"Kultur macht glücklich"


Jannis Alexander Kiefer „Another German Thank Story“

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Jannis Alexander Kiefer „Another German Thank Story“

Once upon a time in a village … Märchenhaft nostalgisch beginnt der Vorspann zu Jannis Alexander Kiefers Film „Another German Thank Story“. Im verschlafenen Wiesenwalde im ehemaligen Ostdeutschland, wo der Georg Philipp Komponist Telemann während einer schweren Krankheit wie durch ein Wunder durch das Brunnenwasser gesundete, scheint sich plötzlich…

©Adam Graf

alles zu verändern. Eine amerikanische Filmcrew dreht auf dem Gelände einer alten Fabrik einen Film über den Zweiten Weltkrieg. Plötzlich krachen zwei Welten aufeinander. Von der Traumfabrik Hollywood bekommen die Dorfbewohner nur das Casting, nächtliches Kriegslärm, einen geparkten Panzer und die schwarze Limousinen mit, in denen die Stars chauffiert werden. Nur die Doubles logieren vor Ort, wo das Leben sich durch neue Jobs und Verdienstmöglichkeiten verändert.

In harten Schnitten, langen herbstlich brauntonigen Einstellungen, retardiertem Tempo, zwischen Sketsch und anrührender Mitmenschlichkeit, untermalt mit klassischer Musik eröffnet Kiefer den Blick auf das desolate Dorfpanorama des fiktiven brandenburgischen Wiesenwalde, das nur kurz aus seinem Dornröschenschlaf erweckt wird und dabei wie im Märchen manch Wunder erlebt. Dabei wird die fast dokumentarisch wirkende Tristesse der Realität immer wieder durch poetische Momente menschlichen Mitgefühls ausbalanciert, durch dialogischen und dramaturgischen Witz die existentielle Schwere entschärft. Kiefer gelingt das Kunststück für eingefahrene, bekannte Szenarien neue Bilder und Perspektiven zu finden.

Wer hier aus dem Zug aussteigt, steht tatsächlich unmittelbar auf der Wiese. Aus den kleinen Reihenhäuser blicken alte Menschen auf leere Straßen. Die wenigen jungen Menschen hängen perspektiv- und antriebslos herum. Und als der Strom ausfällt, ist das Chaos und die Abhängigkeit von der Traumfabrik perfekt. 

Inspiriert von den Erlebnissen bei der Suche nach einer geeigneten Drehort entstand in Kooperation mit Theresa Weininger das Drehbuch dieser makaber fiktiven Geschichte, die wie schon der Titel „Another German Tank Story“ verrät, hinter den satirisch überzogenen gesellschaftlichen, aber tatsächlich real vorhandenen Klischees die latenten menschlichen Sehnsüchte dahinter offeriert. Die Bürgermeisterin Susanne hofft auf Belebung des Ortes. Die Besitzerin der Telemann-Klause träumt schon von ihrem zukünftigen „Pancake Paradise“. Luftschlossbauer, angeblicher Starreporter Berte, nach 20 Jahren völlig abgebrannt ins Dorf zurückgekehrt, spekuliert auf eine journalistische Vermarktung des vermeintlichen Hauptdarstellers. Die alte Rosi fängt plötzlich an die Reliquien der Nazizeit zu verbrennen, kann endlich mit Hilfe der Bürgermeisterin ihren alten Panzer in der Scheune entsorgen und wäscht sich symbolisch jeden Tag im Telemann-Brunnen die Hände. Tobi, unehelicher Sohn der Bürgermeisterin findet als Chauffeur auch ohne Führerschein einen Job und sein Freund Wolffi als Soldat gecastet wähnt sich mit maßgeschneideter Uniformjacke schon als Hollywoodstar. 

In kleinen Sequenzen werden die menschlichen Beziehungen deutlich, die Kiefer skurril überdreht und gleichzeitig sehr respekt- und liebevoll zeichnet. Selbst auf dem Land aufgewachsen, kennt er den Mikrokosmos Dorf in seinen Facetten und fand diese wiederum bei seinen Recherchen. Er zeigt, was war und immer noch ist und fragt „Wer bist du geworden? Und warum hast du nichts dagegen getan?“ Gleich zu Beginn liest Berte bei seiner Ankunft in Wiesenwalde diese Sätze eingeritzt auf einer alten Holzbank. Auf jede Figur ist diese Fragestellung projizierbar, wodurch der Film, gerade weil er sich einfachen Antworten entzieht, in die Tiefe wirkt.

Kiefer erweist mit diesem Langfilmdebüt, seiner Master-Abschlussarbeit an der Filmuniversität Babelsberg, als Erfolg versprechendes Regietalent. 2024 feierte „Another German Tank Story“ auf dem Shanghai Film Festival und zeitgleich beim Filmfest München Weltpremiere und wurde mit dem Big Audience Award des First Steps Award ausgezeichnet. Ab 10. April ist der Film in den deutschen Kinos zu sehen. 

Künstlerisches Thema: Jannis Alexander Kiefer (Drehbuch, Regie), Theresa Weininger (Drehbuch), Fabian Zeidler (Komponist), Adam Graf (Chef-Kameramann), Katharina Unger (Chef-Cutterin)

Mit: Meike Dorste (Bürgermeisterin Susi), Gisa Flake (Gastwirtin), Monika Lennartz (Rosi), Johannes Scheidweiler (Susis Sohn), Alexander Schuster (Wolffi, Tobis Freund), Roland Bonjour (Berte, Susis Exfreund) u.a.