© Berliner Festspiele, Foto: Fabian Schellhorn
Mit einem ungewöhnlichen, exzellent interpretierten Programm begeistert Klaus Mäkelä mit dem Royal Concertgebouw Orchestra das Publikum. „Rendering“, dem bekanntesten Werk Luciano Berios folgte…
Béla Bartóks „Konzert für Orchester“. Beide Werke sind in ihrer Art atemberaubend. Luciano Berio (1925-2003), der dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, steht im Mittelpunkt des Musikfests Berlin. Er gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten, offen für ganz unterschiedliche Stilrichtungen. Er ist nicht der erste, der Franz Schuberts Skizzen zu dessen 10. Sinfonie restaurierte. Aber Berio zielte nicht auf eine Rekonstruktion im Sinne einer Vollendung, sondern auf eine eigenständige Wiederherstellung des Werks, das die Brüche zwischen historischer Vorlage und zeitgenössischen Eingriffen deutlich macht und gleichzeitig Brücken baut. „Rendering“ kann man gut mit der Freskenrestaurierung vergleichen. Die erhaltenen Flächen leuchten in neuer Farbigkeit auf. Die Leerflächen werden verputzt und geben der Fantasie freien Lauf.
Als Auftragswerk hat Berio „Rendering“ für das Royal Concertgebouw Orchestra komponiert, wo es 1989 von Nikolaus Harnoncourt und 1990 in der finalen Fassung mit dem dritten Satz von Riccardo Chailly in Amsterdam uraufgeführt wurde.
Unter Mäkeläs stringenten, überaus präzisen und dynamischen Dirigat entwickelt „Rendering“ einen magischen Sog rauschhafter Romantik zwischen orchestraler Wucht Schuberts und Berios filigranen Klangteppichen mit solistischen Akzenten. Während der erste Satz „Allegro“ noch sehr von Schubert geprägt ist, entführt das „Andante“, in die subtile Klangschönheit Berios. Wie eine Zauberfee signalisiert die Celesta leitmotivisch den Übergang in den „Kitt“, aus dem Schuberts Werk letztendlich besteht, in die flirrenden, zuweilen hauchzarten Tonlinien, die große Emotionen assoziieren lassen und unvermittelt subtil dissonant ins psychisch Unbewusste abtauchen. Überaus spannend macht Mäkelä Berios raffiniertes Spiel mit räumlichen und zeitlichen Distanzen hörbar. Durch sein überaus empathisches Dirigat verwandeln sich Berios collagierte Sequenzen symbolisch immer stärker in den Urgrund orchestraler Kompositionen, gerade dann, wenn auch andere Motive von Schuberts Werken und im „Scherzo“, dem dritten Teil, tänzerische Sequenzen, kontrapunktorische Elemente und explosive Ausdrucksfreude mit finalem Charisma zum Ausdruck kommen.
Welches Werk kann eine derart famose, großartig interpretierte Komposition toppen?
Mäkeläs Entscheidung für Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ mit fünf Sätzen (1943) trifft ins Schwarze, indem er Berios „Rendering“ auf zwei Ebenen durch die rasanten fünf Sätze von Bartóks Konzert dramaturgisch fulminant steigert.
Die Bedrohung durch den Faschismus, der Tod der Mutter, die Emigration 1941 in die USA und Krankheit beschwerten Bartóks Schaffenskraft, die von der ungarischen, rumänischen und slawischen Volksmusik inspiriert und geprägt war. Nach drei Jahren kreativer Pause schrieb er in den USA innerhalb von nur sechs Wochen das Auftragswerk „Konzert für Orchester“, in dem er den Instrumenten und Instrumentalgruppen großen solistischen Raum gewährte.
Es ist ein Werk wie geschaffen für das Royal Concertgebouw Orchestra und seine faszinierenden Solisten. Auch hier setzt Mäkelä auf extreme Dynamik, rasante Artikulation. Jede Instrumentalgruppe, jeder Solist zieht durch faszinierende Klangschönheit in seinen Bann und die Tutti durch fulminante Präzision. Mäkelä sorgt für dramatische Höchstspannung. Durch Dirigat und Programmauswahl weitet er Berios Konzeption, den filigranen „Kitt“ noch im Ohr, auf Bartóks Mixtur aus ungarischen Liedern, serbokroatischen Tänzen, transsilvanische Klagegesängen, Musikzitaten aus Schostakowitschs 7. Sinfonie kombiniert mit einer Arie aus Lehars „Die lustige Witwe“. Der Urgrund musikalischer Faszination von Klangschönheit, Rhythmik und Dynamik wird auf höchstem Niveau erlebbar. Das Publikum dankt mit tosendem Applaus und Mäkelä mit einer Zugabe aus Zoltán Kodálys „Dances de Gálanta“.
Das Musikfest Berlin dauert noch bis zum 23. September.