©Rise and Shine Cinema
Flirrende ausschwärmende Fledermausschwärme verdunkeln den Ausgang der Höhle. Diese Filmfrequenz wird zum Leitmotiv von…
Christian Freis Dokumentarfilm „Blame“ („Beschuldigung“). Der Wissenschaftler Zhengli Shi, Linfa Wang und Peter Daszak, machen sich 2003, als in Hongkong das Leben durch die erste große Pandemie des 21. Jahrhundert erstarrt, auf den Weg, nach dem Virus SARS-CoV zu suchen. In den Fledermaushöhlen werden sie nach zehnjährigen Testreihen fündig. Ihre Warnungen, dass Viren über Fledermäuse auf Menschen übertragen werden können, wurden nicht gehört. Als Covid-19 ausbricht, stehen sie plötzlich im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Sie müssen nicht nur gegen Covid-19 kämpfen, sondern sich auch gegen Verschwörungstheorien, politische Beschuldigungen und die Streichung von Fördergeldern für ihr Forschungsinstitut zur Wehr setzen, als Donald Trump das Narrativ in die Welt setzt, dass die Pandemie durch ein Laborleck in Wuhan verursacht wurde.
Dokumentarfilmer Christian Frei ruft durch eigene Filmsequenzen und Archivmaterial von ausges chinesischen Metropolen und gigantischen Lazaretten das deprimierende Lebensgefühl in Erinnerung. Von der Katastrophe ausgehend blickt er aus wissenschaftlicher Sicht zurück in die Vergangenheit und folgt den Wissenschaftler:innen in die Fledermaushöhlen von Yunnan. Obwohl Zhengli Shi erforschte, dass Fledermäuse Viren auf den Menschen übertragen können, wird immer noch der Fledermauskot als Dünger für die Felder gesammelt. Lebende Tiere auf Märkten sind in China verboten. Trotzdem wurden auf dem Markt von Wuhan Tiere geschlachtet und verkauft.
Über Personenporträts der drei Forscher:innen, Interviews, die inquisitionale Anhörung von Peter Daszak, dem Leiter der EcoHealth-Alliance verfolgt Frei die Entstehung von Verschwörungstheorien.
Frei, als Erzähler und Beobachter im Film ständig präsent, hebt durch seine persönlichen Reflexionen immer wieder die Bedeutsamkeit der wertvollen Zusammenarbeit der Wissenschaftler:innen, unabhängig von kulturellen Bewertungen hervor. In China symbolisieren Fledermäuse ein langes Leben, in Europa stehen sie für das Gegenteil, für das Böse, als Tor zur Unterwelt. Ganz unabhängig davon, vergrößert sich das Risiko neuer Epidemien, je mehr der Mensch in die Natur eindringt. Die Natur reagiert durch inhärente Evolution viel flexibler als der Mensch und schlägt durch neue Krankheiten zurück. Es gibt 80.000 Viren, die auf die Menschheit überspringen können. Der Nipah-Virus, durch Flughunde übertragen, könnte zur nächsten epidemischen Bedrohung werden.
„Blame“ ist eine Anklage. Die Menschen begnügen sich damit, mittels Verschwörungstheorien Schuldige zu finden, anstatt Probleme in ihrer Tiefe auszuloten und durch entsprechendes Verhalten, wenn nicht zu lösen, sie doch wenigstens nicht zu provozieren.
Gleichzeitig ist Freis Film ein Plädoyer für die Wissenschaft als Mythenbrecher, allerdings nur möglich durch ein vernünftiges Maß an Vertrauen. Er fordert einen nachhaltig schonenden Umgang mit der Natur, was er final durch ausschwärmende Fledermausschwärme unterstreicht. „Wenn wir aufgeben, gewinnen die Viren.“ Ob sich seine Überzeugung „die junge Generation wird mehr unternehmen“, realisiert, wird die Zukunft zeigen.
Mit weniger Emotion durch dramatische Musik, weniger betuliche Erzählstimme und vertiefter Darstellung statt so vieler persönlicher Reflexionen wäre „Blame“ noch überzeugender.
Ab dem 5. Februar ist „Blame“ in den deutschen Kinos zu sehen.












