"Kultur macht glücklich"


Landshut – Calderóns „Das Leben ein Traum“ – großartig von Peter Oberdorf inszeniert

Veröffentlicht am:

von

Landshut – Calderóns „Das Leben ein Traum“ – großartig von Peter Oberdorf inszeniert

©Landestheater Niederbayern, Foto: Peter Litvai

Hoch oben Geschrei und Gejammer von der linken Bühnenrampe aus. Rosaura bedauert ihr Schicksal, Clarin, ihr Diener, das seine. Verkleidet als Mann will sie…

zum Hof des Königs, um Hilfe zu finden. Sie klettert hinunter, läuft Richtung Bühne, der Diener hinterdrein, will „mitspielen“ auf der Suche nach Hoffnung. Durch Videoprojektionen, gezirkelte Schauspielkunst im Stil der Commedia dell’Arte, durch phantastische Kostüme und wuchtigen Soundtrack verwandelt Regisseur Peter Oberdorf Calderóns Meisterwerk in ein surreal existenzialistisches Traumspiel mit überaus poetischen Momenten. 

In einer Kristallkugel vor kosmisch schwarzem Hintergrund gefangen sucht ein nackter Mann vergeblich zu entkommen. Durch einen eingeblendeten Weg verfolgen die Zuschauer voyeuristisch die Szenerie.

Es ist Sigismund, dessen Schicksal noch viel schlimmer ist. Weil dem neugeborenen Königssohn eine Zukunft als grausamer Herrscher prophezeit wurde, ließ ihn der König abseits im Kerker aufwachsen. Jetzt ist der König alt, und gibt ihm die Chance, sich als guter Herrscher zu beweisen. Wenn ihm dies nicht gelingt, was tatsächlich der Fall ist, weil Sigismund seine erlittenen Aggressionen an anderen auslebt, soll es nur ein Traum gewesen sein. Doch die politische Zeitenwende fordert einen neuen König. Sigismund bekommt eine zweite Chance.

1635 schrieb der spanische Hofdramatiker Pedro Calderón de la Barca (1600 – 1681) „Das Leben ein Traum“, sein berühmtestes Stück, das in Deutschland erst die Romantiker übersetzten und als Inspirationsquelle entdeckten. Es ist ein Bühnengleichnis für eine religiös-philosophische Auseinandersetzung, wie man nach christlichen Wertvorstellungen leben, Schuld erkennen und verzeihen kann. Das klingt nach schwerer Kost, ist es aber nicht. 

Unter Oberdorfs Regie gelingt eine ästhetisch faszinierende, herrlich burlesk gespielte Inszenierung, in der jeder Schauspieler in seiner typisierten Rolle brilliert und das witzig ausgestellte Spiel ganz in seinen Bann zieht. Mit herzerfrischendem Witz überrascht Stefan Sieh als Diener. Friederike Baldin als polnische Prinzessin und Paul Behrens als Herzog von Moskau ironisieren aristokratische Noblesse. Reinhard Peer darf als Erzieher Sigismunds immer reflektierter agieren. Joachim Vollrath gibt dem König eine gelassene  Aura und eindringliche Stimme. Katharina Schmirl brilliert als beherzt unerschrockene Rosaura. Haute-Couture-mäßig gestylt wie die polnische Prinzessin bilden beide Schauspielerinnen, wie verführerisch eingewickelte Pralinen, farbleuchtende Akzente. Julian Ricker lässt in Sigismunds Seele blicken, in dessen Leid,  Frustrationen und Aggressionen, Wut und Einsicht.

Sehr klar statt in Versen in prosahafter Form artikuliert, rhythmisch betont, parodistisch überzogen verliert die Sprache ihr ursprüngliches Pathos und durch Oberdorfs Strichfassung rückt der Diskurs um Traum und Wirklichkeit in den Mittelpunkt. Gleichzeitig werden über Calderóns Text hinaus heutige Traumwelten durch den Kontrast von vergoldeten Wolkenkratzern, digitalen Zahlenreihen und atmosphärischen Lupinenfeldern kritisch hinterfragt.  

Regisseur Oberdorf toppt sich selbst. Wie gut er Regie führt, bewies er jahrelang bei seinen Inszenierungen des Jugendspielclubs und in Produktionen auf der Studiobühne. Der „Urfaust“ (2021) ist immer noch im Gedächtnis. Jetzt gelingt ihm mit Calderóns „Das Leben ein Traum“ eine cinematografische Inszenierung, die zwischen Existenzialismus, Burleske und Poesie oszilliert und das Leben als Schatten, Illusion und sehnsuchtsvollen Traum infrage stellt. Wer Theater liebt, sollte sich diese Ausnahmeinszenierung im Landestheater Niederbayern nicht entgehen lassen.