Mit: Cornelia von Fürstenberg, Daron Yates,

Spieldauer: 90 Minuten ohne Pause