"Kultur macht glücklich"


Leyla Bouzid „À voix basse“ – ein Plädoyer, sein zu dürfen, wie man ist

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Leyla Bouzid „À voix basse“ – ein Plädoyer, sein zu dürfen, wie man ist

©Berlinale 2026

Flugeräusche, zwei Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen blicken sich glücklich an. Doch es scheint keine…

Urlaubsreise zu sein. Lilia setzt ihre Freundin Alice im Hotel ab und fährt zur Beerdigung ihres Onkels. Als die Polizei auftaucht, wird sie mit dem ein Leben lang verdrängten Familiengeheimnis konfrontiert, der Homosexualität des Onkels. Sie recherchiert und erkennt immer mehr, wie rigide ihre Familie denkt und handelt. Keiner will wahrhaben, „dass man ist, wie man ist, ohne es sich ausgesucht zu haben.“ 

Die Dominanz der Familie wird übergriffig, als auch Lilias lesbische Beziehung unter den Tisch gekehrt werden soll. Zärtlichkeit verwandelt sich in grobe Vorwürfe. Sehr empathisch und subtil fängt Bozid das Oszillieren zwischen fröhlichen Momenten und zunehmend nervlicher Belastung ein. Nichts wirkt klischeehaft. Man taucht in die religiösen und mitmenschlichen Rituale der arabischen Großfamilie ein. Vom Aufbruch nach dem Arabischen Frühling, als Tunesien zu einem der progressivsten arabischen Länder wurde, ist nichts mehr zu spüren. Lilia konnte zwar im Ausland studieren, doch die Rückkehr in ihre Heimat erinnert, warum sie sehr daran, warum sie weggegangen ist. Die Frauen leben immer noch separiert von den Männern. Die Ältesten haben das Sagen. Die Jungen müssen sich fügen.

Über das Familiendrama weitet Leyla Bozid den Blick auf den diskriminierenden Umgang mit Homosexuellen in ihrer Heimat, denen sie mit ihrem Film eine Stimme gibt. Homosexuell zu sein verstößt nach wie vor gegen die Gesetzgebung. Gleichgeschlechtliche Sexualität gilt nach Paragrafen 230 als kriminell, nur bei Frauen wird sie nicht ernst genommen. Das scheint in der männlich geprägten Gesellschaftsstruktur gar nicht vorstellbar. 

Der Film besticht durch die spannende Ambivalenz zwischen konträren rationalen Argumenten und subtilen emotionalen Details, in denen die glücklichen Kindheitserinnerungen und fröhlichen Momente einer innigen Beziehung kollidieren. Durch die Natürlichkeit der Frauen, ihre Blicke, die mehr sagen als ihre Worte, den subtilen Soundtrack, der die Nervenanspannungen hörbar macht, und die symbolischen Sequenzen entwickelt der Film eine Emotionalität, der man sich kaum entziehen kann. Ohne die imaginäre energetische Kraft ihrer Familie wäre Lilia wäre beim Schwimmen gegen den starken Wellengang untergegangen und letztendlich sind es die Frauen, die einen im Zimmer gefangenen Vogel in die Freiheit hinausjagen und Lilia und Alice zu akzeptieren lernen. 

Bozid will mit ihrem Film Mut machen, so sein zu dürfen, wie man ist. Mit ihrem Film „Die leise Stimme“ gibt sie der Hoffnung Raum, auf die Wahrhaftigkeit und Energie der inneren Stimme zu vertrauen.

von Leyla Bouzid (Drehbuch, Regie)

Mit: Eya Bouteraâ, Hiam Abbas, Marion Barbeau