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Igor Levit & Prokofjew – gesamter Klavierzyklus in der Berliner Philharmonie – Konzertkritik über den ersten Tag

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Igor Levit & Prokofjew – gesamter Klavierzyklus in der Berliner Philharmonie – Konzertkritik über den ersten Tag

© Michaela Schabel

Igor Levit, Ausnahmepianist, spielte in der Berliner Philharmonie vom 23. bis 25. März Prokofjews gesamten Klavierzyklus. Zusammen mit dem Budapest Festival Orchestra unter der Leitung von Iván Fischer wurde bereits der erste Konzerttag zum Ereignis… 

Igor Levit, ein in sich ruhender Pianist, präsentiert sich in ungewohnter Leidenschaftlichkeit. In YouTube-Videos bekennt er, wie begeistert er von Prokofjews Klavierkonzerten ist. Meistens wird in Programmen nur das 1. Konzert für Klavier und Orchester gespielt.

Prokofjews Klavierkonzerte wie eine „Frischzellenkur“

Igor Levit denkt und arbeitet zyklisch. Deshalb spielt er alle Klavierwerke. Er bekennt, welch energetische Kraft er bei der Einstudierung von Prokofjews Werken erlebte. Es war wie eine „Frischzellenkur, eine Dauerfeier für Hirn und Herz“, weil in Prokofjews Stücken ganz viele Charaktere aufeinander stoßen. Das zu interpretieren, erfordert „eine ungewöhnliche Schnelligkeit, Mut zur Gestaltung, eine gewisse Nonchalance und Frechheit“.

Igor Levits Programm am ersten Tag

Genau diese Fähigkeiten wurden bereits am ersten Konzerttag spürbar. Faszinierend spielte Igor Levit zusammen mit dem Budapest Festival Orchestra die Konzerte für Klavier und Orchester Nr. 1 Des-Dur op. und Nr. 5 G-Dur op. 55, Prokofjews erstes und letztes Werk in dieser Gattung. 

Prokofjews Konzerte für Klavier und Orchester

Wie ein Feuerwerk erstrahlen beide Konzerte. Igor Levit arbeitet die Grundlinien, die für Prokofjews Werke so typisch sind, heraus. Neben der klassischen, bedingt durch die Form, ist das vor allem die kühne, innovative Klangsprache als Ausdruck großer Emotionen und die Motorik, die dem Pianisten eine außerordentliche Virtuosität abfordert. Schon im 1. Klavierkonzert, uraufgeführt 1912, ein Frühwerk des 21-jährigen Komponisten, wird dieser motorische Anspruch deutlich und später zum Markenzeichen seiner Musik.

1. Konzert für Klavier und Orchester – eine Sonate

Hinter dem 1. Klavierkonzert verbirgt sich eine Sonate, in der nahtlos ineinander übergehend zwei fröhlich lebhafte Passagen, eine langsame umrahmen, wobei das einzige Hauptthema ständig wiederholt wird. Mit starken und harten Klängen geht das Klavier in die Führungsrolle. Tonale Änderungen erweitern die Klangharmonien. Stampfende Rhythmen verstärken den Marschcharakter, den burleske und groteske Elemente durchbrechen. 

Igor Levit in Höchstform

Allein zu sehen, wie dabei Igor Levits Finger über das ganze Tonspektrum des Flügels regelrecht fliegen, ist in ein Erlebnis für sich. Im Gegensatz zu anderen Konzerten, in denen beispielsweise die romantische Verinnerlichung von Robert Schumann und Franz Schubert in introvertierter Ruhe erlebbar wird, reißt es Igor Levit bei Prokofjew regelrecht vom Hocker. (schabel-kultur-blog.de/konzerte/regensburg-pianist-igor-levit-der-meister-der-pause-begeistert-im-audimax-rezension/)

Fast stehend spielt er wie in Trance. Er offeriert dem Publikum ein Kaleidoskop von Klangharmonien, die unterschiedlichste Emotionen und Geschichten assoziieren lassen. Rasant fliegen die Finger über die ganze Tastatur des Flügels. Jeder Ton klar und präzise gespielt, im Einklang mit dem Orchester. Das akzentuiert unter dem Dirigat von Iván Fischer die zyklischen Wiederholungen, wogt zwischen markanten Marschrhythmen und lyrischen Passagen, abgesehen von einem Part, in dynamischer Rücksichtnahme auf das Klavier. 

Prokofjew zwischen Strawinsky und altrussischer Folklore 

Auch das 5. Konzert für Klavier und Orchester (1932) entspricht nicht der drei- bis viersätzigen Konzertform. Prokofjew wählte fünf Sätze, wobei im ersten und dritten Satz Strawinskys Einfluss, im zweiten und vierten Satz altrussische Folklore hörbar wird. Auch hier steht extrem schnelle Motorik im Vordergrund, wobei sich Igor Levit als Meister schneller Glissandi, komplexer Verzierungen und komplizierter synkopischer Rhythmen erweist. Solist und Orchester auf Augenhöhe sind das Ergebnis einer sehr langen musikalischen Zusammenarbeit. Mit einer kurzen Schumann-Zugabe verzaubert Igor Levit mit dem musikalischen Gegenpol – durch Schlichtheit. 

Budapest Festival Orchestra – 5. Symphonie betont heroisch

Dann noch Prokofjews 5. Symphoniekonzert ins Programm zu nehmen, ist wohl der überschatteten Gegenwart geschuldet. Der patriotisch-heroische Charakter verweist deutlich auf die Kulturdoktrin der einstigen Sowjetunion. Prokofjew selbst distanzierte sich später von dem politisch affirmativen Charakter dieser „Kriegssymphonie“ durch die nachfolgende, strukturelle freie 6. Symphonie. Klangmächtig walzt das Marschthema in Wiederholungsschleife alle lyrischen Ansätze und Hoffnungen nieder, womit Iván Fischers Interpretation wohl ganz bewusst eine distanzierte Haltung zu diesem Werk erzielen will. 

Igor Levit – nicht ausverkauft 

Das Publikum ist begeistert. Der Applaus entschädigt für die vielen freien Plätze. Trotz gelungener Werbung über YouTube-Clips, in denen Igor Levit Prokofjews Musik erklärt und ganz kurze Passagen einspielt, war der Große Konzertsaal in der Berliner Philharmonie bei weitem nicht ausverkauft. Schade!

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