Berlin – opulente Inszenierung von John Adams‘ Oper „Nixon in China“ in der Deutschen Oper

Opernkritik "Nixon in China" Deutsche Oper Berlin präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Deutsche Oper Berlin, Foto: Thomas Aurin

Mit großem Kostümaufwand zünden SolistInnen, Chor, TänzerInnen, PerformerInnen und Statisterie der Deutschen Oper ein Feuerwerk überbordender Szenen, in denen die Machträger in ihrem Rollenspiel zu Parodien der eigenen Selbstdarstellung werden. Ein Spektakel jagt das nächste, harte Schnitte sorgen für irritierende Stimmungswechsel. Voyeuristisch wird das Geschehen live gefilmt und links von der Bühne plakativ projiziert, um gleichzeitig die Rolle der medialen Vermarktung zu integrieren. Nichts bleibt verborgen, im Gegenteil Videos weiten das Geschehen global. 

Die Musik hält dagegen. Zwei Jahre arbeitete Adams an der Komposition. Er entschied sich für die repetitiven Tonsphären der Minimal Music à la Philip Glass’ Ghandi-Oper „Satyagraha“. Martialische Klangstrukturen verwandeln sich in industrielle Produktionsprozesse, abrupt unterbrochen vom weißen Bigband-Sound der US-amerikanischen Swing-Ära und einigen lyrischen Parts der europäischen Klassik. Unter der musikalischen Leitung Daniel Carters kommt Adams vielschichtige Komposition höchst dramatisch zur Wirkung, nicht minder die Gesangpartien und der wuchtige Chor. Die Solisten setzen fulminante, sehr klangschöne Akzente, allen voran mächtig, bisweilen aggressiv  Hye-young Moon (Maos Frau), facettenreich zwischen dominanten und lyrischen Stimmduktus Heide Stober (Pat Nixon), heroisch selbstbewusst Ya-Chung Huang (Mao), lyrisch subtil  Kyle Miller als philosophisch elegischer Chu-En-lai, männlich kraftvoll Thomas Lehmann (Nixon) und Seth Carico (Kissinger). 

Und doch ist es in erster Linie die skurrile Bildmagie, die sich im Kopf festhakt. Eine große Bogenbrücke genügt, um Massen zu verstärken, Hierarchien zu verdeutlichen, zwischen chinesischer Landschaft und US-amerikanischer Varieté-Welt zu oszillieren. 

Opernkritik "Nixon in China" Deutsche Oper Berlin präsentiert von www.schabel-kultur-blog.de

©Deutsche Oper Berlin, Foto: Thomas Aurin

Mao Tse-tung stirbt zunächst einmal und entschwebt gen Himmel, um kurz darauf beim großen Festbankett den Kapitalismus zu zerlegen. „Zuerst kommen die Gründer, dann die Profiteure“. Simultan kreuzt ein Traktor die Bühne, dann fährt ein nobler Benz vor. Aus dem Orchestergraben schallt Maschinengetriebe auf Hochtouren. Mao Tse-tung wächst als besonderer Gag auch körperlich wahrnehmbar über sich hinaus und wiederholt sein Mantra „Die Revolution wird immer leben“. Immer wieder tanzt die Mao-Bibel herum. Unter den ständigen „Gambei“-Jubelrufen der Festgäste überrascht er Nixon mit dem Start einer Satelliten-Rakete als Symbol globaler Kommunikation. Das First-Lady-Programm begleitet von einem Tross Journalisten mutiert beim Besuch einer Schweinezucht zur gelungenen Groteske kapitalistischer Vermarktungsformen. Projizierte Lidl-Bio-Werbung wird von einer phallisch überdimensionierten  Würstchenparade ironisiert. Aus jeder Wurst lächelt  ein hübsches Gesicht, wegen der Quote natürlich auch ein Mann. 

Immer neue Steigerungen hat das Regieduo Kronfoth und Lwowski in petto. Als Maos Frau ihre Propaganda-Revolutions-Oper „Das rote Frauenbataillon“ präsentiert, sorgt Kissinger als brutaler und sexgeiler Gutsverwalter für krasse Blutorgien. Dass Pat Nixon die sich befreienden Frauen von der Bogenbrücke aus duscht, lässt an die Naivität von Pontius Pilatus Unschuldsgeste denken, ganz zu schweigen von ihrem Traum  einer Zeit, in der sich der Wohlstand in der Atmosphäre verteilt wie ein Parfüm. Indes zerstört ein Wirbelsturm Häuser und Infrastruktur. Im Rückwärtslauf fügt sich wieder alles zusammen. Die Katastrophe von Menschenhand ausgelöst ist schlimmer. Bühnenweit projiziert, explodiert die Atombombe über Hiroshima ein Schocker, der unter die Haut geht angesichts der gegenwärtigen Weltlage. Der Count-up rast bis über 500 Millionen Jahre in die Zukunft. Danach ist immer noch Endzeitstimmung. Der Nebel des Vergessens senkt sich über alle Beteiligten, die sich in ihren Erinnerungen verlieren, bewegungs- und ratlos erstarren. Der Mercedes ist versandet. Nur überlebensgroße Ameisen sind fleißig am Arbeiten.

Spannend und unterhaltsam, tiefgründig und durchaus herausfordernd gelingt der Bogen vom vermeintlichen Heldenepos in die globale Apokalypse, wird die Brücke im Nachgang zum Symbol von Auf und Ab menschlicher Hybris.

Künstlerisches Team: Daniel Carter (Musikalische Leitung), Hauen und Stechen (Künstlerische Leitung), Franziska Kronfoth, Julia Lwowski (Regie), Yassu Yabara (Bühne), Christina Schmitt (Kostüme), Martin Mallon (Video, Live-Kamera), Henning Streck (Licht), Arne Vierck (Sounddesign), Jeremy Bines (Chor), Carolin Müller-Dohle (Dramaturgie)

Mit: Kyle Miller, Thomas Lehman, Seth Carico, Elissa Pfaender, Deborah Saffery, Davia Bouley, Ya-Chung Huang, Heidi Stober, Hye-Young Moon, Gina-Lisa Maiwald, Angela Braun, Thorbjörn Björnsson, Jean Chaize, Brigitte Cuvelier, Chor und Orchester, TänzerInnen, StatistInnen der Deutschen Oper Berlin