©Staatsoper Berlin
Aus dem Orchester erklingen klangmalende Dissonanzen. Höllenrot schimmert der Bühnenboden. Ein Dutzend Frauen in Pelzmänteln erleben vor winterkaltem nächtlichem Wald auf einer Lichtung…
eine ganz besondere Nacht, eine Nacht der Veränderung und Invokation. Das wirkt zunächst spannend, aber trotz magischer Bühnenkulisse stößt die versymbolisierte Uraufführung von Pintschers „Das kalte Herz“ auf wenig Begeisterung.
Entwickelt nach der Idee von Wilhelm Hauffs gleichnamigen Kunstmärchen von 1827, bleibt von dessen zeitloser Botschaft, dass das Streben nach materiellem Reichtum mitmenschliche Wärme zerstört, wenig übrig. Der Köhler Peter wünscht sich ein besseres Leben und lässt sich auf einen Tauschhandel mit dem skrupellosen Holländer-Michel ein. Peter wird reich, im Gegenzug tauscht er sein eigenes Herz gegen ein Herz aus Stein. Er erkennt seinen Fehler, bereut ihn und erhält sein Herz zurück.
Diesen deutsch-romantischen Stoff weitet Matthias Pintscher in seiner vierten Oper zusammen mit Librettist Daniel Arkadij Gerzenberg zu einer Parabel über eine von Göttern und Dämonen bestimmten Menschheitsgeschichte, die Pintschers Vorliebe für Wagner erkennen lässt. Die altägyptischen Göttin Anubis fordert in dieser besonderen Nacht ein Opfer. Es ist Peter, ein Auserwählter, weil er an einem Sonntag geboren wurde, das Kainszeichen trägt und „die Spaltung des Baumes gesehn“ hat. Azaël, mythologisch der jüdische Wüstendämon, in der Oper eine weibliche Sprechstimme, erzählt das Märchen vom Einsiedler, der einem Wolf nicht hilft, weil ihm selbst auch weder Tier noch Mensch geholfen hat, „In dieser Welt lebt jeder allein für sich.“ Gleichzeitig verweist der ständig präsente dürre winterkalte Wald im Hintergrund auf das menschliche Fehlverhalten gegenüber der Natur, gruselig verstärkt durch Tierkadaver, die an Fleischerhaken über der Baumgrenze hängen. Azaël überredet Peters Mutter in den Kreis der Auserwählten zu treten und ihren Sohn zu opfern.
Effektvoll ausgeleuchtet, in ausladenden Kostümen und langsamen ritualisierten Bewegungen bekommt die Inszenierung eine bildgewaltige Aura zwischen Märchen und wagnerianischen Weihespiel. Doch ohne jegliche dramaturgische und logische Spannung wirkt das Libretto eskapistisch versymbolisiert.
Jede Figur, jede Stimme verkörpert eine andere existenzielle Notlage, die gesanglich in extremen Tonsprüngen, dissonanten Gratwanderungen und lautmalenden Vokalfärbungen hörbar wird, wie man sie bereits von der Musik des 20. Jahrhunderts kennt.
Samuel Hasselhorn kraftvoller Bariton macht Peters elegische Unruhe hörbar. Dieser Peter fühlt in seinem eigenen Leben deplatziert. „Ich lebe und bin tot“. Mezzosopranistin Katharina Bradić stürzt als Mutter von der unreflektierten Gefolgschaft in die abgrundtiefe Erkenntnis der Schuld, den eigenen Sohn getötet zu haben. Sophia Burgos, als Peters Geliebte, entflieht in lyrische Höhen und trifft mit ihrer Trennung intuitiv die richtige Entscheidung. Schauspielerin Sunnyi Melles treibt die Forderungen Azaëls ins schrill Groteske und Rosie Aldridge verkörpert mit ihrem dramatischen Sopran die unerbittliche Dominanz und Unnahbarkeit der Göttin Anubis, die ein Opfer fordert. Die Frage nach dem Warum bleibt offen. „Das Gesetz gebietet mir zu schweigen“ ist die sonore Antwort, die an Beckettschen Existenzialismus denken lässt.
Regisseur James Darrah Black fokussiert über optische Effekte auf die im Libretto anklingende zunehmende Vereinzelung und Vereinsamung der Menschen, auf die damit einhergehende Emotionslosigkeit und Hinwendung zu spirituellen Gefolgschaften. Gleichzeitig verweist er auf die vampirische Ausbeutung der Natur. Was ist die Botschaft dahinter? Ausbeutung verhindert Lebensfreude. Der Willkür von Gottheiten oder andere Mächten zu folgen, führt zu Schuld und Sühne. Ein Happyend ist nicht in Sicht nur reuevolle Selbstopferung.
So sperrig verklausuliert das Libretto ist, so reduziert die Musik. Ohne Melodien und musikalische Entwicklungen präsentiert Pintschers Komposition, abgesehen von vier orchestralen „Waldmusiken“ zwischen den zwölf Tableaus, lediglich eine effektorientierte Geräuschkulisse. Düstere Kontrabässe und Celli, der wehmütige Klang des Fagotts, vor allem die perkussiven Lautmalereien, entführen in traumatische Schattenwelten und in die Magie des Waldes bzw. der Lichtung. Generalpausen heben das Schweigen hervor. Die laut Programmheft leitmotivische Charakterisierung der Figuren wird dagegen in der Flut der instrumentaltechnischen, perkussiv dominierten Details kaum wahrgenommen.
Das ist, wenn man sich intensiv damit beschäftigt, durchaus stringent konzipiert, wirkt aber unnötig aufgesetzt. „Das kalte Herz“ lässt kalt.
Künstlerisches Team: Matthias Pintscher (Musikalische Leitung), James Darrah Black (Inszenierung), José Darío Innella, Leander Teßmer (Spielleitung), Adam Rigg (Bühne), Moll Irelan (Kostüme), Yi Zhao (Licht), Hana S. Kim (Video), Anderson Nunnelley (Co-Regie), Olaf-A. Schmitt (Dramaturgie)
Mit: Samuel Hasselhorn (Peter), Katharina Bradić (Mutter), Rosie Aldridge (Anubis), Sophia Burgos (Clara), Sunnyi Melles (Azaël), Adriane Querioz (Alte Frau), Solist des Kinderchors der Staatsoper (Kind), Staatskapelle Berlin












