©Schaubühne, Foto: Gianmarco Bresadola
Die Drehbühne kreist von Backstage über die Maske ins Hotelzimmer zur Probe auf der Bühne. Mit jeder Drehung erweitert…
sich das Theaterteam. Die menschlichen Beziehungen sind allesamt überaus fragil, schon zerbrochen oder gerade im Zerbrechen. Umso deutlicher wird die Sehnsucht nach Geborgenheit und Schutz, zumal die Weltsituation immer desaströser ist.
Die Autorin lässt das Weltgeschehen außen vor. Sie bagatellisiert brutale Kriegsszenarien, die ihre Freundin auf Instagram miterlebt, als mediale Übertreibungen. In ihrem neuen Theaterstück fokussiert sie auf die Problematik der alternden Theaterdiva Hannah Zabrisky, die ihr verkorkstes Privatleben mit einem jüngeren Liebhaber zu übertünchen versucht und sich inzwischen mit Engagements in der Provinz begnügen muss. Die Szene mit dem Ex-Mann wird zum Wendepunkt. Der Regisseur verlangt Bühnenrealismus. „Die Ohrfeige muss für das Publikum erlebbar sein.“ Der Aggressionspegel steigt, noch stärker die psychische Erniedrigung. Hannah Zabrisky will nicht auftreten, nicht die Rolle spielen, in der sie selbst steckt. Sie will ein neues Rollenprofil, das ihr Perspektive bietet. Doch Autorin und Regisseur verfolgen stur ihr Konzept.
Beeindruckend spielt Jule Böwe diese Diva mit heiserer Stimme und kindlicher Verletzbarkeit wie in einem narkotischen Schwebezustand. Alle zerren an ihr und entblößen sich selbst als egozentrische Chaotiker:innen, die nur ihre persönliche Perspektive gelten lassen. Was vermag Kunst in Zeiten demokratischen Untergangs? Falk Richters neues Stück lässt die Grenzen zwischen Bühnenfiktion und künstlerischem Alltag verschwimmen. Das Problem mit dem Älterwerden und die Frage, wer letztendlich wen liebt, betrifft alle und gibt eine komödiantische Steilvorgabe. Aber auch die bedeutsamere Ebene, Kunst als Katharsis persönlicher Problematiken, funktioniert nicht, ebensowenig wie das Gegenteil, die Bühne als Vehikel politischer Agitation. Als Zabrisky spontan ihre Rolle durch einen politischen Monolog zur Weltlage vor der Pause durchbricht, jubelt zwar ein Teil des fiktiven Publikums, aber 50 Besucher:innen verlassen irritiert das Theater, wie die Freundin des Regisseurs sarkastisch berichtet und mit einem Zuschauerzitat, „was das alles soll“, belegt.
Eine berechtigte Frage in diesen unberechenbaren Zeiten. Aus dieser Perspektive betrachtet, wandelt sich die vom Ensemble witzig, pointiert gespielte Komödie Backstage in ein ratloses Drama Front of House. Das ist ein erfrischend kurzweiliger und trotzdem intensiver Theaterabend.
Künstlerisches Team: Falk Richter (Text, Regie), Nina Wetzel (Bühne), Andy Besuch (Kostüme), Daniel Freitag (Musik), Chris Kondek (Videos), Erich Schneider (Licht), Nils Haarmann (Dramaturgie)
Mit: Damir Avić, Jule Böwe, Ruth Rosenfeld, Renato Schuch, Kay Bartholomäus Schulze, Alina Vimbai Strähler, Pia Amofa-Antwi
Falk Richter wurde 1969 in Hamburg geboren und arbeitete viele Jahre lang als Autor und Regisseur an der Schaubühne. Seitdem inszenierte er an zahlreichen deutschsprachigen und internationalen Theatern und wurde 2018 für seine Inszenierung „Am Königsweg“ zum Regisseur des Jahres von „Theater heute“ gewählt. „The Silence“ wurde 2024 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.












