©kleines Theater Kammerspiele Landshut, Foto: Stefan Klein
Über „Das Tagebuch der Anne Frank“ rückt im kleinen Theater Kammerspiele Landshut der Holocaust wieder ins Bewusstsein. Mit einer überaus einfühlsamen szenische Lesung bringt Katharina von Harsdorf bei der Premiere in Landshut die leidvolle Geschichte der Anne Frank auf die Bühne des kleinen Theaters Kammerspiele Landshut. Sie liest nicht nur „Das Tagebuch der Anne Frank“ vor,…
sondern schlüpft in die Rolle des 13-jährigen jüdischen Mädchens, das kurz nach ihrem 15. Geburtstag zusammen mit den anderen versteckten Juden festgenommen wurde.
Zum ersten Mal ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ in der Übersetzung der Autorin Mirjam Pressler auf der Bühne zu sehen. Unter der Regie von Odile Simon verwandelt sich Katharina von Harsdorf in Anne Frank.
Bühne: zwischen bürgerlicher Behaglichkeit und Holocaust
Ein orientalischer Teppich, ein brauner Tisch und ein Stuhl genügen, um die bürgerliche Behaglichkeit, in die Anne Frank hineingeboren wurde, zu vermitteln. Umrahmt auf beiden Seiten von transparenten Vorhängen machen projizierte Fotografien Anne Franks soziales Umfeld lebendig. Dazwischen verweisen Holzlatten und Steine auf den künftigen Weg in den Untergang, auf die Judentransporte Richtung Vernichtungslager.
„Das Tagebuch der Anne Frank“ über zwei Jahre hinweg
Vom 12. Juni 1942 bis zum 1. August 1944 schreibt Anne Frank ihre Erlebnisse, Beobachtungen und Gefühle auf, zuerst in der elterlichen Wohnung, dann vor der deutschen Gestapo versteckt im Hinterhaus des Gebäudes Prinsengracht 263, dem heutigen Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Ihrem Tagebuch vertraute Anne ihre innersten Gedanken an. Sie nannte es Kitty, weil sie zwar viele Verehrer, aber keine richtige Freundin hatte. Regisseurin Odile Simon reduziert das Tagebuch, fokussiert auf die Sehnsüchte und Bedürfnisse eines jungen Mädchens, das sich seiner Wirkung auf Jungs durchaus bewusst ist, weiß, was sie werden will, eine Journalistin und die Liebe als Gegenmittel zur Hoffnungslosigkeit erkennt.
„Das Tagebuch der Anne Frank“ als lose Blätter
Katharina von Harsdorf liest diese persönlichen Aufzeichnungen von Blättern ab, eine historische Anspielung. Bei der Verhaftung verstreute der Sicherheitsdienst-Beamte die Blätter von Annes Aufzeichnungen, die Miep Gies, die den Versteckten immer half einsammelte. Die Blätter unterstreichen den authentischen Charakter auf der Bühne.
Katharina von Harsdorf überzeugt als Anne Frank
Mit großer Empathie kristallisiert Katharina von Harsdorf Anne Franks klaren analytischen Blick auf ihr soziales Umfeld und ihre persönliche Entwicklung heraus, die Liebe zum Vater, die Entfremdung von der Mutter, die Distanzierung von den Eltern und Mitbewohner:innen des Hinterhauses, die zunehmende wirtschaftliche und politische Unsicherheit.
In verschiedenen Tonlagen karikiert sie die Zumutungen der Mitbewohner:innen im Hinterhaus, die immer schlechtere Essenversorgung, die Liebe zu Peter als poetischer Versuch, diese Zeit zu überstehen und das zu erleben, wovon Mädchen in diesem Alter träumen.
Inszenierung: Pausen als Stilmittel
14 Tage kein Licht – Pause, Dunkelheit auf der Bühne. Bombenalarm – ohne Luftschutzbunker – Pause. Polizeirazzia im Hinterhaus – Pause. „Kein Vogel singt.“ Die Stille entwickelt Kraft.
Immer wieder lässt Katharina von Harsdorf Anne Franks Sehnsucht nach Freiheit aufleuchten. Sie macht deutlich, wie wichtig das Lernen ist, um sich abzulenken, wie wichtig die Beziehung zu Peter ist, um optimistisch zu bleiben. Sie lässt die Einsichten Anne Franks markant im Raum schweben. „Liebe bedeutet jemanden zu verstehen, von dem verstanden wird, den man nicht mit anderen teilen muss.“ Ganz leise Klaviertöne untermalen die Gedanken an Peter. „Wer glücklich ist, wird andere glücklich machen“.
Szenische Lesung: Fokus auf das Mädchen Anne Frank
Unter der Regie Odile Simon fokussiert Katharina von Harsdorf auf den das Mädchen Anne Frank, das knallhart ihr Umfeld analysiert und gleichzeitig einen poetischen Optimismus entwickelt. Immer wieder steht sie kurz auf, umkreist Tisch und Stuhl, setzt sich auf eine Holztreppe, Symbol für den Dachboden mit Blick auf den Himmel. Je schlimmer die Lage wird, desto stärker arbeitet sie Anne Franks Überlebenswillen heraus. Sie „will fortleben nach ihrem Tod“ durch ihre Texte. Das ist Anne Frank gelungen.
Kleines Theater Landshut – filmischer Nachspann
Wie im Kino verweist der Abspann auf die Auslöschung der Menschen im Hinterhaus. Nur Anne Franks Vater überlebte den Holocaust. In den 1950er Jahren veröffentlichte er „Das Tagebuch der Anne Frank“. Es wurde das meistverkaufte Taschenbuch und meistaufgeführte Bühnenstück, in 70 Sprachen übersetzt und 2009 zum UNESCO-Weltdokument-Erbe aufgenommen.
Resümee:
Egal ob man das „Tagebuch der Anne Frank“ kennt oder nicht. Diese szenische Lesung zu sehen, ist ein Gewinn und gleichzeitig eine Warnung, derartige Verhältnisse nicht wieder Wirklichkeit werden zu lassen
Infos
| Premiere | 27.03.2026 |
| Nächste Vorstellungen | 09., 23., 26. Mai 10., 17., 29. Juni |
| Bewertung | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
.











