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 „Common Ground“ München – Tanzkritik – Ballettfest-Woche 2026 begeistert mit Ekman, Inger und Kylián

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 „Common Ground“ München – Tanzkritik – Ballettfest-Woche 2026 begeistert mit Ekman, Inger und Kylián

„Bella Figura“ © Katja Lotter

„Common Ground“ München – Ballettfest-Woche 2026 – Tanzkritik zu Ekman, Inger und Kylián

Unterhaltsam und tiefgründig – mit  drei zeitgenössischen Tanzstücken begeistert das Bayerische Staatsballett bei der Eröffnung der Ballettfest-Woche 2026. Alexander Ekmans „Cacti“, Johan Ingers „Impasse“ und Jiří Kyliáns „Bella Figura“, uraufgeführt vom Nederlands Danse Theater, sind inzwischen Kult. Der Tanzstil…

besticht durch Vielfalt.

„Common Ground“ ist das experimentelle Nederlands Dance Theater 

Durch seine Experimentierfreudigkeit avancierte das NDT zu einem der weltweit wichtigsten Tanzkompanien. Sie kombiniert klassischen und zeitgenössischen Tanz mit theatralen und sportlichen Bewegungen auf höchstem Niveau, sehr ausdrucksstark, rhythmisch und mit ästhetischer Eleganz getanzt. Die Choreografien kreisen um existenzielle und psychologische Fragestellungen, um Liebe und Identität oder gesellschaftliche Konflikte. In Kombination mit Musik, Bühne und Licht entstehen Gesamtkunstwerke, die man gesehen, nicht wieder vergisst.

Obwohl das NDT nicht auf Repertoire zielt, sondern auf ständige Weiterentwicklung, wurden viele Choreografien zum Kult, die in das zeitgenössische Repertoire großer Ballettkompanien aufgenommen wurden. 

Die ausgewählten Stücke für die Ballettfest-Woche 2026 in München begeistern durch ihre lebensfrohe Grundstimmung, ihre hervorragenden Interpretationen der Musik und die verborgenen Narrative der Choreografien. Klug ausgewählt, erlebt das Publikum an einem Abend drei bedeutende Handschriften des zeitgenössischen Tanzes. 

Alexander Ekmans „Cacti“ – Parodie auf die Kunstkritik 

Die Tänzer schweben auf quadratischen Platten von unten auf die Bühne, das Streichquartett kommt hinzu. Die Rollen verschieben sich. Musiker:innen bewegen sich, die Tänzer:innen übernehmen, teilweise klatschend und stampfend, die Percussion. Sie tanzen zu Haydn, Beethoven und Schubert vor, neben, hinter den Platten, synchron, aber auch ganz individuell als Absage an perfekte Optik. Was perfekt ist, entscheiden der Choreograf und die Tänzer:innen. Das verdeutlicht ein witziges Pas de deux bei der Probe, wo Probe und Verliebtsein sich vermischen, was eine Stimme aus dem Off in Englisch zusätzlich kommentiert. Um der humoristischen Wirkung willen gelingt das meiste noch nicht. Tapsige Annäherung wird als übergriffige parodistisch abgewehrt. Der Partner mit den Gefühlen seiner Erregung kämpfend, stößt auf Ignoranz. Statt zu schweben, knallt sie auf den Boden.

Was im Grunde dahinter steckt erschließt sich erst, als final künstliche Kakteen verteilt werden. Ihre Stacheln symbolisieren die Kritiker, über die sich Ekman in jener Schaffensperiode sehr ärgerte, wenn sie ihm sein eigenes Werk erklären wollten, und Kunstkritik „den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sichtbar macht.“

Johan Ingers „Impasse“ (2020) – wenn es auf der Welt zu eng wird – eine Analyse

Johan Inger begeistert mit „Impasse“. Aus einem Haus, mit Lichtstäben skizziert, springt ein fröhliches Mädchen und freut sich des Lebens. Ein junger Mann kommt dazu, dann ein zweiter. In ihren Bewegungen wie schwebende Vögel und flatternde Schmetterlinge wird ihre Affinität zur Natur spürbar. Immer mehr urbane Städter in schwarz und bunt exotische Genussmenschen kommen aus dem Haus. Jedes Mal wird es kleiner und schrumpft bis zum Hundehüttenformat. Über die mitreißenden Calypso-, Cha-Cha-Cha- und Salsa-Rhythmen von Jazztrompeter Ibrahim Maalou entwickelt sich eine mitreißende kubanische Fiesta. Aggressionen flammen auf, beruhigen sich im tänzerischen Miteinander.

So verdichtet sich Johan Ingers mitreißende Tanzfrequenz plötzlich zu einer tiefgründigen Parabel über genusssüchtige Menschen, drohende Bevölkerungsexplosion. Den Weg aus dieser Sackgasse weist die Einsicht in einem naturnahen Lebensstil, wie ihn Inger am Anfang von „Impasse“ skizziert.

 Jiří Kyliáns „Bella Figura“ – ein ästhetisches Gesamtkunstwerk 

Jiří Kyliáns Stück „Bella Figura“ (1995) kreist um Begriffe wie Schönheit und Verletzlichkeit. Zwei nackte, in den Bühnenvorhang gehüllte Tänzerinnen eröffnen einen voyeuristischen Blick auf die Bühne.Mit nackten Oberkörpern und in langen roten, an den Hüften aufgebauschten Röcken werden sie zu betörenden Ikonen der Eleganz. Sie bewegen sich in unterschiedlichen Formationen, verwandeln sich in Lichtkegeln zu ästhetischen Museumsskulpturen. Flammende Feuerschalen überhöhen Bühnenrealität in traumatische Welten, die unterschiedliche Bühnenausschnitte immer beengter werden und final ganz verdeckt werden. 

Wunderbar transformiert Jiří Kylián barocke Opulenz und Sinnenfreude durch Reduktion in eine stilisierte Optik unserer Zeit. Gleichzeitig verdeutlicht er, wie authentisch und inspirierend Kunst frei von Künstlichkeit wirkt und wie dunkel die Realität wird, wenn auratische Gesamtkunstwerke aus der harmonischen Schönheit von Musik und Bewegung, Farb- und Lichteffekten immer mehr aus dem Leben schwinden. Fulminanter Applaus für diese sehr ruhige Choreografie beweist, wie stark Schönheit und Anmut auf das Publikum wirken.

Resümee: „Common Ground“ unterstreicht durch diese drei choreografischen Handschriften die Bedeutung des Nederlands Dance Theaters und beweist einmal mehr, welche suggestive Kraft und spirituelle Energie Bewegung und Tanz auslösen. 

„Common Ground“ dauert 160 Minuten inklusive zweier Pausen und ist in dieser Spielsaison noch bis 17. Juli zu sehen.

⭐⭐⭐⭐⭐