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„Das Bildnis des Dorian Gray“ am Berliner Ensemble – Theaterkritik zur Premiere von Heiki Riipinens queerer Inszenierung 

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„Das Bildnis des Dorian Gray“ am Berliner Ensemble – Theaterkritik zur Premiere von Heiki Riipinens queerer Inszenierung 

©Berliner Ensemble, Foto: Jörg Brüggemann

Als queeres Hochglanzformat bringt Regisseur Heiki Riipinen Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ am Berliner Ensemble optisch eindrucksvoll auf die Bühne…

Dunkle Bühne, aus dem Off ertönt „Showtime!“. Dorian Gray erscheint, blickt in die Runde. „Das Publikum ist eine Katastrophe“. Mit seinem Outfit kann niemand mithalten. Goldblond, ganz in Weiß in Dreiviertelhosen und flügelartiger Bluse wirkt Max Grindorff wie eine Mischung aus antikem Adonis und Engel, ein vortreffliches Spiegelbild für Oscar Wildes berühmte Romanfigur Dorian Gray. 

Inszenierung am Berliner Ensemble – Heiki Riipinens queere Theateradaption

Die verborgene Sinnlichkeit, die Dekadenz und den Hedonismus der viktorianischen Gesellschaft, die Oscar Wilde in „Das Bildnis des Dorian Gray“ thematisierte, transponiert Regisseur Heiki Riipinen zusammen mit Dramaturg Johannes Nölting in seiner Theateradaption in eine Performance in zeitgenössischer Hochglanzästhetik mit Fokus auf die Homosexualität Dorian Grays. 

Symbolische Bühnenästhetik im Neuen Haus des Berliner Ensembles

Antikes Schön- und Reinheitsideal trifft auf morbide Fin-de-Siècle-Stimmung. Es bedarf nur weniger, aber effektvoller Requisiten wie die mit Goldfolie umhüllte Couchskulptur. Zwischen goldenen Stoffbahnen und Lichteffekten, nächtliche Waldprojektionen und Schneefall, chargiert die Bühne adäquat zu den Dorian Grays Gemütslagen.

Narzisstisch – Max Grindorff als Dorian Gray

Großartig oszilliert Max Grindorff zwischen Dandy und Diva, absolutem Hedonisten und menschenverachtenden Narziss. Selbst in der Pause tanzt er, ganz und gar in die Rolle versunken, im goldenen Tanga weiter. Sein Umfeld, Gabriel Schneider als Lord Henry, Paul Zichner und Amal Leller jeweils in drei Rollen nicht minder ausdrucksstark, bleiben allerdings in seinem Schatten. 

Dorian Gray als Spiegel Oscar Wildes

Dorian Gray, mit ewiger Jugend und Schönheit gesegnet, befindet sich in einer komfortablen Situation, aber sie ist eben nur der schöne Schein. Die Spuren seiner Ausschweifungen und Niedertracht spiegeln sich in seinem Porträt, das er schließlich als Akt der Selbstzerstörung, vernichtet. Die Geschichte beleuchtet symbolisch die existenzielle Zwiespältigkeit, in der sich Oscar Wilde als Homosexueller befand. Sein „anrüchiger“ Roman wurde Gegenstand des Unzuchtsprozesses gegen ihn. Die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Homosexualität brachte er als inneren Monolog „De profundis“ im Gefängnis zu Papier. Überaus beeindruckend von Jens Harzer im Berliner Ensemble gespielt (schabel-kultur-blog.de/theater/berlin-de-profundis-oskar-wildes-brief-aus-dem-gefaengnis-wird-mit-jens-harzer-zum-grossen-solo-theater-im-berliner-ensemble/

Resümee zur Berliner Inszenierung: Gemessen an diesem spannenden Monolog, seit vergangenem Herbst ebenfalls im Berliner Ensemble zu sehen, wird die glatte Oberfläche von Riipinens Queer-Version noch deutlicher. Trotz der Kürzung auf zweieinhalb Stunden wirkt „Das Bildnis des Dorian Gray“ zunehmend langatmig und insgesamt sehr eindimensional. 

Künstlerisches Team:Regie Heiki Riipinen

Bühne Ingrid Tønder

Kostüme Louise-Fee Nitschke

MusikAmund Ulvestad

LichtHans Fründt, Robert Matysiak

DramaturgieJohannes Nölting