©Renaissance-Theater Berlin, Foto: Mirjam Knickriem
Moritz Rinkes Komödie „Sophia oder das Ende der Humanisten“ entpuppt sich bei der deutschen Erstaufführung im Renaissance-Theater Berlin als amüsanter Beitrag zur KI-Debatte. Das Publikum war begeistert und gleichsam betroffen. Wie wäre es, wenn man mit einer KI…
statt mit einem Menschen zusammenleben würde? Was passiert, wenn KI auf den Fehlern von Menschen aufbaut?
Wolfgang Bergmann (Joachim Kröl), Geisteswissenschaftler der Alten Geschichte, wurde von seiner Frau verlassen. Jetzt lebt er mit einer jüngeren zusammen. Zu seinem 60. Geburtstag besucht ihn seine erwachsene Tochter Helena (Christin Nichols) mit ihrem türkischen Freund Jonas (Tanju Bilir). Eine Überraschung jagt die andere. Die Altbauwohnung des Vaters ist vollkommen leer. Nur die gigantischen Bücherregale sind bei offenen Türen in den anderen Räumen zu sehen.
Renaissance-Theater Berlin – Leben mit einer KI-Version der Ehefrau
Die Mutter kommt nicht, dafür die neue Freundin als deren Roboterversion in jungen Jahren, einprogrammiert nach den Vorstellungen des alten Professors. Sophia sieht fantastisch aus, weiß alles, ist immer freundlich, macht alles perfekt nach dem Motto – „Ich bin, was du willst, dass ich bin.“ Bergmann ist glücklich, wie ausgetauscht.
Theaterkritik: Katharine Mehrling brilliert als KI Sophia im Renaissance-Theater Berlin
Katharine Mehrlings „mechanisches“ Spiel als Sophia wird zum schauspielerischen Faszinosum des Abends. Bewegungstechnisch wie eine Playmobilfigur, rhetorisch wie aus der Pistole geschossen sorgt sie am laufenden Band für Irritationen. Mit ihrem steten Lächeln und durch ihre gleichbleibend freundliche Ansprache kontrastiert sie zunächst die menschlichen Defizite von Vater und Tochter. Im Verlauf des Abends entwickelt sie noch ganz andere Facetten.
In Rinkes Text vertritt jede Person eine andere Haltung gegenüber der KI. Der weltfremde, sture Professor verwandelt sich plötzlich in einen KI-Fan. Er ist fasziniert von Sophias Wissen. Endlich hat er eine Frau auf Augenhöhe. Warum soll er die Grobschlächtigkeit der Menschen aushalten, wenn er eine Frau ganz nach seinen Wünschen haben kann?
Die Einwände der Tochter über die Dominanz der Männer und den Verlust von Familienbindungen ignoriert er. Ihre Ablehnung wandelt sich in Entsetzen, als Sophia ihre Follower-Manipulationen als Onlline-Life-Coachin offenbart.
Renaissance-Theater Berlin – wenn KI Sophia außer Kontrolle gerät
Jonas mit abgebrochenem IT-Studium wird zum Abziehbild menschlicher Hybris, als er Sophia nach seinen Vorstellungen noch einige weibliche Eigenschaften einprogrammiert. Sophia als ständig lernende KI wandelt sich noch einen Schritt weiter in eine überaus erotische, konsumsüchtige und selbstständig handelnde Lady. Ist Sophia überhaupt noch ein Roboter oder schon ein Mensch? Welche ethischen Normen werden der KI einprogrammiert? Lernen wir von KI wieder einen freundlichen Umgangston? Inwiefern verändern sich die Werte des Humanismus? Sophia selbst bringt es auf den Punkt. „Ihr habt nie verstanden, was ihr geschaffen habt.“ Die Situation eskaliert, auch bühnentechnisch ein Ereignis (Bühne Momme Röhrbein, Kostüme; Ariane Warns).
Resümee: Man kennt die Argumente über Pro und Contra von KI, aber wie Moritz Rinke sie verbalisiert, dramaturgisch verknüpft und thematisch erweitert, wie das Schauspielquartett, insbesondere Katharine Mehrling unter der Regie von Guntbert Warns, den Text umsetzt, ist nicht nur spritzige Komödie, sondern existentiell hinterfragendes Theater der Gegenwart. KI als Spiegelbild einer zunehmend degenerierten Menschheit macht einmal mehr bewusst, welche Konsequenzen sich aus der Digitalisierung des Lebens und des Verlusts der humanitären Werte ergeben. Besser wäre es, die Menschen programmierten sich selbst wieder mehr auf ein analogeres werteorientes Leben um.
Rinkes „Sophia oder das Ende der Humanisten“ wird nach dieser gelungenen deutschen Erstaufführung sicher ein Renner auf deutschen Bühnen werden.
Bis 28. Mai ist „Sophia oder das Ende der Humanisten“ noch im Renaissance-Theater Berlin zu sehen.
Tipp: Zur Thematik, mit einem Roboter zu leben, gelang Regisseurin Maria Schrader bereits 2021 der hervorragende Film „Ich bin dein Mensch“ (www.schabel-kultur-blog.de).










