©Volksbühne Berlin, Foto: Thomas Aurin
Nach einem Jahr immer noch ausverkauft, dieses Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen, trifft…
Polleschs und Hinrichs’ Stück „ja nichts ist ok“, voll in die Zerrissenheit und dramatische Untergangsstimmung der Gegenwart.
„Sag es! – Was denn? – Sag es! – Was denn?“ Mit peinigender Eindringlichkeit schreit Hinrichs immer wieder diese Sätze, schlägt seinen Kopf in das Wasserbecken im Garten aufgepeitscht von den harten Beats der Punk-Band Slime. Er ritzt sich die Brust und die Adern auf, liegt leblos da.
Vom Ende her holt Hinrichs in einem 90-minütigen Monolog das Warum dieser Verzweiflung eines Zeitgenossen ins Bewusstsein. Zwischen Binsenwahrheiten, nervigen menschlichen Angewohnheiten und Kriegsängsten schaukeln sich Frustrationen boulevardesk zu explosiven Verhaltensweisen hoch. „ja nichts ist ok“ und nichts war okay, seit die Menschen zusammen in Behausungen leben. Monströs übereinander geschichtete Felsen direkt neben einem abgewirtschafteten Bungalow verweisen ironisch auf die Menschheitsgeschichte, während im TV Kriegsbilder Apokalypse vermitteln.
Hinrichs spiel, absolut spitze, nicht nur Stefan, einen WG-Bewohner, sondern gleichzeitig seine drei Mitbewohner, Paul, Claudia und Thomas, monologisiert, dialogisiert witzig in Szene gesetzt in einem Bademantel mit zwei verschiedenen Mustern, die beim Hin- und Hergehen die Gesprächspartner markieren, erzählt, unterhält mit hintergründigen Kinderwitzen und hat die Lacher auf seiner Seite. Doch die Welt ist nicht mehr fröhlich. Zu viele elektrische Geräte verhindern das Anfassen, Berühren. Zwar lebt, arbeitet, liebt und hasst die WG, aber durch die Erfahrungen verschiebt sich manches, werden Nörgeleien und Geräusche wie das der Knautschledercoach zur Pein. Aus DHL-Paketen baut dieser Stefan mitten durch das Wohnzimmer eine Mauer. Allein will er sein und hält es allein doch nicht aus. Wer alleine ist, wird verrückt. Ängste und Sehnsüchte halten ihn wach. Immer mehr steigert sich Stefan in seine Frustrationen hinein. „Die meisten Menschen sind nicht geeignet für das 21. Jahrhundert“. Er beginnt zu hassen mit einer Energie nahe am Amoklauf oder zum Selbstmord. Doch wie soll die Welt besser werden, wenn keiner sie liebt?
Das Stück präsentiert eine unerwartete Lösung, überrascht durch simple Aussagen, die wie Eisberge die unsichtbaren Bedrohungen assoziieren lassen. Mit Herzblut von Hinrichs gespielt, trifft das Stück genau die Problematik unserer Zeit „ja, nichts ist ok“. Doch es gäbe eine Hoffnung, idealistisch wie in einem humanistischen Klassiker.
Künstlerisches Team: René Pollesch (Text, Inszenierung) und Fabian Hinrichs (Inszenierung) Bühne: Anna Viebrock (Bühne), Tabea Braun (Kostüme), Frank Novak (Licht), Anna Heesen, Johanna Kobusch (Dramaturgie)