©Berliner Ensemble, Foto: Birgit Hupfeld
„Die aber unten sind, werden unten gehalten, damit die oben sind, oben bleiben“, ist Brechts…
durchgängiges Thema, das er bei der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ (1931) am Beispiel der Chicagoer Börsenturbulenzen und Weltwirtschaftskrise 1929 durchdekliniert. Im Ringkampf stehen zwei faustische Figuren, der kapitalistische Fleischfabrikant Mauler und die naive, an das Gute im Menschen glaubende und Erkenntnis suchende Johanna Dark, mit Stefanie Reinsperger und Kathleen Morgeneyer hochkarätig besetzt und durch die Feminisierung Maulers durch mütterliche Empfindungen facettenreicher.
Regisseur Dušan David Pařízek genügt ein zum Publikum hin abschüssiger, auf zwei Seiten und nach oben offener weißer Raumquader als Spiellabor. Er ist zugleich Projektionsfläche für immer wieder hektisch aufflackernder Sequenzen kapitalistischer Lebensweisen und raffinierte Schatteneffekte. Riesengroß reicht Mauler dem verzwergten Konkurrenten Cridle (Marc Oliver Schulze) den Finger, gleich zu Beginn eine sehr markante Metapher für die wahren Machtverhältnisse innerhalb des kapitalistischen Systems. Nach der Pause ist es das Tauziehen um die Macht mittels Maulers gigantischer Schleppe.
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©Berliner Ensemble, Foto: Birgit Hupfeld
Wuchtig, rigoros spielt Reinsperger dieses kapitalistische Monster der „Fleischkönigin“, das mit reumütiger Scheinheiligkeit Johanna raffiniert manipuliert und zum Werkzeug ihrer Erfolgsstrategie macht. Im exorbitanten rotem Abendkleid mit einer mehrere Meter langen Schleppe verkörpert sie die Blutspur der Macht, wobei sie durch ihr schauspielerisches Potential moralische Einsicht und mütterlicher Wärme als reine Machtmittel offeriert. Bedroht, zu Boden geworfen ein Haufen Fleisch rappelt sie sich immer wieder auf neuen Gewinnen entgegen, eine hervorragende Personifikation des Kapitalismus durch Reinspergers stringente Performance, die durch groteske Übertreibung ganz im Sinne Brechts jegliche Emotionalisierung verweigert, stattdessen auf ironische Zuspitzung zielt und zur Hauptperson avanciert, zumal Kathleen Morgeneyer im Vergleich ein bewusst ein zartes Gegengewicht darstellt, wobei Johanna auf ihrem Weg der drei „Gänge in die Tiefe“, von der Desillusionierung vom mehr oder weniger hilflosen Gutmenschen über die Sozialrecherche zur Erkenntnis der realen Verhältnisse immer mehr Profil gewinnt. Johanna setzt sich zwar für die Mitmenschen ein, aber erkennt zu spät, dass sich der Kapitalismus seiner Verantwortlichkeit gegenüber den Menschen entzieht. Posthum mit einem spöttischen „Hosianna“ zur Heldin stilisiert, wird sie über den Tod hinaus als Marionette des Kapitalismus instrumentalisiert.
Doch nicht alles funktioniert in dieser Inszenierung. Pařízek verharrt abgesehen von den fulminanten Performance Reinspergers zu sehr im Stellungsspiel, lässt permanent lautstark deklamieren, statt zu spielen, wodurch die Inszenierung extrem textlastig und ermüdend wirkt.
Den eingebauten Text von Ayn Rands „Atlas Shrugged“ (Der Streik) verwandelt Reinsperger zwar in eine vehemente Solo-Nummer, aber als Alternative zur Pause angekündigt, jeder Besucher kann individuell entscheiden, verlassen etliche Zuschauer den Raum. Sie kommen zwar wieder, aber der Spannungsbogen reißt und in der verursachten Geräuschkulisse verliert der Text vom Händler, der rein seiner Logik folgt und die Regel einhält, solange Menschen zusammenleben, auf Gewalt zu verzichten, seine Wirkung als Bindeglied zur Gegenwart, wiewohl die Anspielung auf Trump durchaus trifft. Das Resümee „Bewegung braucht Beweger, einen Menschen, einen Händler“ gibt es dann a la Brecht als beschwingten Song „Ihr habt die Wahl“. Nach der Pause geht das Deklamieren weiter. In Erinnerung bleiben nicht die Texte, sondern die Schattenspiele und Reinspergers fulminantes Spiel.
Künstlerisches Team: Dušan David Pařízek (Regie, Bühne), Kamila Polívková (Kostüme), Peter Fasching (Musik), Hans Fründt (Licht), Karolin Trachte (Dramaturgie)
Mit: Kathleen Morgeneyer, Stefanie Reinsperger, Marc Oliver Schulze, Amelie Willberg, Nina Bruns