©Berlinale, Vento-Film
Ein alter Mann steigt hinab in das Kellerlabyrinth eines alten Wiener Gründerhauses. Der Keller entpuppt sich…
als Tonstudio. Alois Koch (*1945), alias Al Cook, einer der führenden Wiener Blues-Musiker, ist immer noch ein begeisterter Musiker, mit Haartolle und schicken Anzügen ein Wiener Elvis Presley, der sich dem Blues verschrieben hat, den Bogen zu Rock’n’Roll und Country-Blues spannte, sich gegen die technische Vermarktung der Musik zum Wegwerfprodukt wehrte und stattdessen für Liveauftritte plädierte.
Langsam, aber aufrecht trägt er den kleinen Christbaum hoch. Stilvoll feiert er Weihnachten mit Piccolo und Keksen, aber ganz allein mit Blick auf die Fotografie seiner verstorbenen Liebsten. Das Kerzenlicht rettet ihn über einen Stromausfall hinweg. Schnell wird ihm bewusst gemacht, dass weitere Maßnahmen folgen werden, um ihn, den letzten Mieter aus dem Haus, in dem er geboren wurde, hinauszuekeln, damit Abriss und Neubau termingerecht erfolgen können.
Alois blickt auf ein geglücktes Leben. Er will für sein Mietrecht kämpfen. Die Repressalien nehmen zu. Wasser wird abgedreht. Presslufthämmer über seiner Wohnung machen deutlich hörbar, wer im Haus das Sagen hat. Al Cook reagiert gefasst und nimm die Ablösesumme der Investoren an. Er verkauft sein Hab und Gut, wobei sich seine künstlerischen Fähigkeiten und seine Sammelleidenschaft wie in einem Dokumentarfilm offenbaren. Seine ausgefallenen Wohndesigns machen neue Besitzer glücklich, wobei jede Szene die latente Melancholie ironisch auflockert und bis auf einen alten Sammler die Egozentrik unterschiedlicher Vertreterinnen der jüngeren Generation subtil aufleuchtet.
Mit sehr viel Empathie für ihren Protagonisten und mit Wiener Humor präsentierte das österreichische Erfolgs-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel bei der diesjährigen Berlinale diese berührende Dokufiktion „The Loneliest Man in Town“. Ohne Kommentar, nur durch Bilder weitet sie sich zu einem Abgesang des Dritten Wiener Bezirks durch die Gentrifizierung und verstärkt die melancholische Grundhaltung des Films – Blues, wohin man blickt.
Nun schlägt Alois flotte Rhythmen an und findet in schwierigster Lebenslage neue Hoffnung. Er will nach Memphis auswandern, an die Wiege seiner Musik. Es kommt anders. Als er eine Jugendfreundin trifft, findet Alois Mississippi-Stimmung in den Donauauen. Hätte er ihr, einer absoluten Beatle-Anhängerin, seinerzeit nicht eine Elvis-Presley-LP zum Geburtstag geschenkt, wäre beider Leben vielleich ganz anders verlaufen, nicht aber die Gentrifizierung. So bleibt das melancholische Lebensgefühl trotz des sich abzeichnenden privaten Happyends.
„The Loneliest Man In Town“ ist eine würdige Hommage an den Künstler, an die Energie der Musik, und durch die Autentizität der Darsteller:innen einer der besten Wettbewerbsfilme der 76. Berlinale.
Künstlerisches Team: Tizza Covi (Drehbuch, Regie), Rainer Frimmel (Drehbuch, Regie)
Mit: Alois Koch, Brigitte Meduna, Alfred Blechinger, Flurina Schneider












