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Was ist normal? Das, was sich von selbst versteht ist für Norbert Bolz die Antwort, die Werte und…
der Lebensstil, die sich in der evolutionären Entwicklung als tauglich herausgebildet haben, um ein Zusammenleben zu ermöglichen, und die sich bislang in einer bürgerlichen Existenz widerspiegelten. In seinem Buch zeigt er auf, wie durch Wokeness, dem damit verbundenen Fundamentalismus und politisch-medialen Alarmismus das Normale den Subkulturen weicht, Minderheitenansprüche zur Regel erhoben werden, Geschlechterrollen verweigert, soziale Bindungen geschwächt und das Normale zur Ausnahme gemacht werden. Die Zukunft sieht er als verbitterten Verteilungskampf zwischen Alt und Jung, zwischen Eltern- und kinderloser Generation, in der bisherige Werte ihre Bedeutung verlieren.
Auf der Basis dieser wertkonservativen Sicht stellt Bolz in zwölf Kapiteln die zunehmenden Anormalitäten unserer Gesellschaft dar, die durch einen „modernen Wertekonservatismus“ wieder in normale Bahnen gelenkt werden sollen. Die Kernzelle der Gesellschaft ist für Bolz immer noch die bürgerliche Familie. Als wichtigster Ort persönlicher Entwicklung und Sozialisationsfaktor über Jahrhunderte hinweg, verliert sie zunehmend an Bedeutung, obwohl sie immer noch den größten Einfluss auf die Lebenszufriedenheit hat. „Was uns glücklich macht, bindet uns.“ Jemanden zu haben, dem man fehlt und der einen mit der ganzen Persönlichkeit wahrnimmt, gelingt in der Familie am besten. „Früher weinte man sich bei der Mutter aus, heute beim Psychotherapeuten“ spitzt er die Sachlage zu, ohne anderen Lebensformen diese Fähigkeit zuzugestehen.
Die Bürgerlichkeit ist für Bolz immer noch die einzige gesellschaftliche Form der Normalität. Erziehung zielt nicht auf Konformität, sondern auf die Persönlichkeitsentwicklung, die durch einen Beruf Sinn bekommt und Mut erfordert, sich zu den gesellschaftlichen Normen zu bekennen. In modernen Zeiten dagegen ersetzen Moden die Sitte. Mode will anders sein und verstärkt dadurch aber gerade den Konformismus.
Die großen Transformationen, die linke und grüne Ideologen anstreben, sieht Bolz als große Illusionen, da sie über totale Kontrolle und Abtrennung vom traditionell Überlieferten, Innovationen durchsetzen wollen. Das gelingt aber nur auf dem soliden Untergrund erprobter Lebenserfahrungen.
Wokeness befördert dagegen einen regelrechten Tugendterror und Bußrituale gegen Sexismus, Rassismus und Kolonialismus. Es fehlt der Wille zu einer klaren Bürgerlichkeit „mit Mut zur Leistung und Verantwortung, Realitätssinn und Dezenz“.
Unter dieser Prämisse kritisiert er nachvollziehbar, was im Bereich der Erziehung und den daraus entstehenden Denk- und Erwartungshaltungen falsch läuft. Die Erziehungsverantwortlichkeit wird immer mehr auf staatliche Institutionen verlagert. Der „paternalistische Wohlfahrtsstaat“ greift immer mehr in die persönlichen Freiheitsrechte des Einzelnen ein. Umgekehrt wird Eigenverantwortlichkeit mit Zügellosigkeit verwechselt. Vom Staat verlangt man Ausgleich über Sozialsysteme, ohne der Verantwortlichkeit bezüglich Leistung gerecht zu werden. Ungleichheit wird mit Ungerechtigkeit identifiziert, ohne die individuelle Leistungsfähigkeit zu berücksichtigen. Wettbewerb degeneriert zum Unwort. Unten wächst der Neid, oben das Schuldgefühl.
Besonders deutlich wird der Verlust der Normalität durch die Digitalisierung, bei das Wort längst durch Algorithmen abgelöst wurde, mit der Konsequenz, dass man vieles nicht mehr versteht. Man kann nur das Einverständnis deklarieren. Fehlende Benutzerverständlichkeit führt zu Unbehagen, die durch gigantische, politisch-mediale Angstindustrie verstärkt wird. Unsicherheiten können nicht mehr durch Tradition und Institutionen aufgefangen werden, sondern nur noch durch Systemvertrauen. Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion und Kunst entwickeln eigene immer komplexere Systeme, die immer komplizierter und teurer, aber nicht effektiver werden, die der einzelne Mensch immer weniger durchschaut, aber aushalten muss.
„Die ökologische Katastrophenperspektive verwandelt die Weltgesellschaft in eine Schicksalsgemeinschaft.“ Dabei wird moralisiert, nach Gut und Böse beurteilt und Angst geschürt. Abweichende Meinungen werden als Häresie bekämpft, obwohl gerade sie in der Kulturgeschichte oft den Fortschritt beförderten.
Politiker degradieren zu performenden Mediendarstellern. Unfähig die wesentlichen Probleme wie begrenzte Migration, Energiekosten, Entbürokratisierung in klare Reformen umzusetzen, schüren sie nur Ängste und Feindbilder. „Den Bürgern diese Angst zu nehmen, ist die wichtigste Aufgabe einer neuen Aufklärung“, so Bolz. Er fordert den Mut von den Bürgern, selbst zu denken, sich auf den eigenen Menschenverstand verlassen zu können und den Mut zur Normalität.
Je nach der politischen Ortung des Lesers wird Bolz’ Resümee begeistern bzw. provozieren. Die Lektüre lohnt, fasst sie doch zusammen, was alles schief läuft.
Norbert Bolz (*1953), studierte Philosophie, Germanistik, Anglistik und Religionswissenschaften. Er ist Medien-, Kommunikationswissenschaftler und erfolgreicher Publizist. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Ästhetik Theodor W. Adornos. Seit 1992 Professor lehrte er zuletzt bis zu seiner Eremitierung 2018 Medienwissenschaften an der TU Berlin. In vielen seiner Publikationen analysiert er die zunehmende linke Ideologisierung unserer Gesellschaft.
Norbert Bolz – Zurück zur Normalität. Mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand, Langen Müller Verlag GmbH, 2025, 256 S.












