©Tondowski Filmproduktion
Gewalttätige Frauen als Ausgleich für männliche Gewalt? Isa Willinger hinterfragt in ihrem Dokumentarfilm „No Mercy“, ob es stimmt, dass Frauen tatsächlich die härteren Filme machen. Ihre Filmcollage zeigt…
brutale Filmsequenzen von renommierten Filmregisseurinnen mit Fokus auf Sex, Macht und Gewalt. Frauen knallen Männer aus Laune im Vorbeigehen ab, enthaupten sie im Beischlaf. Solche Sequenzen muss man aushalten können. Sind diese Frauen nicht Ungeheuer. Nein, ihr Verhalten ist nur die logische Konsequenz männlicher Dominanz, ist die Antwort in diversen Interviews mit den Filmregisseurinnen.
Die russische Filmregisseurin Kira Muratova – Urmutter des female gaze
Schon Willingers Trailer fokussiert auf brutale Action, womit sie die These, dass Frauen die härteren Filme machen, belegt. Dieser Satz stammt von der russischen Filmregisseurin Kira Muratova (1934-2018). Sie filmte nicht brutal, sondern minimalistisch, drehte an unwirtlichen Orten, entindividualisierte ihre Figuren durch stereotype Aussagen und wählte vorwiegend weibliche Heldinnen, um männliche Entscheidungen zu korrigieren und die Ausbeutungsmechanismen des sowjetrussischen Systems zu kritisieren. Durch ihren Minimalismus bewies Muratova, dass Frauen die härteren Filme machten, was wiederum Willinger zu ihrem Dokumentarfilm inspirierte. Immer wieder kehrt sie zu Muratovas Minimalismus zurück, womit sie den brutalen Realismus zeitgenössischer Filmemacherinnen kontrastiert.
Willinger gibt unterschiedlichsten feministischen Regisseurinnen Raum, ohne einzugrenzen, einzuordnen oder zu bewerten. Sie liefert lediglich eine Materialsammlung ohne Anspruch auf Vollständigkeit, gedacht als Impuls feministische Varianten hinter der Kamera mehr zu erforschen.
Isa Willingers Dokumentarfilm über feministische Filmregisseurinnen
Gemeinsamer Nenner ist der weibliche Blick auf Sex und Gewalt, Demütigung und Rache, Trauma und Lust, der brutale Realismus mit provokanter Action, zuweilen mit humorvollen Überraschungen kombiniert.
Was passiert, wenn Frauen Drehbücher schreiben und hinter der Kamera stehen? Frauen filmen entgegen den üblichen, festgefahrenen männerorientierten Sichtweisen, leuchten die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau aus, enthüllen die Ausbeutung der Frauen durch kapitalistische Machtstrukturen der Männer.
Nina Menkes entdeckt in „Magdalena Viagra“ männliche Übergriffigkeit gegenüber einer Prostituierten. Margit Czenki, linke Aktivistin und Bankräuberin, verarbeitet in ihrem ersten Film „Die Komplizinnen“ ihre Gefängniserfahrungen. Die österreichische Kunstaktivistin Valie Export visualisiert in „Unsichtbare Gegner“ die psychische Zerrissenheit ihrer Protagonistin Anna durch Gesten weibliche Körpersprache und eine völlig neue Filmtechnik, wodurch der Film zum Meilenstein des feministischen, experimentellen Films der 1970er Jahre avancierte. Willingers Filmcollage verdichtet sich titeladäquat zu einer Eskalation weiblicher Gewalt, und zwar als Ausgleich zur männlichen Gewalt, wie es die französische Schriftstellerin Virginia Despentes wiederholt betont.
Dabei bleibt eine Szene aus „The Day I Became a Woman“ von der iranischen Filmregisseurin Marzieh Meshikini als Symbol für die patriarchalische Dominanz besonders im Gedächtnis. Mit wallenden Haaren radeln Frauen davon, verfolgt, gestoppt und malträtiert von den galoppierenden Reitern.
„No Mercy“ – feministische Filmregisseurinnen im Dialog
Willingers Auswahl ist subjektiv und wirkt extrem zugespitzt durch die monotonen Wechsel von Interview, Filmausschnitten und Willingers Stimme als Moderatorin dazwischen, ziemlich monoton.
Nichtsdestotrotz ist „No Mercy“ inhaltlich interessant, weil Willinger 14 Regie-Ikonen, Newcomerinnen und radikale Vordenkerinnen zu Wort kommen lässt. Zum ersten Mal treten renommierte Regisseurinnen wie Céline Sciamma, Alice Diop, Joey Soloway, Nina Menkes, Valie Export, Catherine Breillat und Virginie Despentes in einen Dialog über das Filmemachen mit Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre spezifische Bildsprache.
Resümee: Isa Willingers Dokumentarfilm, der seit 05.05.2026 in den deutschen Kinos zu sehen, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen zeigt er bedeutsame Stationen in der Entwicklung des feministischen Films. Man bekommt bei manchen Filmausschnitten Lust, den ganzen Film zu sehen. Andererseits spitzt die Dokumentation die Eskalation der weiblichen Gewalt zu stark zu, um repräsentativ für the female gaze zu sein und durch die monotone Konzeption beginnt „No Mercy“ relativ schnell zu langweilen.
Drehbuchautorin und Regisseurin Isa Willinger wurde durch „Hi Ai – Liebesgeschichten aus der Zukunft“ und „Plastic Fantastic“ bekannt. Ihr Dokumentarfilm „No Mercy“, 104 Minuten, wurde 2025 zu internationalen Doc-Festivals eingeladen und erhielt sehr positive Resonanz.
Künstlerisches Team: Isa Willinger (Drehbuch, Regie), Bernadette Paassen, Siri Klug (Kamera)
Mit: Catherine Breillat, Alice Diop, Valie Export, Nina Menkes, Céline Sciamma, Monika Treut, Apolline Traoré, Virginia Despentes, Joey Solowas, Ana Lily Amirpour, Julia Ducournau, Mouly Surya










