"Kultur macht glücklich"


Morad Mostafa „Aisha Can’t Fly Away“

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Morad Mostafa „Aisha Can’t Fly Away“

©Rapid Eye Movies

Die Kamera folgt Aisha, einer sudanesischen Krankenpflegerin, die als Migrantin ihr Leben in Kairo zu meistern versucht. Sie ist jung, schön, sehr ruhig und introvertiert. Der Blick aus ihrer Wohnung offenbart…

die Unterwelt des Ain-Sham-Viertels, geprägt von Migration, Rassismus, Drogensucht, Bandenkrieg und Kriminalität. Sie träumt von einem besseren Leben und wird dabei immer stärker erpressbar. Um die eigene Wohnung und Sicherheit zu finanzieren, lässt sie Wohnungsschlüssel nachmachen, wodurch ihr Vermieter, Bandenchef des Viertels, unkompliziert einbrechen und sich bereichern kann. Weil sie nach einem Raubüberfall als letzte Kontaktperson vor der Ermordung eines Patienten unter Verdacht steht, erpresst sie ihr Arbeitgeber über die Pflege auch sexuelle Wünsche eines Patienten zu erfüllen. Immer stärker taucht Aisha in die Einsamkeit und ihre Träume ab, abgesehen von einem ägyptischen Koch, bei dem sie abends isst und einer Gruppe von jungen ebenfalls geflüchteten sudanesischen Frauen. 

In ganz ruhigen Einstellungen fokussiert Regisseur Morad Mostafa auf Aisha, ihre aufrechte Haltung, ihr schönes Gesicht, ihre souveräne Unnahbarkeit zwischen grellem Sonnenlicht und dem Dunkel der Nacht. 

Ohne viel Worte, aber mit ausdrucksvollen Bildern erzählt er eine spannende universelle Geschichte über Migration, deren Realismus er durch magisch surreale Bilder durchbricht und durch ein völlig unerwartetes Horrorszenario verdichtet. Spielte Aisha eben noch ganz real mit dem Enkel ihres weißen wohlhabenden Patienten mit Katzenmaske wie eine ägyptische Göttin Versteck, trifft sie in ihren Träumen, die die Kamera sehr real in Alltagsszenen einfängt, auf einen erhabenen Straußenvogel, den der Koch später brutal zerstückelt und verkocht. Der Straußenvogel rächt sich, indem er Aishas sexbesessenen Patienten zerhackt, worauf Aisha, die den Toten findet, vampirisch Blut saugt und ihr Federn wachsen. Diese horrormäßige Metamorphose ist bestimmt nicht jedermanns Geschmack, wirkt zunächst sehr plakativ thrillermäßig, macht aber den Film über einen Einzelfall hinaus zu einer brutalen Parabel, die den Schrecken menschlicher Ausbeutung nachhaltig wie in einem grausig surrealen Traum im Gedächtnis verankert. „Aisha Can’t Fly Away.“ Nur in ihren Träumen kann sie davonfliegen. Sie geben ihr Kraft weiterzuarbeiten. Der nächste Patient ist wieder ein alter weißer Mann.

Der Körper mutiert zum Schlachtfeld, das Sozialdrama zur weltpolitischen Parabel. Dabei mindert allerdings das gängige Klischee weißer kranker Mann ist herrisch und sexgeil, schwarze Patienten sind dankbar und fröhlich die Überzeugungskraft des Films erheblich. Man muss sich überlegen, ob man diese Bildsequenzen aushalten kann bzw. will. 

Künstlerisches Team: Morad Mostafa (Drehbuch, Regie), Sawsan Youssef (Drehbuch), Mohamed Abdel Qader (Drehbuch), Ernan El Alby (Künstlerische Leitung), Mostafa El Kashef (Chef-Kameramann), Naira Dahshoury (Kostüm-Designer) Mohamed Mambouh (Chef-Cutter)

Mit: Buliana Simon, Ziad Zaza, Mamdouh Saleh, Ernad Ghoneim, Maya Mohamed, Mohamed Abdel Hady

Ab 15. Januar ist „Aisha Can’t Fly away“ in den deutschen Kinos zu sehen.