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Jette Steckels „Meister und Margarita“ in den Kammerspielen München – ein Volltreffer nach dem Kultroman von Michail Bulgakow – Premiere am 06.06.26 – Theaterkritik

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Jette Steckels „Meister und Margarita“ in den Kammerspielen München – ein Volltreffer nach dem Kultroman von Michail Bulgakow – Premiere am 06.06.26 – Theaterkritik

© Kammerspiele München, Foto: Armin Smailovic

Michail Bulgakows satirischen Kultroman „Meister und Margarita“ (1930) verwandelt Regisseurin Jette Steckel in ein ebenso magisch groteskes Theaterspektakel in den Münchner Kammerspielen. Grell blendet…

das Morgenlicht die Zuschauer. Düster leuchten allegorische Szenen, in denen Michail Bulgakows die Willkür des sowjetischen atheistischen Systems und seinen Überwachungspraktiken parodiert. „Meister und Margarita“, der „russische Faust“ (1930), wurde vor seinem Erscheinen verboten und Bulgakow damit zum Verstummen gebracht. Als der Roman 1966 erschien, avancierte er als „russischer Faust“ zum Kultroman. 

Bulgakows Methode, sich durch die Kunst zu befreien, fasziniert Jette Steckel. Für sie ist „Meister und Margarita“ eine „Art Waffe gegen jede Form der Unterdrückung“. Dieses Statement im Programmheft löst sie in ihrer Inszenierung grandios ein. 

Jette Steckels Inszenierung an den Münchner Kammerspielen

„Glauben Sie wenigstens an den Teufel?“ Entlang dieser leitmotivischen Frage entwickelt Jette Steckel ein Feuerwerk theatraler Szenen: klassischer Pathetik, realistische Proben- und skurrile Filmszenen und als Höhepunkt eine immersive Hypnosesequenz. 

Durch diese methodische Klarheit strukturiert und verdichtet sie sehr gekonnt die drei Erzählstränge der komplexen literarischen Vorlage. 

Bulgakows Kultroman auf der Bühne der Münchner Kammerspiele

Die Geschichte vom Meister offeriert autobiografisch Bulgakows schwierigen Status als Schriftsteller im bürokratischen Überwachungsstaat der Sowjetunion. Sein Roman „Pontius Pilatus“, eine satirische Allegorie auf Stalins Atheismus und den dialektischen Materialismus, ist viel zu kritisch und wird verboten. Zentrum der Spielhandlung ist das Erscheinen Wolands, eines Doktors der Magie, durch einen eleganten Anzug und pomadisierte Haartracht sofort als Teufel sichtbar, von Wiebke Puls smart, gelassen, souverän, mit hypnotischer Präsenz hervorragend gespielt. Mit seinen beiden Gesellen sorgt Woland spielerisch, aber auch rhetorisch für groteske Überraschungen, um zu beweisen, dass das Böse im Grunde nur dazu dient, das Gute zu zeigen und „die Feigheit die größte Sünde der Menschen“ ist. 

Für Steckels Inszenierung eine Bühne aus Kettenschnüren

Für diese szenische Komplexität entwickelt Florian Lösche ein raffiniertes Bühnenbild. Vorhänge aus Kettenschnüren schaffen schnell veränderbare Räumlichkeiten, die durch Maximilian Krausmüllers atmosphärische Lichtregie und Mark Bardurs schabend experimentellen Sound zwischen Intimität, greller Groteske und realistischen Brüchen chargieren.

Steckel beginnt nicht mit dem Meister und Margarita, dem Schriftsteller und dessen verheirateten Geliebten, sondern mit dessen Roman, an dem er gerade schreibt. 

 „Pontius Pilatus“, Symbolfigur für Stalin thront hoch oben auf der Rampe, von wo aus er mit Blick nach unten Jeschua, hebräisch für Jesus, wegen angeblicher Volksaufwiegelung foltern lässt und zum Tode verurteilt. Beide im Lichtkegel in krasser Fallhöhe positioniert gelingt eine klassisch pathetische Theaterszene über die uralte Geschichte „Macht ist Gewalt gegen die Menschen“, ausdrucksstark von Edmund Telgenkämper und Erwin Aljukić gespielt. Mitnichten. Der Regisseur unterbricht die Szene brachial aus dem Zuschauerraum. „Stopp! Das geht so nicht!“ Das Saallicht geht an. Das Stück wird abgesetzt, ein szenischer Kniff, den man bereits von Steckels „Mephisto“ kennt. Der Meister ist völlig konfus, weil sein Stück in Ungnade gefallen ist.

Wiebke Puls als Woland

Just in dem Moment erscheint Woland, der Teufel mit zwei Gehilfen. Christian Löber als Fagott, im schachbrettgemusterten Anzug wie eine personifizierte Spielkarte, parodiert seine eigenen Kunststücke. Elias Krischke als riesengroße Katze versetzt alle in Schrecken, obwohl sie eigentlich ganz verschmust ist. Woland prophezeit den Tod des Intendanten. Der rennt aus den Kammerspielen hinaus, verfolgt von Begemot – und wird von einer Straßenbahn überfahren. Eine herrlich groteske Szene.,von der Live-Kamera witzig eingefangen wie später Margaritas Verwandlung zur Hexe im Hotel Vier Jahreszeiten. Nackt rennt sie mit dem Hexenbesen vorbei an erstaunten Hotelgästen und Passanten zu Wolands Party in die Kammerspiele zurück. Dort landet sie im Feuerkreis. Es regnet Geldscheine einer Phantasiewährung und Woland lädt das gesamte Publikum zu Hypnose-Übungen ein. Ein Zuschauer, wohl davor ausgewählt, wird in Trance versetzt, wobei sich der Teufel beweist, quod erat demonstrandum. „Alles, was man sich vorstellt, wird Teil der Realität.“ Gleichzeitig konterkariert Woland sich selbst als die Kraft, die Böses will, doch Gutes schafft.“ 

Der Meister ist in der Zwischenzeit im Irrenhaus gelandet. Dessen ungeachtet bleibt ihm Margarita in ihrer Liebe treu und der Optimismus behält die Oberhand. „Ein Mann, der nach Geld giert, fängt an sich über sein eigenes Ego hinwegzusetzen.“ Im Gegensatz zu Pontius Pilatus, der in Rodins Denker-Haltung vereinsamt auf seinem Podest verharrt, weil er das größte Laster, die Feigheit, nicht besiegen konnte. 

Jette Steckel ist mit „Meister und Margarita“ wieder ein Volltreffer gelungen – getragen von einem außergewöhnlich heterogenen und spielfreudigen Ensemble, allen voran Wiebke Puls als charismatischer und sympathischer Teufel, zauberhaft Linda Pöppel als Margarita, eine wunderbare Mädchenfrau, die mutig ihrer Intuition vertraut. Thomas Schmauser enthüllt die Falltiefe des Meisters bis in den Irrsinn. Christian Löber sorgt als Fagott immer wieder für witzige Überraschungen. Elias Krischke verwandelt das schreckliche Katzenmonster in ein Riesenkuschelformat. Edmund Telgenkämper entdeckt hinter Pontius Pilatus grausamen Entscheidungen nachdenkliche Facetten und Erwin Aljukić als Jeschua fokussiert nicht auf Jesus, den Heilsbringer, sondern auf den unschuldig denunzierten Bürger. 

Wer komplexes Theater liebt, wird von „Meister und Margarita“ begeistert sein. Eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 2027 wäre denkbar.

Künstlerisches Team:RegieJette Steckel
BühneFlorian Lösche
KostümePauline Hühners
MusikMark Badur
VideoZaza Rusadze
ChoreografieDustin Klein
LichtdesignMaximilian Krausmüller
TextfassungEmilia Heinrich, Jette Steckel
DramaturgieJulia Lochte, Emilia Heinrich
Mit:JeschuaDr. Strawinski, Rimski Erwin Alukić
BegemotElias Krischke
Fagott, QuaifasChristian Löber
Margarita, Levi MatthäusLinda Pöppel
WolandWiebke Puls
Meister, Michael BulgakowThomas Schmauser
Pontius Pilatus, Lichodejew, Schwester Praskowia Edmund Telgenkämper
Berlioz, Bossi, AfraniusMartin Weigel