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„Es war die Sonne“ antwortete Meursault auf die Frage, warum er den Araber umgebracht hat, und trifft damit auf das Unverständnis des ganzen Gerichtssaals. Keiner versteht…
das Verhalten Meursaults. Er ist ein ruhiger, introvertierter, pflichtbewusster Franzose, der im kolonialen Algerien der 1930er Jahre ein Fremder bleibt. Mit dieser Figur hat Camus 1942 den Prototyp eines Existenzialisten erfunden. „Der Fremde“ wurde zu einem der meist gedruckten Romane des 20. Jahrhunderts.
Angesichts der kaum zu bewältigenden Weltprobleme trifft die Verfilmung von François Ozon auf eine Denkhaltung der Gegenwart, in der die Freiheit und die Verantwortlichkeit des Individuums wieder an Bedeutung gewinnen.
Wie im Roman rollt Ozon den Fall retrospektiv aus dem Gefängnis aus. Nur eine dokumentarische Sequenz aus dem quirligen Algier stellt er voran, die die Verwandlung des Stadtbildes mit breiten Boulevards und Bürgerhäusern unter dem Kolonialismus als „fast ein bisschen zu französisch“ kommentiert. Dessen ungeachtet gilt das Leben eines Arabers nicht allzu viel. Meursault hat gute Chancen freigesprochen zu werden. Doch durch seine Aufrichtigkeit und emotionale Teilnahmslosigkeit bringt er den Richter und die Geschworenen gegen sich auf. Der Staatsanwalt entblößt ihn durch seine Fragen als emotional kalten Mörder, der ohne Grund den fünfmal auf den Araber geschossen hat, einen Tag, nachdem Meursaults Mutter beerdigt wurde, wobei er keine Träne verloren hatte. Statt zu trauern ging er zum Baden. Er lud Marie, eine frühere Kollegin, die er zufällig traf, ins Kino und verbrachte die Nacht mit ihr. Marie will ihn heiraten, auch wenn sie seine Haltung nicht versteht. Sie liebt ihn gerade deshalb, weil er anders ist als die anderen, weil er nie lügt und das sagt, was er denkt. Für ihn ist alles ohne Bedeutung. „Ein Leben ist nicht zu verändern. Ein Leben ist wie das andere“ und nach dem Tod ist Schluss, wie die hitzige Auseinandersetzung mit dem unerwünschten Gefängnispriester final offenbart.
In ruhigen Schwarz-Weiß-Sequenzen gewinnt der Film durch die Kameraführung und durch die exzellenten Hauptdarsteller, Benjamin Voisin und Rebecca Marder, eine ungewöhnliche Dichte. Größtenteils aus der Totalen gefilmt, schafft die Kamera die nötige Distanz, um das Geschehen selbst in den sinnlichsten Szenen sachlich zu betrachten. Die Protagonisten laufen in die Szene und verlassen sie wieder, wodurch das Fremdsein und die Beliebigkeit menschlichen Verhaltens deutlich werden. Meursault handelt ohne große Emotion spontan, wonach ihm gerade ist. Er raucht, isst, beobachtet die Rituale der Beerdigung, lässt die Annäherung Maries geschehen, hilft, wenn man ihn fragt, ohne nachzufragen, und schießt, ohne nachzudenken, weil ihn der Araber mit der Klinge seines Messers blendet, eine ikonische Szene, die sich ins Bewusstsein einbrennt.
Großartig spielt Benjamin Voisin diesen Meursault mit dem Charme eines großen Jungen, der die Eigenarten der Welt um sich herum beobachtet. Erst nach der Urteilsverkündung mutiert er in der Einzelhaft äußerlich zur Kreatur, doch ohne sich zu beklagen, denn das Leben an sich ist unbedeutsam, der Tod an sich ein Faktum. Nur wenn Marie ihn besuchen kommt, signalisiert sein Lächeln emotionale Zuwendung. Sie weint, er bleibt gefasst, seiner Haltung treu und trägt die Verantwortung für seine Schuld, ohne sich wegen persönlicher Wünsche herausreden zu wollen.
Überaus beeindruckend visualisiert Ozons Film, was Camus in seinem Roman schreibt. Er bleibt sachlich, verzichtet auf jegliche Emotionalisierung. Nur wenn sich eine Wende anbahnt, intensiviert Musik die Spannung. Das Flirren der Hitze, das Abdriften ins surreal Dramatische der Träume überlässt er der Kamera.
Ozon geht noch einen Schritt weiter, indem er die werkgetreue Umsetzung sehr subtil durch den kritischen Blick auf den Kolonialismus erweitert, zu Beginn durch die Miteinbeziehung Algiers als französisch geprägte Metropole, dann durch Meursaults emotionsloses Bekenntnis im arabischen Massengefängnis, einen Araber getötet zu haben, und final durch den Blick auf die Schwester des Ermordeten, die am Grab ihres Bruders trauert.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Meursaults existenzielle Haltung, die auf Freiheit und Verantwortung zielt, eine noch größere menschliche Stärke, weil er die rassistischen Winkelzüge der französischen Justiz nicht zu seinem Vorteil nützt.
Künstlerisches Team: François Ozon (Drehbuch, Regie), Philippe Piazzo (Drehbuch), Pascaline Chavanne (Chef-Kostümbildnerin), Manu Dacosse (Chef-Kameramann), Clément Selitzki (Chef-Cutter), Fatima Al Qadiri (Komponistin)
Mit: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Dennis Lavant, Hajar Bouzaouit












