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Musicalkritik – „Titanic“-Musical in Miesbach – inszeniert vom Freien Landestheater Bayern – Premiere 14.03.2026 

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Musicalkritik – „Titanic“-Musical in Miesbach – inszeniert vom Freien Landestheater Bayern – Premiere 14.03.2026 

©Freies Landestheater Bayern

Mit Standing Ovations wurde dieses Jahr die Musicalpremiere „Titanic“ vom Freien Landestheater Bayern im ausverkauften Waitzinger Keller in Miesbach gefeiert. Im Gegensatz zum Film wird die Geschichte nicht als historische Konstruktion, sondern durch das ungewöhnliche Bühnenbild aus der Distanz der Erinnerung. Vor einem Wrack umgeben…

von Leichen, untermalt mit von heroischer Musik assoziiert man die Einweihung der „Titanic“, wie man sie James Camerons Film (1997 kennt, der mit elf Oscars ausgezeichnet wurde. Wie Geister werden die Toten wieder zu Passagieren und Mitgliedern der Schiffsmannschaft. 

Aus dieser Erinnerungsperspektive entwickelt Regisseurin Julia Dippel das Geschehen auf der Titanic sehr emotional, von der euphorischen Stimmung bei der Begrüßung der Passagiere bis zum Untergang der Titanic 1912, auf der Basis von Peter Stones und Maury Yestons geschriebenen Musicalversion, die 1997 bei den Tony Awards in fünf Kategorien ausgezeichnet wurde.

Das Freie Landestheater Bayern – einzigartig in Bayern

Wie stark die Titanic-Story immer noch beim Publikum ankommt, zeigt die Premiere des Freien Landestheaters Bayern. 1981 gegründet, um große Musiktheaterproduktionen auch in kleineren Städten erlebbar zu machen, blickt das FLTB mit eigenem Orchester und Chor selbst auf eine außergewöhnliche Erfolgsstory mit mehreren Produktionen und bis zu 100 Vorstellungen pro Spielsaison. Man muss schnell sein, um eine Theaterkarte zu ergattern. Die Premiere in Miesbach war im Nu ausverkauft.

Julia Dippels Inszenierung – ein Mosaik von Lebensgeschichten

Die Titanic-Story eignet sich für Freie Landestheater ganz besonders, weil sie nicht wie im Film auf ein Liebespaar fokussiert, sondern ganz viele verschiedene Menschen ins Rampenlicht stellt. Maury Yestons Musik gibt Raum für klassische und moderne Gesangsstimmen. Der orchestrale Sound dynamisiert das bürgerliche Spiel und macht die nervliche Anspannung und die Havarie hörbar. 

Das flexible Bühnenbild ermöglicht schnelle Übergänge zwischen ganz unterschiedlichen Örtlichkeiten, zwischen chorischen Massenszenen und intimen Gesprächen. Zwei Treppen verwandeln das Wrack in Kommandobrücke, Ballsaal und Reling. Im schnellen Wechsel intimer Lichtspots werden die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen erster, zweiter und dritter Klasse deutlich, über die Klassen hinweg der Glaube an die Liebe und ein besseres Leben, aber auch die Ressentiments gegen den technischen Fortschritt. 

Es sind Geschichten von Ehrgeizigen, Verliebten und Zerstrittenen, von Gaunern und moralisch integren Menschen. Die Szenerie wechselt zwischen Amüsement und harter Realität, zwischen prunkvollem Dinnerball mit tänzerischer Einlage, den kontroversen Diskussionen auf der Kommandobrücke und den harten Jobs der Heizer. Hymnische Choreinlagen und rezitative Soli werden vom Live-Orchester atmosphärisch begleitet, zuweilen aber auch etwas stark überdeckt, was allerdings auch der Raumakustik und dem jeweiligen Sitzplatz im Waitzinger Keller geschuldet ist. 

In den aufwändigen Kostümen der Upper-Class wird das historische Kolorit der Reise der Titanic lebendig. Dazu passt der großbürgerliche Erzählstil. Durch selbstbewusste Frauen leuchtet feministische Emanzipation auf. Alice will „mehr vom Leben“. Wie gefährlich das oft zitierte „wir leben in einer anderen Zeit“ ist, zeigt die Havarie.

Freies Landestheater Bayern – Wer trägt die Schuld?

Der Untergang liegt allerdings nicht an der Technik, sondern an der Rekordsucht von Sir J. Bruce Ismay, der ranghöchsten Führungskraft der White-Star-Line. Noch schneller sollte die Titanic einen 6-Tage-Transfer von Europa in die USA sichern, wodurch der Kapitän gezwungen wurde, nicht nur auf Höchsttouren zu fahren, was bei einer Jungfernfahrt nicht üblich ist, sondern auch noch eine nördlichere Route zu nehmen, was dann zur Havarie mit einem Eisberg führte, bühnentechnisch und musikalisch großartig umgesetzt durch einen weißen Querriss im Wrack und ohrenbetäubender Geräuschkulisse. 

Nach der Pause bleibt die Szenerie dunkel. Die Musik hämmert eindringlich. Die Besatzung sieht sich mit den schrecklichen Auswirkungen der Havarie konfrontiert und der Tatsache, dass statt 54 Rettungsbooten nur 20 vorhanden sind. Die dritte Klasse eingepfercht unter Deck hat keine Chance auf Rettung. Dafür sitzt Sir Bruce Ismay unter den Frauen und Kindern der ersten Klasse in einem Rettungsboot. Ida Straus verzichtet auf ihre Rettung und bleibt mit ihrem Mann an Bord. Sie gehen lieber unter als sich zu trennen. Der Kellner serviert ihnen die letzte Flasche eines wertvollen Champagners, bevor das Schiff untergeht. Wie ein Geisterchor formiert sich noch einmal das gesamte Ensemble mit Fotografien der Überlebenden. 

Resümee: Mit dieser zweieinhalbstündigen, sehr spannenden und überaus engagiert gespielten Titanic“-Inszenierung bringt das Freie Landestheater Bayern ein Musical für die ganze Familie in kleine Städte. Aus der Erinnerung wird die Havarie der Titanic traditionell erzählt. Sehr innovativ sind Bühnenbild und Musik. Das tänzerische Moment bleibt allerdings stark im Hintergrund. Als Impuls, wie wichtig ein adäquater Umgang mit moderner Technik und menschliche Bindungen sind, gewinnt die Titanic im Zeitalter der Digitalisierung an Aktualität. 

Künstlerisches Team:Regie:Julia Dippel

Musikalische Leitung:Stefan Delanoff

ChoreografieAnja Straubhaar

BühneClaudia Weinhart Anne Hebbeker

LichtdesignStefan Vogel 

KostümeAnne Hebbeker 
Weitere Aufführungen20.03.26Germering

23.10.Bürgerhaus Karlsfeld