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Journal für Philosophie – „Der Mensch und seine Illusionen“ – 56. Ausgabe des „blauen Reiters“

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Journal für Philosophie – „Der Mensch und seine Illusionen“ – 56. Ausgabe des „blauen Reiters“

©der blaue reiter Verlag Siegfried Reusch

Schon das Vorwort trifft ins Schwarze. Ohne Illusionen leben zu können, ist wohl…

die größte Illusion. Wie der Glaube unabhängig von seinem Gegenstand, beispielsweise der Religion, ein menschliches Grundbedürfnis ist, so sind Illusionen, egal ob bewusste oder unbewusste Projektionen, eine wichtige Strategie, die Wirklichkeit, das In-der-Welt-Sein zu meistern.

„Der blaue reiter“, das Journal für Philosophie, widmet sich in seiner neuen Ausgabe dieser Thematik und bietet auf 103 zweispaltigen Seiten und einem Dutzend dreispaltiger Buchbesprechungen ausgesprochen viel Lesestoff, um die Begeisterung für philosophisches Denken auch außerhalb der Universitäten zu vermitteln. Die seitens der Redaktion angestrebte Tiefe, Klarheit und Ästhetik sind erlebbar. In der Klarheit der Ästhetik spiegelt sich die Klarheit des Denkens. 

Zwölf Essays umkreisen das Thema „Der Mensch und seine Illusionen“. Den gedanklichen Rahmen steckt Otto-Peter Obermeier gleich zu Beginn ab, „Wie viel Wirklichkeit erträgt und wie viele Illusionen braucht der Mensch?“ In diesem weit gefassten Kontext werden neben den großen gesellschaftlichen Fragen über den Illusionscharakter von Glück, Glaube und maschineller Perfektion auch kleinere spezielle Themen auf ihren Illusionsgehalt überprüft. Diese Journalausgabe ist je nach Interesse ein Lesevergnügen, nicht zuletzt durch die gekonnte Kombination von anspruchsvollen Essays, erhellenden Interviews und unterhaltsamen Artikeln, gut verständlich durch knappe Worterklärungen in Infokästen direkt im Text und unabgelenkt durch die ruhige optische Aufmachung zu lesen.

Franz Josef Wetz zeigt in seinem Essay „Das Glück – eine Illusion“, wie man die chemischen Prozesse im neuronalen Belohnungsnetz durch positives Denken und alltägliche Rituale erweitern kann, auch wenn dies durch die sozialen Unterschiede, vor allem durch überzogene, den  persönlichen Talenten nicht entsprechende Erwartungshaltungen eher illusionär erscheint. 

Glück ist reales Empfinden. Der KI ist dieses Erleben fremd. Sie kann es durch entsprechende Programmierung nur erklären, wie Hilde Rüdigers personalisiertes Interview mit der KI enthüllt. Statt sich vom Konsum und den Medien treiben zu lassen, empfiehlt die KI dem Glücksuchenden eigenes Handeln, ein analoges Leben, das in die Tiefe, in die Stille geht. Die KI selbst begreift sich als Spiegel des Benutzers, der sich durch seine Fragen selbst erkennt.

Beruht nicht unser ganzes kapitalistisches System auf Illusionen? Anhand von Max Horkheimers Kritischer Theorie enthüllt Martin Krieger den Leitsatz des Kapitalismus, „Leistung führt zum Erfolg“ als reine Illusion. Zum einen haben „die Machtherren aufgehört, als Repräsentanten einer weltlichen und himmlischen Autorität zu handeln“, andererseits sind auch die Unternehmer nicht frei, weil sie von institutionellen Mächten abhängig sind. „Der Markt ist ein anonymer Gott, auf den sich diejenigen berufen, die einen Vorteil von ihm haben.“ Eine seelenlose Dynamik dominiert die Menschen. 

Unter dem interessierten Titel „Der Stifter des Sinns ist tot“ stellt der Philosoph Maurice Schuhmann die verschiedenen Positionen nach Nietzsches Hypothese „Gott ist tot“ dar. Diese Erkenntnis ist eine Chance, die dem Menschen eine Selbstverantwortlichkeit und Freiheit bringt, seinem Leben selbst Sinn zu geben. Für Nietzsche folgt daraus der Übermensch, der anderorts als postmoderner Mensch tituliert wird. Durch den Gottesverlust wird das Leben trotzdem nicht absurd, denn der Glaube an sich bleibt, entweder durch die Ideologie des Kommunismus oder durch eine individuelle Sinnstiftung. Dass diese wiederum sehr von der immer noch vorhandenen christlichen Erziehung geprägt ist, wird allerdings nicht angesprochen. 

Martina Heßler, Professorin für Technikgeschichte offenbart durch Beispiele aus der Historie und der Gegenwart „die Illusion der maschinellen Fehlerlosigkeit“, da die KI von fehlerhaften Menschen programmiert wird. 

Gut betitelt verführt jedes Thema zum Lesen auch unter den anderen Rubriken mit Unterhaltungswert. Statt einer statistischer „Umfrage“ erhellen Aphorismen den Nutzen von Illusionen. Ein Interview mit Künstler und Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi offenbart die Illusionen des Kunstmarkts und seine „Gefälschten Illusionen“.

In der Rubrik „Unterhaltung“ werden „Alltagsprobleme philosophischer Art“ wie Lügen, Krieg und Lebensverlängerung humorvoll kommentiert. Über das Mini-Dramulett „Das darf doch nicht wahr sein“ ironisiert Chefredakteur Siegfried Reusch das Verhältnis von Illusion und Realität. Spielerisch assoziativ entfaltet das „lexikon“ alltagsphilosophische Gedankengänge über „Monte Carlo“, „postfaktisch“, „Rausch“ und „Werben“. Das Bücherrätsel ist anspruchsvoll, allerdings nicht für ChatGPT.

Die Antwort „Wozu Fiktionen?“ beantwortet final ein Porträt über Hans Vaihinger, der mit seinem Buch „Die Philosoph des Als Ob“ bereits 1911 durch analytisches Denken eine klare Trennlinie zur Herrschaft der Imagination zog. 

Mit dieser Ausgabe ist dem „blauen reiter“ eine überaus vielseitige und gut durchdachte Ausgabe gelungen, die neugierig auf das nächste Thema macht.

„Der blaue reiter“ entstand 1994 in Ulm, damals bekannt als Omega Verlag. Man wollte „die Freude am Denken in die Welt tragen“. Da kein Verlag eine verständliche und hochwertige philosophische Zeitschrift zu verlegen wagte, gründeten die Initiatoren einen eigenen Verlag mit dem Ziel, „philosophisches Denken zu vermitteln, ohne einer spezifischen Denkschule verpflichtet zu sein.“ Inzwischen hat der Verlag sein Angebot um ein anspruchsvolles Buchprogramm erweitert. 

der blaue reiter: Journal für Philosophie – Der Mensch und seine Illusionen, Nr. 56, der blaue reiter, Verlag für Philosophie Siegfried Reusch, Hannover 2025, 113 S.

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