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Korngolds Oper „Violanta“ an der Deutschen Oper als Farce inszeniert

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Korngolds Oper „Violanta“ an der Deutschen Oper als Farce inszeniert

©Deutsche Oper Berlin, Foto: Marcus Lieberenz

Als Oper mit romantische mFarbklang wurde Korngolds Oper „Violanta“ angekündigt. Sie ist ein Jugendwerk, geprägt vom Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts, doch bereits eine glühend geheimnisvolle Partitur, die… 

das Ausnahmetalent des damals erst 18-jährigen Komponisten schon hörbar macht. 

Violanta, eine schöne Venezianerin, ist die Protagonistin von Hans Müller-Einigers Libretto, das in die Renaissancezeit verlegt ist, die um die Jahrhundertwende wieder en vogue wwar. Violanta langweilt sich bei ihrem Mann, dem sittenstrengen Hauptmann Simone Trovai, will ihm aber dennoch, wie es Glaube und Gesellschaft fordern, treu bleiben. Als sie sich in der Karnevalszeit in den Verführer ihrer Schwester verliebt, fordert sie ihren Mann auf, den Selbstmord der Schwester zu sühnen und den Frauenverführer zu erschießen. Im letzten Moment wirft sie sich schützend vor ihn und bekennt. „Hab Dank, du strenger – / nun ist dein Weib wieder dein!“ 

Damit trifft Korngolds „Violanta“, 1916 uraufgeführt, genau den damaligen Zeitgeist, der zwischen christlich geprägter Gesellschaftsmoral und Freuds Psychoanalyse, soldatischer Disziplin und  dionysischen Liebessehnsüchten oszilliert. Der junge Korngold schwelgt in spätromantischen Instrumentierungen und kühnen Harmonien, die trotz Assoziationen an Richard Strauss, sehr originär klingen, aber noch nicht die Tiefe seiner späteren Kompositionen erreichen.

Regisseur David Hermann verortet dieses hocherotische Spannungsgefüge in ein Bühnenbild, das zwischen kosmischen Existenzialismus und psychoanalytischer Traumatik immer neue Bezugsgruppen raffiniert ins Geschehen einbringt. Das ist überaus effektvoll konstruiert, nimmt aber der Inszenierung jegliche Leidenschaftlichkeit und stellt stattdessen traumatisierte Beziehungslosigkeit und groteske Übertreibung in den Mittelpunkt. Die Karnevalskostüme bzw. -versatzstücke, zuweilen durch extrem lange Spitzhüte pointiert, lassen mehr an inquisitorische Hinrichtungen denken als an ausgelassene Sinnenlust. Militärische Uniformen verstärken die engen moralischen Grenzen, zumal sich Hermanns Personenregie auf militärische gerade Linien beim Auf- und Abtreten auf bizarre, rätselhaft sexualisierte optische Reize und Rampensingen beschränkt. 

Dazu kommt noch, dass Laura Wilde die Leidenschaftlichkeit dieser Violanta aufleuchten lässt, wodurch Hermanns neue Schlussversion ihre Wirkung verfehlt. Violantas letztem Satz „… frei bin ich, frei von Schuld und Lust“ folgt nicht der Tod. Sie entflieht. In welche Welten bleibt offen, ins Elysium wohl kaum, mehr in graue Alltagsrealitäten, denn selbst Alfonso gleicht als bebrillter Anzugsträger mehr einer Farce als einem Herzensbrecher. 

Leidenschaft ist aus dem Orchestergraben zu hören. Als Einakter etwas kurz stellt Sir Donald Runnicles der Oper zwei sehr gegensätzliche Stücke zur Einstimmung voran, die leise Renaissancemusik von John Dowlands „A Fancy“ und Alban Bergs wuchtiges Präludium aus „Drei Orchesterstücke“ op. 6. Umso glanzvoller präsentiert er im Anschluss Korngolds Partitur, allerdings zuweilen zu dominant auf Kosten der Sänger:innen. Nur der isländische Bariton Ólafur Sigurdarson als Violantas Gatte übertrumpft mühelos das Orchester und lässt durch sonore Klangfarbe aufhorchen. Laura Wilde als Violanta setzt in den Höhen dieser schwierigen Partitur durchaus schöne Akzente, muss aber auch immer wieder forcieren. Passend zur Optik vermisst man in Mihails Culpajevs’ Tenor die innere Leidenschaft.  

Das Premierenpublikum ist wie immer begeistert. Die individuelle Resonanz fällt dagegen sehr unterschiedlich aus. 

Künstlerisches Team: Sir Donald Runnicles (Musikalische Leitung), David Hermann (Inszenierung), Jo Schramm (Bühne, Video), Sybille Wallum  (Kostüme), Ulrich Niepel (Licht), Jörg Königsdorf (Dramaturgie),Jeremy Bines

Mit Ólafur Sigurdarson (Simone Trovai), Laura Wilde (Violanta), Mihails Culpajevs (Alfonso, Kangyoon Shine Lee (Giovanni Bracca, Lilit Davtyan (Violantas Kammerzofe), Stephanie Wake-Edwards (Violantas Amme), Andrei Danilov (Matteo), Hye-Yang Moon (Erste Magd), Lucy Baker (Zweite Magd), Michael Dimovski (Erster Soldat), Paul Minhyung Roh (Zweiter Soldat)