©Theater an der Rott, Foto: Sebastian C. Hoffmann
Das Theater an der Rott wagt erfolgreich die Inszenierung von Jean- Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“
Eine schräg gestellte Kreisfläche signalisiert die Schieflage, ein dreiteiliges Geländer das Eingeengtsein. Die Bronzeskulptur, kopfüber darüber schwebend, symbolisiert…
die Außenperspektive, an der sich die Protagonisten orientieren. Mit diesem spannenden Bühnenbild gelingt Ausstatterin Maria Färber eine gekonnte Parabel für Sartres „Geschlossene Gesellschaft“.
1944 in Paris uraufgeführt avancierte das Stück zum existenziellen Theaterstück schlechthin. „Die Hölle, das sind immer die anderen.“ Über 80 Jahre später hat diese These nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt.
Regisseur Yunus Wieacker balanciert geschickt zwischen zeitloser Reduktion und aktuellen Anspielungen auf soziale Netzwerke. Stilisierte Positionswechsel und bewegungslose, verdunkelte Momente enthüllen unterhaltsam und spannend die verlogene Selbstdarstellung vor dem Hintergrund ernüchternder Realitäten.
In Sartres Stück begrüßt nicht ein Folterknecht, sondern ein Kellner. Norman Stehr, unnahbar süffisant, mit charismatisch eleganter Aura, empfängt die ahnungslosen Toten nacheinander in der Hölle wie bei einem offiziellen Sektempfang, zunächst den Journalisten Garcin, der sich als Held der Freiheit präsentiert, dann die reiche, statusbewusste Estelle, nur mit ihrer Schönheit beschäftigt und die intellektuelle Postbeamtin Inès, die mit feministischem Selbstbewusstsein die Selbstdarstellung der anderen gnadenlos torpediert. Warum sind diese an sich sehr sympathischen, in dieser Inszenierung jungen Menschen schon tot? Und warum sind sie in der Hölle gelandet?
Regisseur Wieacker fokussiert auf die glatten Oberflächen, selbst als sie ihre wahren tragischen Todesursachen gestehen, bleiben sie smarte Rollenträger. Laura Maria Puscheck-Méndez interpretiert Estelle als harmlose Mädchenfrau, die ständig lächelt, ständig mit ihrem Aussehen beschäftigt ist und ihre Identität nur über ihr Spiegelbild fühlen kann. Sie lächelt sich durch die Inszenierung, ohne die Tragweite der Ermordung ihres Kindes zu erfassen. Das gilt auch für Garcin, der seine Frau so misshandelte, dass sie sich umbrachte. Eduard Zhukov gibt ihm eine gewisse Nachdenklichkeit, wodurch der Gedanke an das existenzielle Nichts spürbar wird, das sich in den rhythmisch wiederkehrenden Sequenzen roter Lichtstimmungen und durch sphärisch-psychedelische Musik als Hölle offeriert. Marsha Maria Miessner chargiert als Inès zwischen lesbischer Begier, sozialer Geringschätzung und gnadenloser intellektueller Analyse, wobei sich die gegenseitige Abhängigkeit auf beiden Ebenen abzeichnet, im zwischenmenschlichen Nahbereich genauso wie durch die gesellschaftlichen Rollenzwänge. „Die Hölle, das sind die anderen.“
Damit die existenzielle Schwere nicht zu sehr bedrückt, steigert Wieacker das dramaturgische Tempo und kristallisiert in Kooperation mit Maria Färber in dieser sehr gefälligen Inszenierung emotionale und witzig parodistische Momente heraus. Mit unschuldig weißen Luftballons kommen die Frauen an. Später spielen rote Luftballonherzen auf mediales Liken an. Der Kellner als Weihnachtsmann überbringt Päckchen. Das Auspacken in Babuschka-Manier offeriert immer wieder nur ein kleineresPäckchen als gekonnte Parabel dafür, dass diese drei Menschen sich einfach nicht zu ihrer Schuld bekennen wollen. Doch es wird ihnen bewusst, wie sie als geschlossene Gesellschaft abhängig voneinander sind. Statt sich zu helfen, agieren sie gegenseitig als Folterknechte. Sie können sich nicht einmal töten, weil sie schon tot sind. „Die Hölle, das sind die anderen.“ Es bleibt, wie es ist, bei all den Rollenverkrustungen. „Also machen wir weiter“, konstatiert Garcin final. Beim Publikum kommt die Inszenierung bestens an.
Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ ist im Theater an der Rott noch bis Ende Februar zu sehen.
Künstlerisches Team: Yunus Wieacker (Regie), Maria Färber (Ausstattung), Barbara Fischbacher (Ausstattungsassistenz, Anfertigung der Bronzefigur), Aurelia Breyer (Regieassistenz, Abendspielleitung), Jakob Görris (Musik) Georg Ochsenbauer (Licht, Ton)












